Die Fahne ist für Männerhände tabu

Aschheim - Der Frauen- und Mütterverein Aschheim feiert 100. Geburtstag

Aschheim - Die Fahne ist ihr Prunkstück. Und gleichzeitig ist diese Fahne das einzige Indiz dafür, dass es den Frauen- und Mütterverein Aschheim schon seit 100 Jahren gibt. Am morgigen Sonntag feiern die Damen ihr Jubiläum.

Nur auf der Fahne ist das Gründungsjahr des Frauen- und Müttervereins vermerkt: 1914. Die vier Mitglieder Renate Gmeinwieser (53), Josefine Staudinger (98), Birgit Mikl (48) und Bettina Karl (25) erzählen. Früher, ja, da war vieles anders.

Als Josefine Staudinger 1935 als Landwirtschaftsgehilfin nach Aschheim zog, hatte der Ort 500 zumeist bäuerliche Einwohner, und damals war auch der Verein ein anderer. Alles war landwirtschaftlich geprägt, die Frauen also reihten sich bei jedem Erntedankfest und jeder Bittprozession mit ihrem Prunkstück wie selbstverständlich in den Zug der Vereine ein. Heutzutage gehen sie nur noch bei kirchlichen Feiern oder Beerdigungen mit. „Wir haben keine Standarte, sondern eine große Fahne. Und die kann kaum jemand schleppen“, sagt die Vorsitzende Birgit Mikl. Und weil Männer nicht helfen dürfen, gibt’s diesen Kompromiss. In der Kirche haben sie extra auf der Frauenseite einen Aufstellhaken, dort können sie ihre Fahne reinstecken. Einmal, noch unter der ehemaligen Vorsitzenden Maria Bichler, erzählt das älteste Mitglied Staudinger, hätten die Herren ihre Hilfsschlinge benutzt - „und wir haben es gesehen“. Da hätte es Ärger gegeben, sagt sie und lacht.

Maria Bichler war von 1983 bis 2005 die Chefin der Damentruppe, und sie war auch diejenige, die anfing, alles zu notieren. Wie viele Mitglieder gab es, wieviel Geld in der Kasse schlummerte. Fotos, Unterlagen - all das sei im Krieg verloren gegangen. Wobei sie sowieso nie akribisch Buch geführt hätten. Früher sei alles per Handschlag passiert, den Vereinsbeitrag übergab man vor Beginn der jährlichen Versammlung, sagt Staudinger. „Wir sind auch wie die Zipfelhauberer kein eingetragener Verein“, erzählt Mikl. „Spendenquittungen gibt es nicht.“ Den Zusatz „katholisch“ haben sie auch verloren. Wann, das weiß keiner mehr.

Bis 2005 putzten die Frauen ehrenamtlich die Kirchen in Aschheim und Dornach, schafften für dort neue Dinge an. „Der Verein ist entstanden, um Kinder im christlichen Glauben zu erziehen“, sagt Mikl. Jeden Sonntag ging man in die Kirche, betete und dankte dem Herren. „Jetzt ist das nicht mehr so, jetzt ist alles sozialer“, ergänzt Kassierin Gmeinwieser. Mit Kräuter- und Palmbuschenverkäufen und ihrem Stand auf dem Adventsmarkt nehmen sie 3500 Euro jährlich ein und verteilen die Spenden an ihre Stamm-Abnehmer. Auch die Nachbarschaftshilfe bekommt etwas - und manchmal bekommen die Frauen einen Dank zurück. Ein alleinstehender, älterer Herr konnte sich das Futter seiner Vögel nicht mehr leisten - er hätte sich von ihnen verabschieden müssen. Der Verein sorgte unbürokratisch für ein Jahr für Nachschub. Das ist auch das, was die jungen Leute heute reizt, dem Verein für zehn Euro Mitgliedsbeitrag beizutreten. „Mit der Kirche haben sie es ja nicht mehr so, das schreckt viele ab“, sagt Mikl. „Aber bei sozialen Dingen helfen sie gerne.“

Der Verein hat jetzt 300 Mitglieder, das jüngste ist Bettina Karl (25). Sie bekam die Mitgliedschaft von der Mama zu Weihnachten: ein lang ersehntes Ereignis. „Meine Oma und meine Großtante sind auch dabei.“ Aktiv war sie allerdings noch nicht. „Der Vereinsausflug fand ausgerechnet in meinen Flitterwochen statt“, sagt die Erzieherin. Heute arbeiten (fast) alle Mitglieder - wenn auch manche „nur“ Teilzeit. Doch kaum eine Business-Frau ist dabei. „Aber wir reden nicht nur über Kinder, Kochrezepte und den Garten“, erzählt Gmeinwieser. „Wir sind bodenständige Frauen, die zusammen etwas bewegen wollen.“ Politik wird ausgeklammert - auch wenn der Rückzug Helmut Englmanns vom Bürgermeisteramt eifrig diskutiert wurde.

Angelika Mayr

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