Fest im Sattel

Unterföhring - Ob Sonne, Schnee oder Regen: Ganzjahresradler trotzen jeder Jahreszeit.

Unterföhring - Sonne. Regen. Kälte. Schnee. Egal - Ganzjahresradler fahren immer mit dem Bike, auch im Winter. Selbstkasteiung? Von wegen. Für Raymond Hassloch (52) und Xaver Grimm (49), die in Dachau leben und bei der Allianz-Versicherung in Unterföhring arbeiten, ist der Weg zur Arbeit pure Lebensqualität.

In den dunklen Dezembertagen ist die Luft kalt und klar. Da ist man schnell wach. Kräftig haben Raymond Hassloch und Xaver Grimm in die Pedale getreten. Wie ein Film rauschten die Bilder durchs Blickfeld. Vorbei an Menschen, Gebäuden, Autos und vorbei am Stau. - Das ist eine besondere Freude: „In der Früh in Dachau an der B 471 wissen wir schon: Die Autofahrer holen uns bis Unterföhring nicht mehr ein.“ Xaver Grimm lacht verschmitzt: „Das ist unser Triumph.“ Er wirkt heiter. Vom Adrenalinausstoß beflügelt? Es ist neun Uhr, als sie ihre Räder im Fahrradkeller der Allianz parken. Zurückgelegt haben sie 26 Kilometer. Raymond Hassloch und Xaver Grimm sind Ganzjahresradler.

Gut durchblutet, gut gelaunt

Eine Viertelstunde später sitzt Xaver Grimm auf einem Ledersofa in der Empfangshalle des weitläufigen Allianz-Gebäudes. Er hat geduscht, ein frisches Hemd angezogen und einen Sakko aus seinem Büroschrank ausgesucht. Seine Wangen sind noch gut durchblutet.

80 Minuten brauchen Grimm und Hassloch durchschnittlich für die Anfahrt. Extrem findet Raymond Hassloch das gar nicht: „Jede Jahreszeit hat etwas für sich“, sagt der 52-Jährige. „Am schönsten ist es im Herbst und Frühjahr.“ Wenn im März wieder die Sonne hinter den Bäumen hervorkommt und die Vögel zwitschern, „das ist das Highlight am Tag“. Und der Winter? „Geschmissen hat es mich schon mal“, sagt er. Aber der Schnee sei in vielen Wintern keine große Gefahrenquelle, eher die Dunkelheit. Wichtig sei eine gute Beleuchtung. Auch Helm, Brille und Handschuhe gehören für den Crossradfahrer unbedingt dazu.

Vor zehn Jahren hat Xaver Grimm erstmals ausprobiert, auch im Winter den Arbeitsweg per Rad zurückzulegen. „Ich dachte mir, beim Skifahren geht es doch auch.“ Viel Bewegung und frische Luft haben sich positiv ausgewirkt: „Ich habe weniger Erkältungskrankheiten. Und ich komme wahnsinnig entspannt nach Hause.“ Und wenn er es eilig hat oder Gegenwind die Fahrt erschwert, rollt er auf seinem E-Pedelec stromunterstützt: „Das geht wesentlich schneller ohne sich auszupowern, sodass es auch mal ohne Dusche geht.“

Die beiden Triathleten bekommen so auch an Arbeitstagen ausreichend Bewegung. - Nur auf schneebedeckten Radwegen kommt der Sportsgeist an Grenzen. „Wenn es in der Nacht schneit, sind morgens die Straßen geräumt, aber die Radwege leider meistens nicht.“ Auf der Straße zu radeln sei dann kein Spaß: „Die Autofahrer sind unsicher und hupen.“ Der Radfahrer wird plötzlich zum störenden Fremdkörper im Straßenverkehr. Ein paar Mal hat Raymond Hassloch dann doch kapituliert. „Mir ist es passiert, dass ich die ganze Strecke schieben musste. Das ist zu extrem, da lasse ich es bleiben.“ Dann nimmt er ganz konventionell das Auto, auch wenn der Weg im Berufsverkehr länger dauert.

In Kostüm und Pumps

Das Ganzjahresradeln zieht Kreise, das sieht man an den vielen Rädern im Fahrradkeller der Allianz. Drei Kollegen hat Raymond Hassloch mit seiner Freude am Radfahren schon angesteckt. „Die haben festgestellt: Das Radeln zur Arbeit ist ja total schön!“ Auch wenn sie es weniger sportlich angehen: Ein Kollege steigt nach zehn Kilometern vor dem Fahrradkeller von seinem Tourenrad. Zehn Kilometer fährt er von Haidhausen. Jetzt gönnt er sich erst einmal eine Zigarette. Eine andere Kollegin kommt im eleganten Büro-Outfit an: Sie ist in Mantel, Pumps und Kostüm durch den Englischen Garten geradelt.

Ein kleines Ritual pflegt Raymond Hassloch jeden Abend, wenn er zuhause sein Rad abgestellt hat. „Ich werfe fünf Euro in eine Kasse. Das ist mein Spritgeld.“ Vom Ersparten leistet er sich einen Urlaub auf Mallorca, - in diesem Frühjahr zum fünften Mal. „Das steigert die Motivation“, sagt Hassloch. Im Gepäck hat er dann sein Rennrad.

Charlotte Borst

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