Nicht einfach nach Hause dürfen die jungen Bewohner des evangelischen Kinderheims in Feldkirchen. Denn oft sind die Verhältnisse in den Familien zerrüttet – wenn die Kinder überhaupt Familie haben.
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Nicht einfach nach Hause dürfen die jungen Bewohner des evangelischen Kinderheims in Feldkirchen. Denn oft sind die Verhältnisse in den Familien zerrüttet – wenn die Kinder überhaupt Familie haben.

Kein Besuch erlaubt

“Für einige verdammt hart...“ Heimkinder in Feldkirchen sitzen fest

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Anders als Schul- und Internatskinder haben viele Jugendlichen im Evangelischen Kinderheim  Feldkirchen keine Familien, zu denen sie heimfahren können. Sie trifft die Corona-Kontaktsperre besonders hart.

Feldkirchen – Seit dem 13. März gibt es die klare Anweisung der Staatsregierung, sämtliche Schulen und Kindereinrichtungen wegen der Coronakrise zu schließen. Die Kinder sind seither zu Hause. „Wir können das aber nicht, unsere Kinder und Jugendlichen haben entweder keine Eltern mehr oder sind bei uns, weil sie, aus welchem Grund auch immer, eben nicht zu Hause leben können“, sagt Achim Weiss, der Leiter des Kinderheims in der Hohenlindner Straße. Daher muss er sich für die 54 Kinder im Landkreis etwas einfallen lassen, denn: Sie dürfen weder auf die Spielplätze raus noch Besuche empfangen.

Familien zerrüttet - oder nicht mehr vorhanden

Ab dem Schulalter können Kinder und Jugendliche im Haus der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe aufgenommen werden. Dabei handelt es sich um Kinder, deren Eltern überraschend gestorben sind, die bei einem Unfall schwer verletzt wurden und sich nicht kümmern können, aber vor allem um Kinder, deren Eltern sie misshandelt haben oder aus Krankheits-, Drogen- oder Alkoholproblemen nicht in der Lage sind, sich anständig um ihren Nachwuchs zu kümmern.

Drei neunköpfige Kindergruppen der evangelischen Kinder- und Jugendhilfe befinden sich im Kinderheim Feldkirchen. In Zeiten von Corona gilt auch hier: keine Besuche, keine Schule, keine Fremdkontakte.

Immer neun Kinder leben gemeinsam in einer eigenen „Familie“, zudem zwei bis drei Mitarbeiter, die sich nur um diese Neun kümmern. „Da jede Gruppe komplett für sich alleine lebt, isst, lernt, spielt und schläft, wäre es für uns gar kein so großes Problem, wenn sich ein Kind mit dem Virus anstecken würde. Wir müssten dann eben nur diese eine Gruppe komplett isolieren“, sagt Heimleiter Weiss. Drei „Familien“ wohnen direkt im Haus in Feldkirchen, dazu kommen im Landkreis noch je eine in Haar, Heimstetten und Lohhof, insgesamt also 54 Kinder zwischen sechs und 18 Jahren.

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„Das ist für einige schon verdammt hart...“

Da im Moment kein Kind in die Schule darf, bedeutet das für die Betreuer natürlich einen sehr hohen Aufwand. „Den Kindern ist schon langweilig, sie dürfen ja nur innerhalb ihrer Gruppe raus in unseren Garten, können aber keine Freunde aus der Schule treffen, niemand darf sie besuchen“, berichtet Weiss. Schlimm war es vor allem zu Ostern, denn normal dürfen die Kinder, bei denen es das Team verantworten kann, alle 14 Tage am Wochenende nach Hause, ebenso die Hälfte der Schulferien. „Das ist für einige schon verdammt hart, dass sie jetzt ständig hierbleiben müssen.“ Dass die ebenfalls im Kinderheim beheimatete Heilpädagogische Tagesstätte mit ihren sieben Gruppen wie alle Kindergärten und Schulen auch geschlossen wurde, ist aktuell ein Glücksfall, sagt Weiss. „Zum einen müssen wir die 14 Mitarbeiter nicht nach Hause schicken, die kümmern sich jetzt vormittags um die Gruppen. Das Stammpersonal kommt dann am Nachmittag. So ist allen geholfen.“

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Bisher noch kein Krankheitsfall im Haus

Bislang hatte die Jugendhilfe noch keinen Corona-Fall im Haus. Bei zwei Jungs gab es laut Weiss zwar den Verdacht, weil der Vater positiv getestet war, also wurde die Gruppe unter Quarantäne gesetzt. Nach fast zwei Wochen stellte sich dann aber heraus, dass die Buben negativ waren. „Das ärgert mich an der Krise am meisten – wie lange das alles dauert. Wenn wir einen Verdacht haben, brauchen wir fünf, sechs Tage, bis wir endlich einen Termin zum Test bekommen. Bis zum Ergebnis dauert es dann nochmals genauso lange. Der Bürokratismus ist einfach gigantisch. Das ist doch kein Sofort-Test“, sagt Weiss.

Nicht einfach nach Hause dürfen die jungen Bewohner des evangelischen Kinderheims in Feldkirchen. Denn oft sind die Verhältnisse in den Familien zerrüttet – wenn die Kinder überhaupt Familie haben.

Er hat noch nicht darüber entschieden, ob das in ganz Feldkirchen beliebte Sommerfest, das Anfang Juli stattfinden soll, über die Bühne gehen wird. „Wir haben dieses Jahr das Motto Zirkus und unsere Teams haben sich schon so viele tolle Gedanken gemacht – die müssten jetzt aber zum Proben beginnen, alle gemeinsam. Bis Mai warten wir noch ab, dann müssen wir das entscheiden. Es wäre vor allem für die Kinder schön, wenn es klappt“, hofft Weiss.

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