Wie eine exzentrische Gräfin das biedere Volk schockierte

- Zeitreise zurück in die einstige Schäftlarner Literatenszene

VON MANFRED STANKA Ebenhausen - Mit Vorliebe planschte die pudelnackte Gräfin in der Isar und die bieder-frommen Schäftlarner bekreuzigten sich erschrocken. Überhaupt, mit christlichen Moralvorstellungen hatte die exzentrische Franziska von Reventlow nichts am Hut, als sie anno 1901 dem "golden strahlenden Himmel über dem Isartal" verfiel. Mit Kind, phlegmatischem Ehemann und Jünger aus der tabulosen Münchner Boheme ließ sie sich in abseits der dörflichen Gemeinschaft nieder.

Von der 1225-Jahr-Feier der Gemeinde Schäftlarn inspiriert, durchforstete Karl-Otto Saur für seine "Kultur im Keller" im Mariandl Bibliotheken, hörte sich bei Experten um und untersuchte das diffizile Verhältnis einer ländlich geprägten Ortschaft zur Literatur. Seine Ausbeute: ein Stück Geistesgeschichte weit über die lokale Enge hinaus mit Ausflügen in die Filmwelt und mit ehemals bierselig freundlichen Nachbarn, die zur grölenden Nazi-Truppe mutierten. Im Zeichen des Hakenkreuzes werden sie die Existenz eines jüdischen Schäftlarner Professors zerstören.

Saurs Recherchen verfestigen sich zu einem faszinierenden Zeitbild, in dem weit auseinanderliegende Episoden sich bruchlos verbinden. Dazu bedarf es auch dreier hervorragender Schauspieler, denen es darum geht, dem Publikum alle Facetten von Gefühlen zu zeigen: Leslie Malton samt Ehemann Felix von Manteuffel und Anja Herdemerten. Das Trio schlüpft durch feinste sprachliche Nuancierungen in eine Riege meist extravaganter Figuren, und es gelingen ihm schwerelos subtile Porträts.

Die Malton liest aus den Tagebüchern der Franziska von Reventlow und zeichnet mit herber Intensität das komplizierte Innenleben einer Femme Fatale und frühen Pseudo-antike Orgien in den Isarauen emanzipierten Schriftstellerin nach, deren Bücher heute noch lesbar sind. Der TV- und Theaterstar betont deren Melancholie, die sie in den Schäftlarner Klostergarten treibt, die Geliebte und liebende Mutter. Eine, der das Christentum fremd war und die es lieber mit den heidnischen Gottheiten und pseudo-antiken Orgien in den Isarauen hielt. Was an der Freundlichkeit der Schäftlarner Benediktiner, in deren Kloster sie oft logierte, nichts änderte.

Ein späteres Kapitel schlägt Felix von Manteuffel auf: Der französische Autor Henri-Pierre Roché, ein ewiger Charmeur, die herbe Blondine Helen Hessel und ihr Mann, der Dichter Franz, zelebrieren einen Dreier. Die Gemeinde tratscht... Francois Truffaut wird daraus einen Filmklassiker kreieren, der mit Jeanne Moreau zum Welterfolg avanciert. Einen düsterer Schatten breitet die Schauspielerin Anja Herdermerten über das Chronik-Ende. Professor Benjamin, Leiter einer hoch renommierten Kinderklinik, wird wegen "Rassenschande" mit seiner deutschen Ehefrau inhaftiert. Sein Schäftlarn verkommt zum Denunzianten-Nest.

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