"Das wird einige Ärzte den Kragen kosten"

- Neue 10-Euro-Praxisgebühr wird teils mit Sorge beobachtet

VON MARTIN BECKER Landkreis - Die Ungewissheit herrscht bei Patienten wie Ärzten gleichermaßen: Wie wird sich die neue "Praxisgebühr" in Höhe von 10 Euro, die seit dem 1. Januar fällig ist (vgl. Kasten), im medizinischen Alltag auswirken? Eine vielschichtige Problematik - dies ergaben Recherchen bei Ärzten aus dem südlichen Landkreis München. Existenzsorgen, Qualitätsverlust, erhöhter Konkurrenzdruck, Streit um Überweisungsscheine, weitere Gebühr-Anhebungen, Verwaltungsaufwand oder sogar Überfälle auf Arztpraxen wegen hoher Bargeldbestände: Die neue Regelung fördert eine Reihe teils fragwürdiger Szenarien zutage.

"Dass im Zuge der Reformen alles mehr kostet, ist den Patienten durchaus bewusst", glaubt der Unterhachinger Allgemeinmediziner und SPD-Gemeinderat Dr. Klaus Hirschmann (47). "Wir Ärzte müssen nun für die Krankenkassen das Geld eintreiben, denn von den 10 Euro bleiben uns nur 50 Cent Verwaltungsgebühr übrig." Rein logistisch eine aufwändige Sache. "Im Baumarkt haben wir uns eine Geldkassette besorgt, und um alles finanztechnisch auf die Reihe zu bekommen, muss ich Extra-Personal einstellen", so Hirschmann.

Doch können sich finanziell schlecht Gestellte Arztbesuche überhaupt noch leisten? "Diese Reform trifft in der Tat vor allem jene, die wenig Geld haben", weiß Hirschmann. In Unterhaching haben die Ärzte ein inoffizielles Abkommen beschlossen. "Wir haben uns vorgenommen, absolut jeden zu behandeln." Wobei 10 Euro noch verkraftbar sein Aufschrei der Patienten vermisst können. Aber, so Hirschmann: "Wie schnell kann sowas vielleicht auf 20, 30 oder 40 Euro erhöht werden? Da sehe ich eine Entwicklung, die mir nicht gefällt." Insofern habe er einen Aufschrei der Leute vermisst.

Den politischen Grundsatzgedanken, alles in Richtung Hausarzt zu bündeln, hält Hirschmann im Prinzip für richtig. Und dass manch einer der 10 Euro wegen auf einen Arztbesuch verzichte, sei letztlich positiv: "Es sollen schließlich nur die Leute zum Arzt gehen, die wirklich krank sind", sagt Hirschmann. Wer nun aber mit der Mandelentzündung direkt zum HNO-Arzt, mit dem Bruch zum Chirurgen will? Hirschmann: "Davor haben wir Angst, dass die Patienten bei uns Schlange stehen, um Überweisungsscheine zu bekommen."

Während Hirschmann versucht, der Gesundheitsreform das Positive abzuringen, beurteilt sein Unterhachinger Kollege Dr. Stefan Lärm die Neuerungen mit deutlich mehr Skepsis. Stichwort Qualität: "Da wird es Einbußen geben müssen, denn der Topf für die Mediziner wird kleiner - also können die Ärzte weniger verteilen." Der 52-jährige Gynäkologe nennt Beispiele: "Einige Leistungen, wie Ultraschall oder Laboruntersuchungen, fallen aus dem Budget. Das muss der Patient ab sofort selbst bezahlen, und das Fiese an der Sache ist: Niemand hat das den Leuten bislang gesagt!" Der Weg zur Zwei-Klassen-Medizin sei daher geebnet.

Besonders das Gerangel um die Überweisungsscheine macht Lärm Sorgen. Denn, wer außer dem Hausarzt darf sie überhaupt ausstellen? "Das ist strittig", so der 52-Jährige. Fakt ist, dass regelmäßig frequentierte Fachärzte - zum Beispiel im HNO-Bereich - mit Aushängen geradezu dafür werben, dass sie und nicht der Hausarzt jeden beliebigen Überweisungsschein ausstellen. Der Konkurrenzkampf um den Patienten hat begonnen, und Lärm schätzt: "Das wird einige Ärzte den Kragen kosten." Der Gynäkologe befürchtet, dass "vor allem ältere Patienten nicht mehr zum Facharzt gehe". Entweder, weil sie vom Hausarzt keinen Überweisungsschein bekommen, oder, weil ihnen das Procedere zu umständlich ist: Erst zum Hausarzt, dort einen Überweisungsschein ergattern, dann zum Facharzt mit neuerlicher Wartezeit? "Alles wird mühsamer - das ist die Abschreckungsfunktion, die entstehen soll", schimpft Lärm. Seine düstere Prognose: "Es ist beabsichtigt, dass die Leute weniger zum Arzt gehen."

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