Fabelreich von Molltönen voll Hintergründigkeit

- Künstlerduo zum Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz

VON MANFRED STANKA Pullach - Es war eine Orgie maßloser Zerstörung. Die über Jahrhunderte von Verfolgungen heimgesuchte Welt des Ostjudentums fand in den Mörderfabriken der Nazis ihr Ende. Die Kultur der Chassidim schien damit vollkommen erloschen: die Welt der Wunder-Rabbis, des jiddisches Schtetls mit seiner Armut und Enge, aber auch seiner tiefen Gläubigkeit. Mögen auch die Engel in den jiddischen Legenden in Fetzen gegangen sein, das "Schema Israel", das "Höre Israel, der Herr unser Gott, der Herr ist eins" erscholl weiterhin über den Massengräbern in Galizien, Russland, Polen und anderswo.

Und es wurden auch die Geschichten der Chassidim, dieser jüdischen Glaubensrichtung, die sich Anfang des 18. Jahrhunderts entwickelte, weitererzählt. Von Überlebenden, Rabbis, Dichtern und Gelehrten wie Martin Buber, Alexander Eliasberg oder sogar Ernst Bloch etwa, so wie jetzt im Gemeindesaal der Heilig-Geist-Kirche in der Parkstraße von Hedwig Rost, Jörg Baesecke und ihrem kleinsten Theater der Welt. Mit der bangen Frage "Wann ist die Nacht zu Ende?" erinnerten die beiden Künstler an den Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz und widersetzten sich der Unmenschlichkeit mit der chassidischen Gewissheit: Die Liebe zum Leben ist die Quelle aller Liebe.

Also öffnet Baesecke wieder einmal seinen Zauberkasten, lässt seine Fingerkuppen trommeln und erzeugt so ein wildes Gewitter: Ein aufgeblähter Papierklumpen verendet als fürchterlicher Donnerschlag und ein Kugelblitz saust um eine Scheune. Hier haben sich sieben Männer versammelt, aber nur der eine "Gerechte" wird überleben. Thematisch eine Geschichte von alttestamentarischer Wucht, aber in der ostjüdischen Legendenversion ist sie voller heiterer Hintergründigkeit, deren komödienhafte Untertöne der Erzähler mit seinen skurril gefalteten Papiermännchen und mit ironischem Chronistenton noch unterstreicht.

Fertig ist ein musikbeschwingtes, von Molltönen durchzogenes Fabelreich, wundersam illustriert mit aus Fetzen zusammengesetzten Bildern. Vor Synagogen, in Gasthäusern werden blinde Kinder wieder sehend, sind Schätze vergraben, oder es sinnieren Prediger, Zuhörer, Zweifler und Gläubige über die "Einfälle des Höchsten".

Hedwig Rost entlockt ihrer Violine einen schönen, sinnlichen Ton, der in schwermütige Seelenbezirke führt oder den Zuhörer bei einer Pointe mit aufjubeln lässt. Ihre Melodien heilen in einer dieser wundersamen Begebenheiten Kranke, und jeder im Saal ist überzeugt von der Macht dieser Musik. "Und wenn ein Engel käme, was würden wir uns wünschen?", fragt sich das Duo. Einen Abend wie diesen!

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