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Seit 2012 sind sie unterwegs

Dieses Paar reist um die Welt - ein Leben lang

Sauerlach - Frühstück auf einer entlegenen Hochebene, Abendessen bei Schafhirten am Lagerfeuer, vor allem niemals Hektik: Alltag für Thomas Lehn (54) und Constanze Kühnel (41). Das Ehepaar erfüllt sich einen Traum – und reist bis zum Lebensende rund um die Welt.

Im Iran ist die Heizung ausgefallen, in der Türkei ging ein Außenspiegel zu Bruch, in Griechenland riss der Auspuff ab. Außerdem hielt die kleine Außentreppe den vielen Geländefahrten nicht stand, und zweimal riss ein Reifenventil ab. „Kleinigkeiten“, sagte Constanze Kühnel über die Liste, inwiefern „der Manni“ (wie sie und ihr Mann das silbergraue Expeditionsfahrzeug nennen) der Optimierung bedarf.

Nach einem Jahr Probelauf mit 33 000 Kilometern Reiseroute durch 18 Länder steht der zum ewigen Zuhause umgebaute Lkw mit dem Kennzeichen „M-TC 31“ momentan immer wieder irgendwo in Sauerlach, häufig vor dem Elternhaus von Tommy Lehn in der Schützenstraße. Dort zieht das Ehepaar Zwischenbilanz, bessert nach, trifft Familie und Freunde – ehe die Lebensreise im April 2014 so richtig beginnt.

Die eigene Firma verkauft, fast alles Hab und Gut ebenso, um mit relativ geringem Budget den Rest des Lebens rund um den Globus zu reisen: Ja, das war die richtige Entscheidung – dies weiß das Ehepaar nach dem zwölfmonatigen Probelauf. „Unterwegs haben

Sauberes Wasser ist als unverzichtbares Grundelement des Lebens elementar wichtig für die Versorgung – vor allem auf Reisen in ferne Länder. In ihrem Reisemobil haben Tommy Lehn und Constanze Kühnel deshalb ein revolutionäres und patentiertes System für die Wasseraufbereitung einbauen lassen: „Helion 45“, entwickelt vom Ingenieur Heinz Hartig aus Sauerlach.

Egal ob Bakterien, Viren, Hormone, Antibiotika oder Pestizide: Das neue System entfernt die gesundheitsgefährdenden Stoffe nicht nur fast vollständig, sondern er vernichtet sie dabei komplett.

uns viele Leute gefragt: ,Wäre das auch etwas für mich?‘ Nee, muss ich dann oft sagen – diese Lebensart kannst du nicht lernen“, beschreibt Tommy Lehn die Grundidee, einzutauchen in andere Länder und fremde Kulturen. Intensiv, nicht nur oberflächlich.

Eine Kernfrage lautete, so der 53-Jährige: „Wie würden wir mit der neuen Lebensart und speziell der Geschwindigkeit des Reisens zurechtkommen?“ Denn Zeit spielt in einem Leben ohne Berufsstress und Termindruck keine Rolle mehr. „Das mussten wir lernen: langsamer und bewusster unterwegs zu sein“, erläutert Lehn. „Im Urlaub ist die Zeit dein Feind, bei unserer Lebensreise ist die zu hundert Prozent dein Freund.“ Gefällt es ihnen irgendwo besonders gut? Dann bleiben die beiden einfach einen Tag länger. Oder zwei. Oder gleich eine Woche. „Das ist ein wunderschöner Luxus“, sagt Conny Kühnel.

Zeit im Überfluss, darin lauert aber auch eine Gefahr. Nämlich, „vor sich hinzulullen“, wie Tommy Lehn es nennt. Immens wichtig sei es deshalb, regelmäßig Disziplin aufzubringen und die täglichen Pflichten gewissenhaft zu erledigen. Von der Körperhygiene über den Technik-Check am Fahrzeug oder logistischer Planung (wo zum Beispiel lassen sich die Wasservorräte auffüllen?) bis zur Pflege des Internetauftritts. Bloß, weil es keinerlei Zeitdruck mehr gebe, dürfe dies nicht dazu führen, „die Arbeit aufzuhäufen, bis sie sich zu einem Berg türmt“.

Bilder: Für immer auf Weltreise

Bilder: Für immer auf Weltreise

Bilder: Für immer auf Weltreise

Ebenfalls wichtig bei grenzenloser Freizeit: die persönliche Optik. Zottelhaare und lottrige Kleidung, ein Hauch von Robinson Crusoe? Nein, dieses Aussteiger-Klischee erfüllen Tommy Lehn und Constanze Kühnel in keiner Weise. Im Gegenteil, sie legen großen Wert auf ein gepflegtes Erscheinungsbild. Aus Eigeninteresse, auch im Sinne der Sicherheit: „Ordentliches Aussehen und ein gewisses Alter verschaffen Respekt“, hat Lehn festgestellt. „Graue Haare schaden nicht.“ Selbst in vermeintlich kritischen Ländern habe es „nicht auch nur im Ansatz eine Situation gegeben, in der es gefährlich war“. Allerdings müsse man dafür „einen siebten Sinn entwickeln und rechtzeitig merken: Das könnte komisch werden“. Körpersprache, ein offenes Lachen, klare Signale: „Wir sind keine einfachen Opfer für Dummheiten.“ Dazu trägt auch optische Seriosität bei.

