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Das ist übrig geblieben von der Linde im Garten der Familie Bruch. Deshalb ziehen Bärbel und Guido Bruch vor Gericht.

Kampf David gegen Goliath

Familie Bruch verklagt den Freistaat wegen eines Baums

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Neubiberg - Die prächtige Linde in ihrem Garten ist längst weg. Doch Familie Bruch aus Neubiberg kämpft weiter: Sie hat Klage eingereicht gegen die Fällung des Baums, die im Zuge der Bekämpfung des Asiatischen Laubholzbock-Käfers angeordnet worden ist.

Morgen für Morgen wandert der Blick von Bärbel Bruch vom Frühstückstisch aus ihrem Küchenfenster hinaus. Was sie dort sieht, stimmt sie trübsinnig. Oder besser gesagt: Was sie nicht sieht.

Denn wo einst eine 60 Jahre alte Linde in ihrem Garten stand, klafft nun gähnende Leere. Kein Blätterrascheln, keine Vögel, kein Blick ins Grüne – stattdessen ein Baumstumpf, darauf eine Handvoll Körner. „Für die Eichhörnchen“, sagt Bärbel Bruch. „Doch die kommen inzwischen auch nicht mehr.“

Wegen des Laubholzbockkäfers gefällt

Die prächtige Linde im Garten der Josef-Kyrein-Straße ist eines von rund 180 Gehölzen in Neubiberg gewesen, die der dritten ALB-Fällaktion im September zum Opfer gefallen sind. ALB, das steht für Asiatischer Laubholzbockkäfer – ein wenige Zentimeter kleiner Krabbler, der jedoch große Schäden im Süden und Osten des Landkreises angerichtet hat.

Weil der ALB als einer der übelsten Holzschädlinge überhaupt gilt, mussten in Neubiberg, Feldkirchen und Putzbrunn zigtausende Gehölze gefällt werden. Denn die europaweit gültige Faustformel zur Bekämpfung des ALB lautet: Wo immer ein Befall entdeckt wird, müssen sämtliche möglichen Wirtsbäume im Umkreis von hundert Metern umgesägt werden.

Die Bruch’sche Linde traf dies haarscharf; wäre sie nur ein paar Meter weiter nördlich gepflanzt worden, würde sie heute noch stehen. Die Familie hat sich lange gegen die Fällung gewehrt; Unterstützung bekam sie auch von der Gemeinde, die den Baum als „ortsbildprägend“ klassifizierte und so retten wollte.

Doch es half nichts: Am Ende sahen sich Bärbel und Guido Bruch gezwungen, der Fällung zuzustimmen – auch aus Angst vor einer hohen Geldstrafe, die im Bescheid angedroht wurde. 

Ohne Anwalt, aber mit viel Mut

Damit hätte es die Familie auf sich bewenden lassen können – doch nun regte sich bei Guido Bruch „mein Unrechtsbewusstsein“, wie er es nennt. Immer tiefer habe er sich in die Materie eingearbeitet, und immer stärker wuchs in ihm die Überzeugung: „Diese Vorgehensweise ist nicht in Ordnung.“ Also hat die Familie beim Verwaltungsgericht Klage eingereicht – ein Kampf „David gegen Goliath“, findet Bärbel Bruch.

Dem Ehepaar steht kein Anwalt zur Seite: „Da wären schnell Kosten von ein paar tausend Euro auf uns zugekommen“, erklärt Guido Bruch. Nun müssen sie im Zweifelsfalls die Verfahrenskosten tragen, die das Gericht auf 500 Euro taxiert hat. 

In seiner Klageschrift gegen den Freistaat Bayern macht Guido Bruch vor allem drei Punkte geltend. Erstens sei es unverständlich, dass die Linde als Wirtsbaum des ALB gelte – „denn weltweit ist noch nie eine Linde befallen worden“, sagt er. Zweitens sei die Vorgehensweise in Neubiberg zu radikal gewesen, argumentiert Bruch. „Gerade wenn man bedenkt, wie wenige Befunde es bei der zweiten Fällaktion gab.“ Und drittens: „Dass ein mitunter jahrealter Fund einer Eiablage oder eines Ausbohrlochs heute eine Fällung nach zieht, ist aus meiner Sicht nicht nachvollziehbar.“

Abholzer wollen sich nicht äußern

Zum diesen konkreten Vorwürfen will die zuständige Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) keine Aussagen machen. „Wir äußern uns nicht zu einem laufenden Verfahren“, sagt Sprecherin Sabine Weindl. Generell sei es jedoch so, dass sich die LfL bei ihrem Vorgehen an den EU-Durchführungsbeschluss halte, der unter anderem mögliche Wirtsbäume benenne. „In diese Liste werden nur Gattungen aufgenommen, in denen der ALB seinen Entwicklungszyklus vollständig durchlaufen hat“, sagt Weindl – und widerspricht damit Bruchs Behauptung, wonach Linden noch nie befallen waren. Zudem betont die LfL-Sprecherin, dass der EU-Beschluss auf den Erkenntnissen „von sehr vielen Experten“ basiere. 

Laut Guido Bruch hat der Freistaat Bayern die Nichtzulässigkeit der Klage beantragt. „Es kann also sein, dass es ein sehr kurzer Termin vor Gericht wird“, räumt er ein. „Es kann aber auch zu einem längeren und hoffentlich interessanten Termin kommen.“ Ihre prächtige Linde werden er und seine Familie so oder so nicht zurückbekommen. Aber zum einen geht es Guido Bruch um Schadensersatz – unter anderem für die Entfernung des Baumstumpfs. Zum anderen sagt er: „Wir wären froh und dankbar, wenn geprüft wird, ob diese Fällung rechtmäßig war.“

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