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Der Geruch von Glühwein und Bratwurst: So erlebt Monika Schuster (54) den Unterschleißheimer Christkindlmarkt.

Relikte des Sehens

Ein Fest für alle Sinne: Blinde erleben Weihnachten

Unterschleißheim – Der Schein einer Kerze, ihre Flamme, die warmes Licht und eine gemütliche Atmosphäre im Raum verbreitet. Sie vermisst Monika Schuster (54) am meisten. „In die Kerzenflamme zu schauen, das fehlt mir“, sagt die Lehrerin am Sehbehinderten-und-Blinden-Zentrum (SBZ) in Unterschleißheim. Aufgestellt hat sie dennoch mehrere Lichter, ein Adventskranz steht auf dem Tisch, Bilder mit Weihnachtsmotiven kleben an den Fenstern. „Ein Relikt des Sehens.“ Monika Schuster ist blind.

Im Sommer 2007 verlor sie, seit der Geburt stark sehbehindert, ihr Augenlicht endgültig. Schwarz wurde ihre Welt jedoch nie. Denn die Lehrerin hat diese Bilder im Kopf, immer und überall. „Umweltmuster“ nennt sie die. Den „Stadtplan von Sendling hab’ ich auswendig im Kopf“, sagt Schuster, die in dem Münchner Stadtteil lebt. Auch ein „Relikt des Sehens“. Genaue Vorstellungen von Farben, Formen und Dimensionen. Ein Vorteil für Menschen, die nicht von Geburt an blind sind. Aber „der Schreck ist umso größer“, sagt Monika Schuster. „Weil man etwas verloren hat.“

Etwas, das von Geburt an Blinde nicht kennen. Zum Beispiel die Erinnerung an den Schein einer Kerze im Advent. Die Münchnerin hadert nicht mit ihrem Schicksal – und lebt den Advent sehr intensiv. Auf „rosa Plüsch-Rentiere“ legt sie überhaupt keinen Wert. Für Monika Schuster ist der Advent eine sehr religiöse, christliche Zeit – mit Kerzen, Schmuck in der Wohnung, Weihnachtspost und einem Bummel über die Christkindlmärkte.

Doch alleine ist ein Besuch auf den Märkten nicht möglich. Monika Schuster packt ihren Blindenstock ein und hakt sich am Arm unter. „Wenn ich in dem Gedränge irgendwo einfädele, verliere ich sofort die Orientierung."

Von Stand zu Stand schlendert sie auf dem kleinen Christkindlmarkt am Rathausvorplatz in Unterschleißheim. Dass er nicht weit ist, „habe ich bereits gerochen, als wir zur Tür des SBZ rausgegangen sind“, sagt die 54-Jährige. Sofort steigt ihr der Geruch von Glühwein und heißem Fett in die Nase. Der typische Weihnachtsmarkt-Geruch? „Eindeutig Glühwein und Bratwurst.“

An den kleinen Holzbuden mit Essen und Getränken tut sich die Lehrerin leicht. Dort braucht sie keine Hilfe, muss nicht fragen. da riecht sie sofort, was es gibt. Doch an allen anderen Ständen lässt sie sich von den Verkäufern oder ihrer Begleitung erklären, was es zu entdecken gibt.

Was die meisten Besucher sehen, ertastet sie. Denn mit dem Hören „wird es auf Christkindlmärkten schwierig, weil die immer lauter werden“. Musik, Rufe der Händler und Gespräche. Nicht gerade eine staade Zeit. Schuster verlässt sich darum lieber auf ihre Nase. Und den Tastsinn. Ein Händler, der Edelsteine in allen Formen, Größen und Farben anbietet, legt ihr einen kleinen, runden grün-grau schimmernden Stein in die Hand. „Schön, ganz weich“, sagt die Münchnerin. Mit den Fingern gleitet sie an den Kanten entlang, wiegt den Stein in der Hand. 

Ein Spaziergang über den Christkindlmarkt gehört für sie zum Fest, aber viel wichtiger ist ihr die Besinnung. Der gelebte Glauben. Den braucht Monika Schuster in diesem Jahr mehr denn je. In der Adventszeit ist sehr überraschend ihre Mutter gestorben. Und nun ist es da, „das Gefühl, die schönen Dinge der Adventszeit nicht mehr teilen zu können“.

Denn die vier Wochen vor Weihnachten haben Mutter und Tochter seit jeher sehr intensiv miteinander verbracht, gefeiert, gelebt. Sie besuchten zusammen Gottesdienste, Kirchenkonzerte, hörten daheim „uralte Aufnahmen meines Vaters“ und öffneten jeden Tag gemeinsam ein Türchen des akustischen Adventskalenders. „Ein fester Programmpunkt“, sagt sie traurig. Gemeinsam lauschten sie den besinnlichen Texten oder Musikstücken, die sich hinter jedem Türchen verbergen. „Schweren Herzens mache ich damit allein weiter“, sagt Schuster. Es tut weh, „aber mir auch gut“. Sie findet darin Trost und Erinnerung. 

Darum sucht sie auch noch den richtigen Platz für die Krippe. Sie stand bislang immer bei ihrer Mutter im Wohnzimmer, nun stehen die Holzfiguren bei Monika Schuster daheim in Sendling. Eine Krippe ist für die blinde Frau eine schöne Dekoration, „weil sie sich gut ertasten lässt“. Auch die Schüler am SBZ in Unterschleißheim fühlen und hören den Advent. Es gibt kleine Feiern mit Musik und gelesenen Texten in den einzelnen Klassen und eine große Weihnachtsfeier der ganzen Schule. Für die Kinder und Monika Schuster ist der Advent „anders, aber nicht weniger intensiv“. Im Gegenteil. 

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