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Kreisheimatpfleger warnt vor Entwicklung in Boom-Region

Darum ist Heimat in Gefahr

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Kreisheimatpfleger Alfred Tausendpfund spricht über sein Verständnis von Heimat, Seehofers neues Heimatministerium und den „abartigen“ Heimatbegriff der AfD.

Landkreis – Die Heimat im Landkreis München ist in Gefahr. Das sagt Kreisheimatpfleger Alfred Tausendpfund (78). Er spricht über sein Verständnis von Heimat, Seehofers neues Heimatministerium und den „abartigen“ Heimatbegriff der AfD.

Herr, Tausendpfund, was oder wo ist für Sie Heimat?

Alfred Tausendpfund: Ich habe mehrere Heimaten, wobei mir das Wort Heimaten überhaupt nicht gefällt. Ich bin in Bamberg geboren. In Erlangen und München habe ich studiert. Später arbeitete ich als Archivar in Würzburg und kam wieder zurück nach München. Seit 30 Jahren lebe ich in Unterhaching. Wenn ich mich frage: Wo gehörst du eigentlich hin? Dann gibt es zu Unterhaching keine Alternative. Es ist der Ort, an dem ich mich richtig wohlfühle und Mitbürger sein möchte.

Ist Heimat nicht dort, wo man aufwächst?

Tausendpfund: Nein, eher dort, wo man sich zugehörig fühlt. Heimat ist mit Emotionen verbunden.

Also ist Heimat mehr ein Gefühl als ein Ort?

Tausendpfund: Ich würde sagen, es ist eine regional-emotionale Beziehung. Als ich noch beruflich tätig war, hätte ich mir durchaus vorstellen können, innerhalb Bayerns umzuziehen. Aber über Bayern hinaus fehlen mir derart enge Bezüge.

Menschen aus allen Ecken der Welt ziehen in den Landkreis. Hat man es hier schwerer als in ländlichen Gebieten, Anschluss zu finden?

Tausendpfund: Das ist eine ganz schwierige Frage. Um im Landkreis München Fuß fassen zu können, muss man ja einiges auf den Tisch blättern. Die Frage ist: Werden sich die Neubürger auch einbringen wollen oder dominiert eher der Standpunkt: Hier haben wir erst einmal ein Grundstück, eine Kita oder ein Gymnasium für unsere Kinder gefunden.

Kreisheimatpfleger Alfred Tausendpfund.

Was glauben Sie?

Tausendpfund: Es gibt im Landkreis unwahrscheinlich viele Menschen, die sich in Vereinen engagieren und dadurch beheimatet werden. Aber es gibt auch viele, die sich zwar einbringen wollen, aber Hemmungen haben, wirklich aktiv zu werden. Das ist eine schwierige Situation.

Letztens haben Sie die Ortsheimatpfleger des Landkreises zu einem Treffen ins Landratsamt geladen. In der Einladung stand: Heimat ist in Gefahr. Ist Heimat in der Region wegen des Siedlungsdrucks mehr in Gefahr als anderswo?

Tausendpfund: Ja, und zwar nicht nur, weil die Kommunen größer werden. Es geht auch viel Substanz in den alten Dörfern verloren. Natürlich wissen die Einheimischen noch, wo beispielsweise in Unterhaching an der Hauptstraße die alten Tegernseer Höfe standen. Das alte Gewerbe verschwindet, und größere Betriebe siedeln sich neu an. Mit dieser Entwicklung geht einher, dass alte Traditionen verschwinden, die das Dorf einst ausgemacht haben, wie alte Bräuche, das Kleingewerbe oder der Schmied, Metzger oder Bäcker um die Ecke.

Thema Wohnen: Ein Hochhaus passt vielleicht nicht zum dörflichen Charakter. Aber irgendwie muss man Wohnraum schaffen.

