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Jimmy Schulz auf seinem ausziehbaren Sessel im Riemerlinger Wahlkreisbüro. Von hier aus konferiert er mit seinen Kollegen in Berlin. Politisch aktiv zu sein, gibt dem 50-Jährigen Kraft.

Vor einem Jahr gaben ihm Ärzte nur noch Wochen

FDP-Politiker Schulz ist todkrank - doch er arbeitet weiter: „Ich genieße jeden Tag“

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Jimmy Schulz hat sich der Digitalisierung verschrieben. Der FDP-Politiker aus Riemerling sitzt dem entsprechenden Ausschuss vor - obwohl er nicht mehr lange zu leben hat. Wir haben den dreifachen Vater interviewt.

Riemerling - Die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs hat das Leben des FDP-Bundestagsabgeordneten Jimmy Schulz (50) aus Riemerling, einem Ortsteil der Gemeinde Hohenbrunn im Landkreis München, radikal verändert. Im November 2017, nach der Bundestagswahl, teilte ihm der Hausarzt mit, dass es sich bei den Schmerzen, über die er klagte, nicht um etwas Harmloses handelt, sondern um einen bösartigen Tumor. Die Krankheit hat ihn seither schwer gezeichnet. Gleichzeitig steckt in ihm der ungebrochene Wille, seine Agenda, die Digitalpolitik in Deutschland mitzugestalten. Ein Gespräch über das Leben, die Krankheit und die Politik.

Die Katastrophe, wie hat sie sich für Sie abgespielt?

Schulz: Ich hatte nach der Bundestagswahl 2017 Schmerzen und ging zu mehreren Ärzten. Sie haben nichts gefunden. Als die erste Sitzungswoche herum war, dachte ich: Jetzt sind die Schmerzen, die ich auf den Stress im Wahlkampf zurückgeführt hatte, immer noch da. Ich ließ mich daher von meinem Hausarzt richtig untersuchen und kam kurz darauf zum Spezialisten, der mich sofort ins Krankenhaus eingewiesen hat. Dort stellten die Ärzte fest, dass mit der Bauchspeicheldrüse etwas nicht stimmt. Es folgten weitere Untersuchungen - ungefähr einen Monat lang. Bis dann klar war: Es ist Krebs. Und zwar einer der fiesen, schlimmen Sorte. Einer, der nicht einfach zu behandeln ist. Das war eine schwere Situation, ein Schock.

Wie haben Ihnen die Ärzte die Nachricht beigebracht?

Schulz: Sie haben mir Mut gemacht mit der Hoffnung, dass sich der Krebs durch eine Operation entfernen ließe. Davor musste ich eine Chemotherapie durchlaufen, damit im gesamten Körper die Krebszellen abgetötet werden und der Krebs so eingedämmt wird, dass man ihn besser operieren kann. Die Operation im Februar vor einem Jahr verlief leider deutlich heftiger als geplant. Ursprünglich sollte die halbe Bauchspeicheldrüse entfernt werden. Als sie die Motorhaube aufgemacht haben, sah es anders aus als erhofft. Ich habe heute keinen Magen mehr. Selbst das könnte man mit Einschränkungen überleben. Der Plan war, dass ich nach einer Reha und einem halben Jahr Pause zurück kann in mein gewohntes Leben. Mit körperlichen Einschränkungen, versteht sich - kein Sport mehr, auch ein deutlich reduziertes Gewicht hätte ich fortan gehabt.

Hätte man einen künstlichen Magen einsetzen können?

Schulz: Nein. Der Körper ist zu sehr geschwächt. Ich würde keine weitere Operation überleben. Ausschlaggebend für mein weiteres Leben war, dass ich im Mai vergangenen Jahres die Diagnose bekam, dass ich Metastasen gebildet habe. Dieser erneut ausgebrochene Krebs lässt sich nicht mehr behandeln. Damals ging es mir alles andere als gut. Ich hatte Entzündungen und musste im Sommer drei Monate im Krankenhaus verbringen. Als ich die Ärzte fragte, wie die Prognose aussieht, war die Antwort: Rechnen Sie mit Wochen, nicht mit Monaten. Man macht in dieser Situation Frieden mit sich, schreibt das Testament und Abschiedsbriefe an die Kinder. Ich habe drei Kinder.

Aber Sie sind weiter so aktiv. Das ist unglaublich!

Schulz: Ich habe mich herausgearbeitet. Glauben Sie mir, ich habe nicht damit gerechnet, dass ich heute immer noch hier sitzen kann.

Das grenzt an ein Wunder.

