Ein Mädchen umarmt lachend ihre Großmutter
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Endlich wieder im Arm: Corona hat das Verhältnis zwischen vielen Großeltern und Enkeln geprägt.

Verhältnis zwischen Großeltern und Enkeln verändert

Psychoanalytikerin über herbe Corona-Folgen in Familien: „Wir müssen Umarmungen neu lernen“

  • Katrin Woitsch
    vonKatrin Woitsch
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Viele Großeltern sind inzwischen geimpft, doch die Begegnungen mit ihren Enkeln sind noch sehr von der Corona-Zeit geprägt. Eine Psychoanalytikerin erklärt, wie Corona Familien verändert hat.

Christa Schmidt ist Psychoanalytikerin in Ebenhausen (Kreis München). Von ihren Patienten weiß sie, dass die Pandemie familiäre Bindungen stark beeinflusst hat. Besonders das Verhältnis zwischen Enkeln und Großeltern hat unter den Kontaktbeschränkungen sehr gelitten.

Wie hat die Pandemie unseren familiären Bindungen verändert?

Die Maßnahmen, um die Pandemie einzudämmen, haben die meisten Bindungen verändert und viele sogar Wochen oder Monate unterbrochen. Vor allem die emotionalen Bindungen. Körperliche Nähe war und ist ja sogar in der Familie nur eingeschränkt möglich. Plötzlich durften Enkel ihre Großeltern nicht mehr umarmen. Für die Kinder war das auch mit Angst verbunden, weil ihnen erklärt wurde, wenn sie ihrer Oma oder ihrem Opa zu nahe kommen, könnten sie krank werden oder sogar sterben. Wie tief das sitzt, habe ich gemerkt, als ich meinen zwölfjährigen Enkel nach vielen Wochen das erste Mal wieder sehen durfte. Er blieb vier Meter vor mir mit angsterfülltem Blick stehen. Das werde ich nie wieder vergessen.

Hat sich das wieder normalisiert oder ist diese Hemmschwelle in vielen Familien geblieben?

Sie ist noch deutlich zu spüren. Wir leben ja auch noch immer im Lockdown. Ich erlebe das nicht nur in meiner Familie, sondern höre das auch von vielen Freunden und Patienten. Ich fürchte, dass viele Kinder und Jugendliche durch die lange Trennung den Draht zu ihren Großeltern oder zu ihren Cousins und Cousinen verloren haben.

Wie können wir diese Bindungen wieder stärken?

Wichtig ist, sich bewusst zu machen, dass das letzte Jahr besonders für viele Kinder und Jugendliche traumatisierend war. Aber auch für Erwachsene. Ich merke das an mir selbst. Obwohl ich inzwischen geimpft bin, bin ich noch sehr vorsichtig. Umarmungen fühlen sich für mich noch nicht wieder normal an. Wir müssen das erst wieder lernen. Gleichzeitig haben wir alle durch die Pandemie gemerkt, wie wichtig körperliche und emotionale Nähe für uns ist.

Die Psychoanalytikerin Christa Schmidt

Viele Familien konnten noch immer nicht komplett wieder zusammenkommen, weil noch Kontaktbeschränkungen gelten. Wen trifft das härter, die junge oder die ältere Generation?

Pauschal lässt sich das nicht sagen. Aber psychisch wurden durch Corona Kinder und Jugendliche am meisten verletzt. Weil sie noch keine ausgereifte Identität haben. Sie sind sehr abhängig von Kontakten – nicht nur zu Eltern, sondern auch zu Großeltern, Cousins und Freunden. Seit vieles weggefallen ist, beobachten wir, dass viele Kinder und Jugendliche unter Ängsten und Depressionen leiden – bis hin zu Selbstmordgedanken. Auch das Essverhalten ist durch die Lockdown-Zeit bei vielen jungen Menschen gestört worden. Einige trinken mehr Alkohol, oder nehmen sogar Drogen.

Gerade bei kleineren Kindern macht die Pandemie-Zeit einen Großteil ihres Lebens aus. Können sie diese Zeit in ihrer Persönlichkeitsentwicklung wieder aufholen?

Einige sicher. Für die Kinder, die in stabilen Familien aufwachsen, ist das leichter. Aber wenn die Eltern existenzielle Sorgen haben oder es vorher schon familiäre Probleme gab, wird diese Zeit für die Kinder sicher Folgen haben. Wir Therapeuten haben bereits jetzt schon lange Wartelisten.

Gibt es insgesamt mehr Menschen, die nun professionelle Hilfe brauchen?

Ja, das merkt man deutlich. Ich habe Patienten, die noch immer große Angst haben. Einige trauen sich auch trotz Impfung noch nicht, wieder am Leben teilzunehmen. Die Nachrichten von immer neuen Mutationen schüren diese Angst. Vielen geht nun auch immer mehr die Kraft und Zuversicht aus, die sie zu Beginn der Pandemie noch hatten.

Was könnte helfen?

Ich plädiere für mehr Kontaktmöglichkeiten innerhalb der Familien. Die Älteren sind ja großteils inzwischen geimpft, außerdem gibt es Testmöglichkeiten. Man sollte viel mehr auf die Eigenverantwortung setzen, statt noch mehr Angst zu schüren. Eltern rate ich, mit ihren Kindern offen über ihre Gefühle zu sprechen und verständnisvoll zu sein. Kinder und Jugendliche konnten vielen ihrer Hobbys nicht mehr nachgehen. Viele mussten trotz negativer Tests immer wieder in Quarantäne. Das ist für Jugendliche wirklich hart. Wir haben uns lange auf die Risikogruppen und die Todeszahlen fokusiert und das war auch richtig. Jetzt sollten wir mehr darüber nachdenken, wie sich die Maßnahmen auf die junge Generation auswirken.

Könnte in der Corona-Zeit auch etwas Gutes stecken? Sind Familie und Freunde wichtiger geworden?

Ich denke schon. Wir alle haben gelernt, wie wichtig soziale Beziehungen sind. Gleichzeitig erkennen wir, dass anderes nicht so bedeutsam ist, wie wir dachten.

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