Die Fahrt durch Länder wie den Iran oder Saudi-Arabien sei entgegen hiesigen Vorurteilen „easy going“ gewesen, wozu erheblich beiträgt, dass die Weltreisenden sich beliebig viel Zeit lassen können – ein ganz wichtiger Faktor. „Keine Zeit zu haben, das gilt in der arabischen Welt als hochgradig unhöflich“, erklärt Lehn. „Hier in Deutschland ist es ja so, dass man fast immer ungelegen kommt.“ Eine Erfahrung, die die Kurzzeit-Heimkehrer sogar in und um Sauerlach machen mussten. In anderen Kulturkreisen dagegen, erläutert der 54-Jährige, „steht das Persönliche im Vordergrund: Die Leute nehmen sich spontan Zeit für den Menschen“. Dies sei der „zentrale und am meisten faszinierende Erlebnispunkt“ gewesen: „Gastfreundschaft ohne Hintergedanken ist in arabischen Ländern ein extrem hohes Gut.“

Ein anderes Extrem dort: die geringen Kosten. Zwischen 3,5 und sechs Cent kostet ein Liter Diesel, der 700-Liter-Tank wird für einen Spottbetrag gefüllt. „Da macht das Tanken Spaß“, sagt Lehn. „Und für unser Budget ist das angenehm.“ Das liegt nämlich bei nur 1200 Euro pro Monat mit allem Drum und Dran (Fährkosten, Sprit, Nahrungsmittel). „Es ist nicht so, dass wir extrem gespart hätten. Aber oft essen gehen, sowas ist natürlich nicht drin“, berichtet Constanze Kühnel.

Nach dem einjährigen Probelauf geht es nun voraussichtlich Ende Juni endgültig auf ewige Weltreise. Erstmal „kreuz und quer durch Afrika“, mindestens drei Jahre lang. „Da hängt unser Herz dran“, schwärmt die 41-jährige Ehefrau von früheren Reisen, unter anderem nach Namibia. Ihr Mann verdeutlicht, warum Afrika gerade jetzt an die Reihe kommt: „Das ist der am stressigsten und unplanbarsten zu bereisende Kontinent. Deshalb machen wir das lieber jetzt, da wir noch topfit sind und gute Nerven haben, statt in zehn Jahren.“ Australien, Nordamerika oder Europa: Ziele für später, wenn das Seniorenalter naht.

Wie lange sie das machen wollen? „So lange wir gesund sind und Spaß daran haben.“ Finanziert wird diese Lebensform durch den Verkauf von Tommy Lehns Firma, generelle Sparsamkeit sowie irgendwann einmal Multivisionsschauen, wie die beiden sie schon im kleinen Kreis beim Alpenverein in Otterfing (dort war Tommy Lehn lange Zeit Sektionsvorsitzender) gezeigt haben.

Einmal pro Jahr will das Ehepaar in die Heimat fliegen, um die Familie zu besuchen – Tommy Lehns Töchter aus erster Ehe, Stefanie (25) und Sarah (22), freuen sich schon jetzt aufs Wiedersehen. Seine Mutter Ursula (78) ebenfalls, zugleich meint sie aber: „Übers Internet und Videotelefonate sind wir eigentlich immer miteinander verbunden. Ich finde es toll, wie die beiden das machen, denn das Leben geht so schnell vorbei.“

Eine Erfahrung, die Tommy Lehn heuer auf schmerzliche Weise machen musste, als er im Mai heim nach Sauerlach kam: Sein Vater Rolf starb im Juni, kurz vor seinem 80. Geburtstag. Das ist auch der Grund, warum die Weltreise – die eigentlich im Juli hätte weitergehen sollen – für ein Jahr ausgesetzt wurde. Naja, nicht ganz: Mitte November fliegt das Ehepaar für vier Wochen zu den neu gewonnenen Freunden in den Iran.

Martin Becker

Reisetagebuch, Bilder und weitere Informationen www.mantoco.com

„Wir üben Weltreise“

Unter diesem Motto ging es 2012 los, ein Jahr später sind Thomas Lehn (54) und Constanze Kühnel (41) wieder in heimischen Gefilden eingetroffen. In den zwölf Monaten tourte das Ehepaar mit seinem zum Lebensmobil umgebauten Lkw „Manni“ durch 18 Länder, fuhr ziemlich genau 33 000 Kilometer. Die Route führte von Bad Tölz aus über Österreich, Italien, Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Albanien, Mazedonien, Griechenland, die Türkei, Georgien, Armenien, Iran, Oman, die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und Jordanien bis nach Israel/Palästina. Von dort aus fuhren die beiden Aussteiger zurück nach Deutschland, machen nun seit Mai in Sauerlach Station im Elternhaus von Thomas Lehn. Im Frühjahr 2014 geht’s wieder los – für etwa nächsten drei Jahre steht dann Afrika auf dem Reiseplan. Einmal pro Jahr wollen die beiden Weltreisenden ihr Gefährt an einem sicheren Ort abstellen und jeweils für einige Wochen in die Heimat fliegen.

Im „Wohnkoffer“ auf dem geländetauglichen MAN-Lkw hat das Ehepaar – die Hochzeit fand im Dezember 2011 in Bad Tölz statt – zwölf Quadratmeter Platz für Küche, Dusche/WC sowie Wohn- und Schlafbereich. Beengt sei es darin aber nicht, sagen die beiden: „Wir haben ja meistens nicht nur die zwölf Quadratmeter indoor, sondern sieben Hektar outdoor drumherum.“

mbe

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