Schulz: Ich glaube nicht an Wunder. Die Ärzte sagen, 50 Prozent Schulmedizin, 50 Prozent eiserner Wille. Der Krebs ist nicht weiter gewachsen. Aber für mich heißt es auch: Chemotherapie nonstop. Ich mache seit einem Jahr ohne Pause alle 14 Tage eine Chemotherapie. Das ist keine sehr attraktive Option, aber ich lebe und genieße jeden Tag. Diesen schönen Sonnenschein draußen vor dem Fenster sehen zu dürfen, ist für mich fantastisch. Oder im Garten zu sitzen. Die Ärzte haben gesagt: „Jetzt hören Sie doch auf zu arbeiten, machen Sie endlich mal, was Ihnen Spaß macht.“ Und ich dachte mir: Ja, genau das mache ich gerade. Es war mein Lebenstraum: der Vorsitz in dem Ausschuss Digitale Agenda, den ich als Erster gefordert hatte. Das ist für mich eine ganz besondere Ehre. Die Revolution der digitalen Vernetzung braucht einen festen Platz im Parlament, und ich erfülle diese Aufgabe mit großer Hingabe und mit Spaß.

Jimmy Schulz am Teufelsberg bei der ehemaligen Abhörstation der US-Amerikaner in Berlin. Das Foto ist etwa zehn Jahre alt, Schulz war damals noch gesund.

Wie kommunizieren Sie mit dem Ausschuss?

Schulz: 

Es ist schon richtig. Ich bin nicht so häufig im Saal, wenn der Ausschuss tagt, aber der Großteil der Arbeit findet ja davor und danach statt. Das Vorbereiten, die Hintergrundgespräche. Die Vermittlung, die eigentliche inhaltliche Arbeit ereignet sich nicht in erster Linie im Saal. Ich werde übrigens wunderbar unterstützt und wir kommunizieren sehr viel per Videokonferenz. Währenddessen sitze ich hier im Wahlkreisbüro. Ich habe meiner Fraktion gesagt, ich möchte voll mitarbeiten. Nicht Larifari, ich möchte auch an den Sitzungen teilnehmen. Da haben Christian Lindner und der parlamentarische Geschäftsführer Marco Buschmann sofort eingewilligt: Okay, wir schalten eine Videokonferenz. Du sitzt dann bei uns mit drin und kannst das vom Büro, vom Arbeitszimmer oder wenn es sein muss, vom Bett aus machen. Aber du bist mit dabei.

Wie lange gehen Sie bereits so vor?

Schulz: 

Seit knapp drei Monaten, und das funktioniert wunderbar. Ich habe auch bei den anderen Fraktionen vollste Unterstützung. Darüber habe ich neulich mit dem Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble telefoniert und ihm die Situation erklärt. Gerade er hat ja einen besonderen Zugang zum Thema Menschen im Parlament mit Einschränkungen. Er könnte sich so etwas nicht nur in den Fraktions-, sondern auch in den Bundestagsgremien vorstellen. Er ist für neue Ideen offen.

Das heißt, es könnte ein neues Kapitel im Bundestag angestoßen werden?

Schulz: 

Mein Plan ist, einen Ausschuss per Videokonferenz zu leiten. Warum denn nicht? Warum muss gerade der Bundestag eine Plattform sein, die anders als die freie Wirtschaft solche Techniken für die Zusammenarbeit nicht nutzt? In jedem Vorstand großer Konzerne ist das gang und gäbe.

Frau Merkel könnte so von China aus an der Debatte teilnehmen ...

Schulz: 

Genau. Man muss natürlich überlegen, nach welchen Regeln das funktionieren kann. Es wird mit Sicherheit noch ein langer Weg sein, die Kollegen davon zu überzeugen, dass es eine gute Idee ist. Sie muss nicht für jeden gelten, vielleicht speziell für Menschen in besonderen Situationen. Man kann über alles reden. Das motiviert mich, weil ich beides zusammenbringen kann - die Digitalisierung, meinen persönlichen Lebensweg mit meinem persönlichen Leidensweg - und daraus etwas Gutes machen. Dazu hätte ich große Lust.

Interview: Marc Oliver Schreib

Zur Bundestagwahl 2017 besuchte merkur.de* Jimmy Schulz in seinem Reihenhaus in Hohenbrunn. Schulz hatte vier harte Jahre in der außerparlamentarischen Opposition hinter sich, obwohl er beim FDP-Fiasko 2013 das beste Ergebnis für seine Partei in ganz Deutschland holte. Schulz sprach mit merkur.de* über seine Familie, seine Niederlagen und wie er immer wieder aufgestanden ist.

Auch CDU-Politiker Mike Mohring machte seine schwere Erkrankung in diesem Jahr öffentlich. Ex-Gesundheitsminister Daniel Bahr leidet ebenfalls an einer Krebserkrankung.

*merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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