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Eine Fami lie mit vielen Geschichten: Hans und Tinneke Dekker (Mitte) mit ihren Kindern, deren Partnern und den Enkeln am 40. Hochzeitstag.

Einmalige Großfamilie

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Ein ganz großes Herz für Kinder haben die Dekkers aus Ottobrunn. In 33 Jahren haben Hans und Tinneke Dekker 28 Kindern ein Zuhause gegeben.

Ottobrunn – Ein herzliches, fröhliches Lachen. 23 mal strahlt es den Betrachter an. Von farbigen und weißen Gesichtern, mit südamerikanischem Charme und niederländischer Schönheit. Willkommen bei den Dekkers in Ottobrunn, einer einmaligen Großfamilie.

„Hier wird jeder angenommen, wie er ist, ganz ohne Vorurteile“, erzählt die 16-jährige Steffi (Namen der Pflegekinder von der Redaktion geändert). In ihrer Stimme schwingt Verwunderung mit. Die Jugendliche kam in der vergangenen Woche aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu den Dekkers. Die beiden Pflegekinder Sven (5) und Lara (10) wohnen schon länger bei ihnen. Steffi hat eine schwere Zeit hinter sich, die Dekkers kennen Steffis Geschichte. Wichtig ist sie nicht.

Tinneke (64) und Hans (65) Dekker haben viele Lebensgeschichten gehört, begleitet, beeinflusst. Dramatische Schicksale, traurige Episoden. Kinder, denen Hoffnung fehlte. Und vor allem eine Familie. Die haben sie bei den Dekkers gefunden. 28 Kindern haben die beiden Niederländer in 33 Jahren ein Zuhause gegeben – mal als „Eltern auf Zeit“ als Pflegefamilie, mal für immer. Alle haben sie „bedingungslos angenommen wie unsere eigenen Kinder“, sagt Tinneke Dekker. Unterschiede zwischen leiblichen – insgesamt vier – und Pflegekindern gebe es nicht. Auch nicht bei den Enkeln. „Leiblich“ und „Pflege“ hört das Ehepaar nicht gern. Und ihre Kinder erst echt nicht. Sie sind alle gleich. Sie sind eine Familie. Die Dekkers.

An Weihnachten sitzen acht bis zehn Nationen am großen Esstisch. Verschiedene Sprachen, Kulturen, Religionen. „Wir haben so viel Spaß zusammen, feiern so schön miteinander, jeder passt sich an“, sagt die gelernte Erzieherin. „Nur Schweinefleisch kaufen wir nicht mehr“, fügt ihr Mann hinzu und grinst. Denn am großen Esstisch nehmen auch Flüchtlinge Platz, die Muslime sind. Tinneke Dekker engagiert sich im Asylhelferkreis Ottobrunn, beide Ehepartner sind in der überkonfessionellen Freikirche ICF München aktiv.

Die Niederländer, die 1981 in den Landkreis München kamen, als Hans Dekker einen Job als Astronom bei der Europäischen Südsternwarte (ESO) in Garching annahm, glauben fest an Gott. Und sie sind überzeugt: „Kinder sind ein Geschenk und werden uns von Gott anvertraut“, sagt Hans Dekker. „Sie sind nicht da, um uns glücklich zu machen.“ Vielmehr möchten die beiden ihr Glück teilen mit Kindern, die nicht so viel Glück im Leben hatten. „Uns geht es so gut. Mir tut es weh zu sehen, wenn Kinder leiden“, sagt Tinneke Dekker. Sie wollte schon immer Kinder adoptieren.

Als Steffi, die große Angst vor dem Leben bei Fremden hatte, darüber mit ihrem Betreuer in der Psychologie sprach, sagte dieser: „Du findest keine bessere Familie als die Dekkers.“ Ein scheues Lächeln huscht über das Gesicht der 16-Jährigen. Sie findet es „gut hier, total offen“. Und locker. „Wir haben so viele durch die Pubertät gebracht“, sagt Tinneke Dekker und streichelt Steffi über den Arm. „Man wird gelassen.“

Doch oft ist es nicht leicht. Vor allem, „wenn du ein Kind abgibst und das Gefühl hast, es geht nicht gut aus“, sagt sie. Wie bei Falicia. Drei Jahre lebte das Mädchen aus Südamerika in Ottobrunn, weil ihr Vater sie verprügelt und ihr die Haut verbrannt hatte, während die Mutter Falicia festhielt – aus Strafe für eine Kleinigkeit. Doch das Mädchen sehnte sich nach ihren leiblichen Eltern. „Man muss lernen, loszulassen“, sagt Tinneke Dekker.

Als das Gericht Nadja, dem ersten Kind, das die Dekkers 1984 als Baby bei sich aufnahmen, der leiblichen Mutter zusprach, war es für Tinneke Dekker „die Hölle. Das Schlimmste in meinem ganzen Leben“. Weil sie wusste, dass es auch für die Kleine aus Äthiopien nicht gut ausgehen würde. Tinneke Dekker behielt recht. Sie hielt Kontakt mit Nadja, fragte nach den Kratzern, blauen Flecken und Brandwunden am ganzen Körper. Nadja sagte nichts. Die Mutter hatte ihr gedroht, sie umzubringen. Mit neun Jahren kehrte das Mädchen zurück in die Familie Dekker – und blieb bis zum Erwachsenenalter. Wie fünf weitere Pflegekinder, die eigentlich nur ein paar Monate bei ihnen einziehen sollten. Zum Beispiel Kojo aus Ghana und René. Sie strahlen auf dem Foto mit der ganzen Familie. Ihrer Familie.

Pflegeeltern gesucht

Rund 90 Familien betreuen derzeit im Landkreis München rund 100 Pflegekinder. Doch der Bedarf an „Eltern auf Zeit“ ist sehr viel größer. Darum sucht das Landratsamt München Familien, die sich vorstellen können, ein Kind aufzunehmen. Ein Info-Abend findet am Montag, 26. Juni, in Kirchheim statt Informationen gibt es unter www.elternaufzeit.landkreis-münchen.de und telefonisch beim Landratsamt unter Tel. 089/62 21 26 99.

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