Tradition wird zum Verhängnis

Maibaumwache als Corona-Herd: Neun junge Bayern angesteckt

  • Sebastian Grauvogl
    vonSebastian Grauvogl
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  • Claudia Schuri
    Claudia Schuri
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In Holzhausen (Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen) wird alle fünf Jahre ein Maibaum aufgestellt. In diesem Jahr geriet die Maibaumwache Anfang März zum Brutherd für das Coronavirus.

  • In Holzhausen wird alle fünf Jahre ein Maibaum aufgestellt.
  • In diesem Jahr geriet die Maibaumwache in den ersten beiden Märzwochen und noch vor der Ausgangsbeschränkung zum Brutherd für Corona*.
  • Viele Orte in Bayern lassen die Tradition wegen Corona ruhen.

München – Die Vorbereitungen liefen seit eineinhalb Jahren. Kabarettabend, Bieranstich, Rocknacht und natürlich die Maifeier waren organisiert, der Baum war gefällt. Alle fünf Jahre wird inHohenschäftlarn (Kreis München) ein Maibaum aufgestellt und dann gibt es ein großes, mehrtägiges Fest. Heuer wäre es wieder so weit gewesen, bis zu 2600 Gäste wurden erwartet – doch daraus wird nichts. Denn wegen derCorona-Krise werdenMaifeiern und Maibaumaufstellen abgesagt.

„Auch unsere Wachhütte haben wir gesperrt“, sagt der Hohenschäftlarner Burschenvereinsvorsitzende Florian Metz. „Zuerst nur für die Öffentlichkeit und seit ein paar Wochen ganz.“ Genau 41,64 Meter groß ist das Prachtstangerl, das die Hohenschäftlarner am Faschingsdienstag aus dem Wald geholt hatten. Der Baum wurde in der Hütte bewacht, die Helfer waren bereits dabei, ihn zu hobeln.

Maibaumaufstellen während Corona: „Wir waren schon Anfang März in Kontakt mit den Behörden“

In Holzhausen (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) haben die Burschen und Madl ebenfalls schon Wache gehalten und den Baum vorbereitet. „Wir waren schon Anfang März in Kontakt mit den Behörden“, betont der Burschenvereinsvorsitzende Sebastian Bolzmacher. „Schon vor den Ausgangsbeschränkungen haben wir die Personenanzahl im Wachraum verringert.“ Nur zwei Bewacher seien zuletzt gleichzeitig vor Ort gewesen. 

Doch trotzdem steckten sich die Bewacher untereinander an. Ein junges Mädchen war an Covid-19 erkrankt. Als sie davon erfuhr, informierte sie sofort die anderen Holzhausener. Es folgten weitere Tests – neun davon waren positiv. Infiziert hatten sie sich vermutlich bei der Maibaumwache.

„Soweit ich weiß, sind inzwischen alle wieder gesund“, sagt Sebastian Bolzmacher. Was ihn besonders freut: „Im Dorf gab es einen unglaublichen Zusammenhalt.“ Auch bei der Maifeier packt immer der ganze Ort an, um den Baum mit Muskelkraft in die Höhe zu wuchten. Das alles entfällt heuer

„Für uns als Verein ist das eine schwierige Situation, weil wir keine Einnahmen haben, aber zum Beispiel einen Teil des Bierzelts bezahlen müssen“, sagt Bolzmacher. Der Verein überlegt, den Baum im Laufe des Jahres aufzustellen, wenn sich die Situation beruhigt hat. „Dann aber im kleinen Rahmen ohne ein großes Fest.“ Der alte Baum sei bereits umgeschnitten. Und: „Nächstes Jahr gibt es so viele Maibaumfeste in der Umgebung.“

Die Vorbereitungen für das Maibaumaufstellen liefen auf Hochtouren. In Holzhausen haben die Organisatoren den Stamm schon geschäpst und die Rinde entfernt.

Coronavirus München: Verlegung des Maibaumaufstellens ist eine Option

Eine Verlegung des Maibaumaufstellens auf einen anderen Termin ist eine Option, die in einigen Orten diskutiert wird. So auch in Weichs (Kreis Dachau). „Wir warten ab, wie es weiter geht, es ist noch alles offen“, sagt Heinz Lamprecht vom Trachtenverein D’Kreuzbergler. Sicherheit sei aber bei allen Entscheidungen das wichtigste Kriterium. In Weichs wird der Baum ebenfalls per Hand aufgestellt. „Da stehen mehrere Leute Wange an Wange, das kann man nicht verantworten“, erklärt er. Derzeit liegt der neue Maibaum im Wald und der alte steht noch.„Wir sind mit der Versicherung im Gespräch“, sagt Lamprecht. „Wir würden ihn gerne stehen lassen, aber wenn das nicht geht, sind wir zur Not eben ohne Maibaum.“

In anderen Orten wie zum Beispiel Hundham (Kreis Miesbach) ist die Ortsmitte schon länger verwaist. Dort musste der alte Baum 2018 wegen Holzstich entfernt werden. Der neue Stamm war schon geliefert – jetzt soll er zu Brettern verarbeitet werden. „Vielleicht bauen wir eine Hütte daraus“, sagt Organisator Michael Gartmaier.

Coronavirus: In Holzhausen bleibt der Baum gelagert

In Holzhausen dagegen bleibt der Baum zunächst gelagert. Die Burschen haben am Lagerort einen netten Brief angebracht, mit der Bitte, ihn nicht zu beschädigen oder zu stehlen. Auch in Hohenschäftlarn liegt der Stamm weiter in der Hütte. „Wenn in der Situation jetzt jemand einen Baum klaut, dann hat das sowieso nichts mehr mit Tradition zu tun“, sagt Florian Metz.

 „Der Baum ist im Trockenen“, betont er. Das ist wichtig, weil er 2021 aufgerichtet werden soll. Eine Verschiebung des Fests auf einen anderen Termin ist den Organisatoren zu riskant. Und Gäste und Dorfbewohner nicht miteinzubeziehen, kommt für sie nicht infrage: „Dann hätten ein paar Leute den Baum alleine fertig machen müssen“, sagt Metz. „Aber der Maibaum soll eine Gemeinschaftsaktion sein.“

Claudia Schuri und Sebastian Grauvogl

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