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Ein Vorgänger des eChillers.

Neue Kältemaschine aus Feldkirchen

Eiskalte Revolution

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Eine Erfindung aus Feldkirchen will den Weltmarkt revolutionieren: eine Kältemaschine. Darum hat sie gute Chancen.

Feldkirchen – Wie die Idee entstand, das ist schon ein kurioser Zufall. Denn damals, vor 14 Jahren, wollten zwei Ingenieure eigentlich ganz andere Dinge entwickeln: Holger Sedlak tüftelte daran, mittels eines Buchs über Thermodynamik die Heizungsanlage in seinem Haus zu verbessern, und Oliver Kniffler schwebte ein solarbetriebenes Kraftwerk vor. Auf einer Weihnachtsfeier bei Infineon tauschten sich die beiden aus. Und statt Wärme-Erzeugung stand plötzlich das Gegenteil im Mittelpunkt ihrer Experimentierfreude: eine Kältemaschine.

Wasser statt Treibhausgase

Nicht irgendeine. Statt, wie sonst üblich, fluorierte Treibhausgase einzusetzen, verwendeten Sedlak und Kniffler reines Wasser als Kältemittel. Rechnen, probieren, testen – auf der Basis erster Zeichnungen konnten sie Investoren begeistern und gründeten 2006 die Firma Efficient Energy in Feldkirchen. Sie bauten im Laufe der Jahre mit dem „eChiller“ eine Kompressionskältemaschine, die inzwischen mehrere bedeutende Preise gewonnen hat. Nach kleinen Optimierungen soll mit der Maschine nun der Weltmarkt revolutioniert werden.

„Ich sehe die Chance, mit dieser Technologie kältetechnische Geschichte zu schreiben“, sagt Jürgen Süß, seit 2015 Geschäftsführer und CEO von Efficient Energy. Für die Aufgabe in Feldkirchen gab der 50-Jährige seinen sicheren Job bei einem Unternehmen für Industriekälteanlagen am Bodensee auf – „weil ich fasziniert war von dem Konzept“.

Geschäftsführer Jürgen Süß.

Das Besondere am „eChiller“: Die Kältemaschine nutzt keine fluorierten Kohlenwasserstoffe (sogenannte F-Gase) als Kältemittel, sondern Leitungswasser. „Das ist der entscheidende Unterschied“, sagt Süß. „Da, wo die Anlage steht, drehen wir den Hahn auf und füllen circa 50 Liter Wasser ein.“ Wird die Anlage eines Tages stillgelegt, „kann man das Wasser entweder trinken oder man kippt es in den Gulli“. Für die Umwelt ein enormer Gewinn.

Hinzu kommt die Energie-Effizienz: Die Stromersparnis gegenüber herkömmlichen Anlagen liegt einer Langzeitmessung zufolge bei 80 Prozent. Außerdem entfallen Wartungskosten, die sich sonst – ähnlich wie beim Kaminkehrer – ein bis drei Mal pro Jahr für eine wiederkehrende Prüfung summieren.

Von wegen Hobbybastelgruppe

50 Mitarbeiter kümmern sich in Feldkirchen mittlerweile darum, den „eChiller“ zu bauen und zu vermarkten. „Man kann nicht mehr sagen, dass wir eine kleine Hobbybastelgruppe sind, die im Osten von München an irgendwas forscht“, betont Jürgen Süß. „Wer etwas bestellt, bekommt von uns eine ausgereifte Maschine.“ Noch trägt der vergleichsweise kleine Umsatz das Unternehmen nicht. Der Plan: „Irgendwann ab 2019 sollten wir selber fliegen können.“

Dass der „eChiller“ Zukunft hat, davon ist der CEO überzeugt. Nicht nur wegen der inzwischen vier Preise, mit denen das Produkt ausgezeichnet worden ist. Mehr als auf Auszeichnungen schaut Jürgen Süß auf die F-Gase-Verordnung der EU, die in nationales Recht umgewandelt werden muss. Die Regelung sieht vor, dass bis 2030 fast 80 Prozent der herkömmlichen Kältemittel verschwinden. „Wenn man unterstellt, dass der Kältemarkt eher größer als kleiner wird, muss man auf andere Stoffe umsteigen, die umweltverträglicher sind. Wasser ist die alternativlose Alternative.“

Der Einsatzbereich vom „eChiller“: die Kühlung von Rechenzentren und Serverräumen oder Industrieprozesskühlung, beispielsweise im Kunststoffspritzguss oder bei Bioreaktoren. „Unser Anwendungsgebiet liegt zwischen 16 und 22 Grad Kaltwasser“, erläutert Jürgen Süß. Ein Rechenzentrum, in dem 25 Grad Raumtemperatur gehalten werden müssen, lasse sich problemlos kühlen. Und vor allem kostengünstig: „Ganz im Gegensatz zur klassischen Kälte, die dann deutlich mehr Energie verbraucht.“ Konventionelle Kälte-Anlagen würden ihre Vorteile eher im Bereich der Gebäudeklimatisierung ausspielen. „In dieses Haifischbecken, in dem sich alle tummeln, stürzen wir uns bewusst nicht hinein.“

Hacker-Angriffe in der spannenden Phase

Freilich, auch der Markt für das Temperaturspektrum des „eChillers“ ist schwierig. „Konservativ und sehr zäh“, sagt Süß. Etablierte Kälte gebe es ja schon, „manche nennen uns sogar Branchenverräter“. Andererseits werde die Firma in Feldkirchen von der Konkurrenz genau beobachtet. „Als wir uns in der Konstruktionsphase befanden, gab es viele Hacker-Angriffe auf unsere Server. Heute kommen Unternehmen zu uns, um sich offiziell zu informieren, wie Wasser als Kältemittel funktioniert.“

Der Markt, sagt Süß, sei „nicht gesättigt. Er wächst, aber er ist bespielt von etablierten Firmen“. Es laufe ein Verdrängungswettbewerb – in den ausgerechnet der revolutionäre Neuling aus Feldkirchen hineinstößt. „Wenn man eine neue Technologie in einen recht konservativen Markt einführt, ist das wie beim Schneeballrollen: Eine kleine Kugel nimmt Fahrt auf, wird immer größer“, veranschaulicht Süß die Lage. „Wir treffen oft auf Kunden, die wollen nicht der Erste oder Zweite sein, sondern der Zwanzigste; wenn das jeder sagt und keiner einer der ersten 19 sein will ...“ In dieser Phase befinde sich das Unternehmen gerade.

Gut 50 Aufträge sind derzeit in Planung, 2019 sollen es 400 bis 500 sein. Danach wird eine vierstellige Stückzahl angepeilt. Die Investoren im Hintergrund zeigen bislang viel Geduld. Nun hoffen sie, genauso wie die 50 Mitarbeiter in Feldkirchen, auf den globalen Erfolg der revolutionär-umweltfreundlichen Kältemaschine.

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