Der ewige Fremdkörper: BND macht Pullach weltweit bekannt

- VON SOPHIA HEYLAND Pullach - Mit vielen verschiedenen Namen haben die Pullacher das Areal an der Heilmannstraße schon getauft, nur der freie Zutritt blieb ihnen seit den 30er Jahren durchwegs verwehrt. Am heutigen Dienstag ist es genau 50 Jahre her, dass die Bundesregierung entschied, die dort ansässige "Organisation Gehlen" in den Bundesnachrichtendienst (BND) zu überführen. Am 1. April 1956 nahmen die 6000 Mitarbeiter ihre Arbeit auf. Die wenigsten lebten in Pullach, jeder trug einen Decknamen, und die offizielle Anschrift lautete: "Bundesvermögensverwaltung Abteilung Sondervermögen, Außenstelle München".<BR>

<P>Doch die Pullacher wussten Bescheid, unter ihnen auch der damals 25-jährige Erwin Deprosse. "Im Ort hat sich das mit dem Decknamen schnell herumgesprochen", erinnert sich der Gemeindearchivar. "Das Hauspersonal wie Heizer oder Hausmeister lebte in der Gemeinde. Erkannte man den ein oder anderen auf der Straße hieß es: ,Der arbeitet da unten, da unten beim Gehlen.` Das hat jeder verstanden."<P>Der "BND" ging den Pullachern lange Zeit schwer von den Lippen. Als die Nationalsozialisten auf dem Areal die "Rudolf-Heß-Siedlung" für höhere Parteibeamte nutzten, sprach die Gemeinde schlicht von der "Siedlung", später - nachdem die US-Amerikaner das Quartier geräumt hatten - vom "Camp" und seit 1947 von der "Liegenschaft" oder der "Organisation Gehlen".<P>Gründer dieses Nachrichtenbeschaffungsdienstes war der ehemalige Wehrmachtsgeneralmajor Reinhard Gehlen, der von 1956 bis 1968 auch erster BND-Präsident war. "Unter Gehlen herrschte absolute Verschwiegenheit", erinnert sich Deprosse. In der Hochphase des Kalten Krieges glich die Mauer, die das 65 Hektar große Areal umschließt, einem Tarnvorhang.<P>Nach Gehlen wurde es offener. Und als in den 80er Jahren mit Glasnost und Perestroika die "Tauphase" begann, erschien der damalige Annäherung an Sowjets lange Zeit undenkbar BND-Präsident Konrad Porzner sogar beim Neujahrsempfang für die ukrainische Partnergemeinde Baryschiwka im Pullacher Rathaus. Altbürgermeister Ludwig Weber (CSU) war dabei und beobachtete das lockere Gespräch zwischen dem BND-Präsidenten und dem ukrainischen Botschafter mit Staunen. "Nur wenige Jahre zuvor wäre diese Annäherung undenkbar gewesen", erzählt Weber. "Zwar zeigte sich schon Klaus Kinkel (von 1979 bis 1982 BND-Präsident; Anm. d. Red.) sehr kontaktfreudig und hatte unter Bürgermeister Josef Seidl (CSU) an einigen Feuerwehrstammtischen teilgenommen, doch war es den Ukrainern zu Beginn der Partnerschaft 1990 noch verboten, Pullacher Grund zu betreten - Anordnung des BND."<P>Als kurze Zeit später das trügerische Schild schließlich entfernt wurde und sich der geheime Nachrichtendienst "outete", wie Weber sagt, blieben die Bürger gelassen. Immerhin hatte man schon jahrelang nebeneinander hergelebt und sich an die Mauer und den Stacheldraht längst gewöhnt. Auf dem Areal für kommende Generationen nutzen Pullacher Sommerfest von 1997 wurden Anstecker mit dem Aufdruck "I like BND" verteilt.<P>Knapp zwei Jahre später, am 11. März 1999, gab die damals rot-grüne Bundesregierung dann die Umzugspläne nach Berlin bekannt. "Pullach wurde und wird dazu nicht gefragt werden", kommentiert Zweiter Bürgermeister Walter Mayer (CSU) die Vorgänge, wodurch das Areal nach über 70 Jahren wieder frei zugänglich werden soll. "Diese Möglichkeit wollen wir nicht verschwenden, sondern sie für die kommenden Generationen nutzen."<P>Also trotz aller Annäherung ein nüchterner Abschied? "Ins Mark trifft es uns Pullacher sicher nicht", sagt Deprosse. "Und trotzdem: Irgendwie hat der BND die Gemeinde ja erst international bekannt gemacht. ,Die Pullacher meinen, haben gesagt`, das war schon öfter in der Zeitung zu lesen, wenn eigentlich über den BND berichtet werden sollte."<P>Ein richtiger Partner sei der BND aber nie geworden, sagt Mayer. Eher blieb er ein ständiger Fremdkörper. "Allerdings ein Fremdkörper, an den man sich gewöhnt hat."<P>

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