Schädlingsbekämpfer von Top-Tox warnen vor der unterschätzten Gefahr durch Schadnager

Zu Besuch bei den „Rattenfängern von Haar“

  • Martin Becker
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Man sieht sie fast nie, nur ihren Spuren: Ratten können zur Plage werden. Auf die Bekämpfung der Schadnager sind die Experten von Top-Tox in Haar spezialisiert. Sie warnen vor Leichtsinn.

Die Schädlingsbekämpfer Robert Stadlmaier (l.) und Stefan Daniel von Top-Tox in Haar..

Haar – Simple Mathematik verdeutlicht die Dimension. Die Tragezeit beträgt gerade mal drei Wochen, vier bis sechs Würfe pro Jahr sind möglich, jeweils sechs bis acht Junge kommen zur Welt. Wo Ratten sich ungehindert vermehren können, werden sie für Menschen zur bedrohlichen Plage, denn sie richten massive Schäden an und übertragen gefährliche Krankheiten. Mit Flötenspiel wie bei der Sage vom „Rattenfänger von Hameln“ ist das Problem nicht zu lösen, es braucht stärkere Waffen. Wir haben die „Rattenfänger von Haar“ besucht: die Schädlingsbekämpfer der Fachfirma Top-Tox, die in Stadt und Landkreis seit Jahrzehnten den Schadnagern auf der Spur sind.

„Ratten sind sehr scheue und nachtaktive Tiere“, sagt Robert Stadlmaier. Bekomme man zufälligerweise eine zu sehen, würden „bis zu 100 Exemplare im Verborgenen leben“. Dass sie trotzdem die Nähe zu Menschen suchen, dafür nennt der 46-Jährige „drei Hauptmotivationen“. Erstens Nahrung, „Ratten sind Allesfresser“. Zweitens Fortpflanzung – „das geht am besten dort, wo sie Nahrung finden“. Und drittens Schutz: Weil sie so scheu sind, „schlüpfen Ratten gern dort hinein, wo sie sich gut verstecken können“. Ins Mülltonnenhäuschen, in die Garage, in den Gartenschuppen. Oder in die Wohnung.

Der kleine Finger reicht für eine Maus, der Daumen für eine Ratte.

Stefan Daniel über die Lücke, die als Durchschlupf genügt

Mit dem Irrglauben, Ratten würden vor allem auf entlegenen Mülldeponien leben, räumen Stadlmaier und sein Kollege Stefan Daniel (54) auf. In ihrem Büro im Haarer Ortsteil Salmdorf haben sie unzählige Fälle dokumentiert, meist mit erschreckenden Bildern. Wie Ratten sich in einem Supermarkt von unten durchs Hartplastik einer Tiefkühltruhe zum Fleisch durchnagten. Wie sie in einem Mehrfamilienhaus übers Fallrohr der Wasserleitung bis in den vierten Stock gelangten und dort lange unbemerkt unter einer Badewanne hausten. Wie sie Gärten in Wohnsiedlungen als ihr Paradies entdeckten.

Rattenbekämpfung daheim: Die üblichen Baumarktmittel, Köderboxen und Giftköder der ersten Generation.

Das Problem, betonen die Experten von Top-Tox, sei „immer der Mensch“ beziehungsweise dessen Achtlosigkeit. Die Formulierung „gefundenes Fressen“ bekomme aus Rattensicht eine ganz neue Bedeutung, denn eins muss man wissen: Ratten sehen zwar schlecht, haben aber eine unglaublich gute Nase. „800 bis 1000 Meter pro Tag legen sie für die Nahrungssuche zurück“, sagt Stefan Daniel. Und im urbanen Umfeld fänden sie leider allzu oft einen perfekt gedeckten Tisch: offene Komposthaufen im Garten, gedankenlos weggeworfene Grillreste an der Isar, überquellende Mülltonnen.

