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Haben Verständnis für den Frust der Helfer: ( v.l.) Elif Yildizoglu, Christoph Göbel und Leonhard Schmid, Geschäftsbereichsleiter Asyl, empfangen Asylhelfer.  

Asylpolitik

Arbeit auch bei geringer Bleibeperspektive

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Landkreis - CSU-Landrat Christoph Göbel stellt sich gegen die verschärfte Asylpolitik seiner eigenen Partei.

Christoph Göbel (CSU) will alle Möglichkeiten nutzen, damit Asylbewerber – selbst diejenigen mit geringer Bleibeperspektive – zügig eine Arbeitserlaubnis erhalten. Damit stellt sich der Landrat gegen die Politik seiner eigenen Partei.

Zum dritten Mal hat der Landkreis Mitglieder der Asylhelferkreise aus seinen 29 Städten und Gemeinden zu einem Empfang eingeladen. „Die ganze Arbeit wäre ohne sie gesellschaftlich nicht zu schaffen“, sagte Göbel am Montagabend im Festsaal des Landratsamts: „Mir imponiert es sehr, dass es immer noch so viele gibt, die durchhalten.“ Alle Ebenen von Politik und Verwaltung müssten die Arbeit der Helfer unterstützen. Zugleich dankte er dem Team im Landratsamt für die gute Arbeit.

Erst 1000 Flüchtlinge anerkannt

Aktuell leben offiziell 4300 Flüchtlinge im Landkreis. Das Landratsamt rechnet damit, dass ihre Zahl in diesem Jahr auf 6000 steigt. Aber erst knapp 1000 der vom Landkreis untergebrachten Asylbewerber sind nach Angaben des Landratsamts anerkannt.

Göbel hält es für fatal, Flüchtlinge zum Nichtstun zu verurteilen: „Bis ihre Asylverfahren abgeschlossen sind, solange sind die Menschen sehr lange in den Unterkünften. Wenn sie verdammt wären, nur herumzusitzen, wäre das sozial, politisch und auch mit Blick auf die Volkswirtschaft problematisch.“

Die Flüchtlinge zu qualifizieren und in Arbeit zu bringen, sei das Wichtigste: „Wir werden alle Möglichkeiten nutzen, die wir haben, um Arbeitserlaubnisse zu erteilen, auch für Menschen mit geringen Anerkennungschancen.“ Damit sprach Göbel mit klaren Worten einen dringenden Wunsch der Helfer an, die über Bürokratie und lange Wartezeiten bei der Erteilung von Arbeitserlaubnissen klagen. Zugleich stellte sich der Landrat gegen die eigene CSU, die ihre Asylpolitik verschärft hat und Flüchtlingen mit geringerer Bleibeperspektive die Arbeitserlaubnis erschweren will.

Landkreis will alle Ermessensspielräume nutzen

Göbel erklärte, der Landkreis werde alle Ermessensspielräume nutzen, den die gesetzlichen Vorgaben lassen, damit unbescholtene Asylbewerber, die Arbeit finden, ihre Arbeitserlaubnis erhalten, ob sie nun etwa aus Afghanistan stammen – mit guter Bleibeperspektive von 56 Prozent – oder aus Pakistan mit einer Perspektive von nur drei Prozent. Allein Flüchtlinge mit senegalesischer Staatsangehörigkeit hätten keine Aussicht auf eine Arbeitserlaubnis, sagte Göbel, weil sie „null Bleibeperspektiven“ haben. Und: „Im Landkreis gibt es bisher keine einzige abgelehnte Arbeitserlaubnis.“

Seinen Gästen versicherte der Landrat: „Ich habe großes Verständnis für Frust, und auch wenn sich Helfer zurückziehen.“ Sein Appell: „Bitte lassen Sie uns wissen, wo wir etwas besser machen können. Wir bemühen uns sehr, so wie Sie sich bemühen.“

10 000 Euro Fördergeld für jeden Helferkreis abrufen

4500 bis 5000 Helfer engagieren sich im Landkreis. „Manche sind 45 bis 50 Stunden pro Woche im Einsatz, quasi in Vollzeit“, sagte Elif Yildizoglu, die im Landratsamt Koordinatorin für die Helferkreise ist. Sie kündigte eine demografische Erhebung bei den Helferkreisen an, um die Förderung von 10 000 Euro pro Helferkreis beim Bund abrufen zu können. Das Landratsamt baut zudem ein neues Weiterbildungsangebot auf, damit Helfer den Abschied eines Schützlings besser verarbeiten können.

Schließlich plant Elif Yildizoglu ein Modellprojekt: „Helfer sollen sich gegenseitig in Krisen beraten.“ Dazu werden Helfer als Mentoren ausgebildet. Sie bat ihre Gäste: „Wenn Sie keine Lust mehr haben und ausgebrannt sind, bitte ich Sie, die Angebote anzunehmen.“

Ein Fotograf wird zudem das vielfältige Engagement dokumentieren: „Egal, ob Sie Deutsch unterrichten, Windeln wechseln, babysitten, politisch aktiv sind oder sich mit einem Amt streiten“ – all das wird ein Fotoprojekt sichtbar machen.

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