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Wie in alten Tagen: Therese Oberhauser (85) steht hinter der Theke ihres Kramerladens.

Therese Oberhauser und Ihr Kramerladen 

„Hier steckt mein ganzes Leben drin“

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In Feldkirchen gibt es einen ganz besonderen Laden. Er ist aus der Zeit gefallen.

FeldkirchenIm ehemaligen Kramerladen von Therese Oberhauser in der Aschheimer Straße 9 in Feldkirchen sieht alles so aus wie früher. Die Ladentheke, die teilweise noch befüllten Regale, die mit Musterpackungen dekorierten Fensterauslagen, Bonbonständer mit großen, leeren Glasbehältern und die Waagen. Als ob im nächsten Moment ein Kunde hereinkäme. „Ich bin noch jeden Tag im Laden und denke an die vielen Kunden und Geschichten, die ich dort erlebt habe“, sagt die alleinstehende alte Dame.

Bei Therese Oberhauser gab es bis vor zehn Jahren alles, was die Hausfrau brauchte. Hinter der Theke stehend, zählt die 85-Jährige auf: Waschmittel und Klammern, Back-, Pudding-, Suppen- und Scheuerpulver, Zwieback, Gries, Kakao, Rasierklingen, Milch, Süßigkeiten, Obst und Gemüse der Saison, Schuhcreme, Kulis, Käse, Pflaster, Tees, Einweghandschuhe, Grillanzünder oder frische Kaffee-Bohnen. Petroleum für die Lampen wurde abgefüllt. „Für die durstigen Männer hatten wir immer geöffnet“, sagt sie schmunzelnd. Darum steht über den herabgelassenen Rollläden auf der Hausfassade in großen Lettern „Jos. Oberhauser Molkereiprodukte Kolonialwaren Brantweinschenke“ – mit einem kleinen Strich über dem ersten „n“ in „Brantwein“ für die Verdoppelung. Nur so, mit der Konzession für eine Branntweinschänke, durfte sie neben Bier auch Likör und Schnäpse im Stehausschank anbieten. Über 35 Jahre hat sie den Laden gemeinsam mit ihren Eltern geführt, weitere 25 Jahre alleine. Bis sie 2007 einen Schlaganfalle erlitten hat. Danach blieben die Läden unten.

Therese Oberhausers Ur-Ur-Großvater hat den Kolonialwarenladen gegründet, damals auf dem großen landwirtschaftlichen Anwesen der Familie. „Schon da habe ich der Mama im Geschäft geholfen. Sie hat die Rechnungen geschrieben, denn viele Feldkirchner hatten wenig Geld und mussten anschreiben lassen, bezahlten, wenn wieder Geld da war. Ich hab’ schon als Kind die Waren für die Kunden zusammengestellt“, erzählt Therese Oberhauser.

Im Jahr 1934 hat Therese Oberhausers Vater Josef das Haus in der Aschheimer Straße 9 gekauft, im Jahr 1950 haben sie ihren Laden dorthin umgesiedelt. Zweimal musste der Papa im Laufe der Jahre noch anbauen, damit alles reinpasste. „Feldkirchen hatte damals etwa 2400 Einwohner, unsere Kunden kamen aber aus der gesamten Region bis Unterföhring und Ismaning, weil es bei uns eben alles gab“, sagt Therese Oberhauser. Da klingt der Stolz durch bei der Kramerin.

Im kleinen Nebenladen befand sich zunächst noch ein Frisör. „Der war nicht so richtig offiziell, aber alle Feldkirchner wussten es“, sagt die 85-Jährige verschwörerisch. „Später haben wir unseren Milli-Laden da hinein gebaut.“ Oberhausers haben die Volksschule und viele Handwerksbetriebe beliefert. „Für runde Geburtstage wurden oft Geschenkkörbe bestellt.“ Therese Oberhauser hat eine Ausbildung zur Einzelhandels-Kauffrau gemacht. 1952 ist sie offiziell ins Geschäft beim Papa eingestiegen. „Damals gab es ein Buch für die Bestellungen, die Firma Bernhard Müller Augsburg belieferte uns mit allem, was wir benötigten. Außer Obst und Gemüse, dafür fuhr der Papa zwei bis drei Mal in der Woche auf den Großmarkt nach München und holte alles ganz frisch.“

Es gab noch ein zweites, deutlich dickeres Buch. Da standen die Schuldner drin, die am Monatsanfang eine Rechnung erhielten. Dann, wenn sie wieder flüssig waren. Im Jahr 1978 starb die Mama, vier Jahre später der Papa. „Danach halfen mir die Familie meiner Schwester beim Einkaufen, Herrichten oder Verkaufen.“ Am Stehausschank, gleich neben der großen Glaskühltheke, hatte sie immer jemanden zum Reden. „Viele hatten keine eigene Heizung, und wenn sie im Winter Schnee geschippt hatten, kamen sie zum Aufwärmen zu mir. Oder im Sommer, wenn es heiß war und die Männer nach der Arbeit Durst hatten.“

Seit Thereses Schlaganfall 2007 ist der Laden zu. Nur ein halb geöffneter Rollladen lässt mit einem Blick durchs staubige Schaufenster erahnen, was über Jahrzehnte Generationen von Feldkirchner dort gekauft haben. Die Bavaria-Filmstudios haben ihr schon viel Geld geboten, die wollten den Laden original komplett als Kulisse übernehmen, erzählt sie. Doch sie bleibt mit ihrem Ladenverbunden. „Verkaufen oder verpachten kommt nicht in Frage, denn hier steckt mein ganzes Leben drin.“

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