Tausendpfund: Es gibt Herausforderungen in unserer Region wie den Wohnungsbau oder die wirtschaftliche Entwicklung. Dafür wird man einen hohen Preis zahlen müssen. Aber es wäre den Stadt- und Gemeinderäten zu wünschen, dass sie bei der Wahl der Schwerpunkte maßvoll und wählerisch sind.

Müssen sich die Gemeinden hinsichtlich ihrer Identität neu erfinden?

Tausendpfund: Da wäre ich vorsichtig. Das hieße ja, dass sie unter anderem ihre alte Eigenart aufgeben müssten. Sie würden in ein Vakuum stürzen. Außer einem Siedlungskonglomerat bliebe wenig übrig.

Wie geht es dann?

Tausendpfund: Es gibt in jedem Dorf unglaublich viele Vereine. Von der Feuerwehr bis zu den Schützen und Sängern. Sie alle leisten etwas, was die Menschen zusammenbringt, Diskussionsthemen schafft und die Gemeinschaft fördert. Ganz stark sind heute auch die Sportvereine.

Geht der Prozess des Heimatwerdens nur über Vereine?

Tausendpfund: Nur weil man beim Bäcker oder im Supermarkt an der Kasse beisammen steht oder sich auf der Straße grüßt, rückt man nicht näher zusammen. Der Kontakt geht über gemeinsame Interessen und Bedürfnisse. Neben den Vereinen spielen deshalb auch Kirchen und Bildungseinrichtungen eine große Rolle.

Sind Vereine diejenigen, die Heimat schützen können?

Tausendpfund: Auf jeden Fall. An ihnen hängt das Ganze sogar. Wenn die Vereine verschwinden, beginnt die Beliebigkeit. Wer Heimat schützen will, muss auch die Vereine schützen.

Die Politik entdeckt gerade den Heimatbegriff für sich. Heimat ist fast schon ein politisches Schlagwort geworden.

Tausendpfund: Die Regionalpolitiker wussten das wohl schon immer. Verwunderlich ist das eher bei den Landespolitikern, wo man Verdacht schöpft, dass sie damit Wählerstimmen gewinnen wollen.

Der neue Ministerpräsident Markus Söder ist mal bei der TV-Serie „Dahoam ist Dahoam“ aufgetreten. Da muss er nach München trampen, weil er eine Autopanne hat. Die Bürgermeister von Lansing nimmt ihn mit. Im Auto erzählt er, wie der Freistaat die Dörfer vorm Aussterben schützt, etwa durch Breitbandausbau.

Tausendpfund: Ich möchte ihm jetzt nicht die Butter vom Brot nehmen. Aber die Politik hat keine Lösung für das Problem, dass die Gemeinden Aufgaben übernehmen wollen oder müssen, die nur mit zusätzlichen Einnahmen aus der Gewerbesteuer zu finanzieren sind. Das führt dazu, dass Gemeinden an Autobahnausfahrten Gewerbeflächen ausweisen, um mehr Geld durch die Steuer zu generieren. Ich würde mir wünschen, dass man einen Teil in Form eines Strukturfonds verallgemeinert, von dem auch die Gemeinden profitieren, die nicht an einer Autobahn liegen, aber dennoch Auflagen oder Bedürfnisse ihrer Bürger erfüllen müssen.

Was erwarten Sie sich vom neuen Heimatministerium unter Horst Seehofer?

Tausendpfund: Ich hätte mir etwas mehr Emotionales erwartet. Die Abdeckung von Bedürfnissen wie Breitband oder Verkehrserschließung, dagegen habe ich nichts. Aber Seehofer sollte mehr Aktivitäten in den Regionen stärken, zum Beispiel mehr Vereine und Aktionen auszeichnen, die sich für die Heimatpflege vor Ort einsetzen. So würde man mehr Tatendrang aktivieren.

Die AfD verwendet den Heimatbegriff sehr emotional.

Tausendpfund: Ja, aber die AfD missbraucht Heimat. Sie stilisiert den Ausländerbegriff ins Abartige und gibt damit dem Heimatbegriff einen politischen Background. Das ist einfach abartig.

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