Folgenschwerer Fehler: Essensreste in Toilette entsorgen

Ganz schlimm, warnt Stefan Daniel, sei es, Essensreste über die Toilette zu entsorgen. Denn „noch über Monate hinweg“ könnten Ratten in der Kanalisation den Weg von und zur Nahrung nachvollziehen. Dass also plötzliche eine Ratte den Klodeckel anhob: Ja, auch das gab es schon. Hochattraktiv seien zudem Gartenteiche, in denen Fische gefüttert werden. „Wegen der Proteine ist das für die Ratten quasi Superfood“, sagt der 54-Jährige. „Anders als Mäuse brauchen Ratten nämlich Wasser. Und wenn darin was zum Fressen schwimmt...“ Aber können Ratten überhaupt schwimmen? „Ja, sogar hervorragend, tauchen ebenso.“ Was Höhendistanzen angeht: „Sprünge bis 1,20 Meter sind kein Problem. Klettern mögen Ratten nicht so gern, im Notfall tun sie es aber auch.“

Und was das Durchschlupfen angeht, dies veranschaulicht Stefan Daniel mit einer Faustregel: „Der kleine Finger reicht für eine Maus, der Daumen für eine Ratte.“ Ein kleiner Spalt also, und schon ist das Ungeziefer drin.

Vorsorge ist am wichtigsten

Wie lässt sich ein Rattenproblem, vielerorts unerkannt, vermeiden oder beheben? „Das Wichtigste ist die Vorsorge“, sagt Stefan Daniel. Also die Nahrungsmittelkette abschneiden: Essensreste nur im Restmüll entsorgen, Vogelfutter oder Grassamen geruchsdicht verpackt lagern, Igelfutter nicht mehr nachts bereitstellen. Der Ansicht, die Wanderratte ziehe – nomen est omen – von selbst weiter, widerspricht der Fachmann: „Haben Wanderratten einmal eine Nahrungsquelle entdeckt, sind sie sehr standorttreu. Sie kommen, aber sie gehen nicht mehr.“

Haben sich Ratten einmal eingenistet, egal ob in Garten oder Haus, helfen Köderboxen und Gifte aus dem Baumarkt nur noch bedingt. Das allgemein verkäufliche Rattengift sei der Wirkstoff der ersten Generation, rund 40 Jahre alt – Ratten hätten dagegen entweder Resistenzen entwickelt oder müssten die Hälfte des Körpergewichts davon fressen, um zu sterben. Und Hausmittel, wie terpentingetränkte Lappen oder benutztes Katzenstreu in Rattenlöcher zu stopfen, hätten nur einen Placebo-Effekt, mehr nicht. Gleiches gelte für surrende Ultraschallgeräte: „Die schrecken bloß Marder ab.“

Ratten haben eine Neophobie

„Ohne Gift geht es nicht“, betonen die Profis, die einen anderen Wirkstoff verwenden dürfen. Natürlich geschützt in speziellen Boxen, damit Hunde oder Katzen nicht damit in Berührung kommen. Frisst die Ratte davon, stirbt sie einen langsamen Tod nach einigen Tagen. Was den Effekt hat, dass die anderen Ratten nicht so schnell misstrauisch werden. Trotzdem dauere es manchmal bis zu fünf Wochen, bis die Ratten erstmals anbeißen würden, sagt Stefan Daniel: „Sie haben eine Neophobie. Angst vor Veränderungen.“ Alles Neue meiden sie. Zunächst jedenfalls.

Vermeintlich niedlich, aber sehr gefährlich: eine Ratte.

Wer aus „falscher Tierliebe“ Ratten sogar anfüttere, handele grob fahrlässig und gefährde die Mitmenschen. Denn auf der Suche nach Nahrung machen die gefräßigen Nager vor nichts Halt: „Blei, Zement, alles kein Problem.“ Wer also Schmierspuren an Wänden (vom fettigen Fell) oder schwarz-braunen Kot (wie dicke aufgedunsene Reiskörner; Glanz deutet auf frischen Befall hin) entdeckt oder Buddelspuren oder angenagtes Holz, sollte zügig handeln. Denn Ratten sind gemäß Infektionsschutzgesetz meldepflichtig.

Wenn alles nichts mehr hilft, kommen Profis wie die von Top-Tox (die übrigens vielfach vom Kommunen beauftragt werden) zum Einsatz, bis hin zu baulichen Maßnahmen wie dem Abdichten von Kellerdurchbrüchen oder Edelstahlsicherungen. Ihr dringender Rat: „Das Wichtigste ist die Vorsorge! Denn wo viele Menschen sind, sind auch viele Ratten.“

Rubriklistenbild: © Martin Becker

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