Diagnose: Bänderanriss und Meniskusriss

Feuerwehrmann bezahlt teilweise für Einsatzunfall

Brunnthal - Dirk Herrmann ist Feuerwehrmann aus Berufung. Im Einsatz gibt er alles. Als er sich dabei jedoch verletzt, wird ihm klar, dass er nicht so gut abgesichert ist, wie er dachte. Die Versicherung übernimmt seine Behandlungskosten nicht.

Als „eine tragende Säule unserer Gesellschaft“ preist der Bayerische Innenminister Joachim Herrmann das Ehrenamt – vor allem vor dem Hintergrund des demographischen Wandels und der Globalisierung.

„Ganz recht“, stimmt sein Namensvetter, der Brunnthaler IT-Spezialist Dirk Herrmann bei. Er hat sich deshalb vor zweieinhalb Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr in Brunnthal gemeldet. „Nachdem mein Berufsleben mit dem ständigen Reisen endlich ein Ende fand, und ich einen Job im internen Bereich meiner Firma in Ismaning bekommen konnte, war der Weg frei für eine ehrenamtliche Unterstützung meiner Nachbarn und Mitbürger“, schreibt er an den Innenminister.

Es handelt sich bei dem Brief allerdings um eine Beschwerde. Denn auf dem Weg zu einem First-Responder-Einsatz hatte sich der 46-jährige Brunnthaler bei einem Sturz über den Bürgersteig an den Rippen, der Schulter und am Knie verletzt. Die Versicherung sträubt sich nun, sämtliche Kosten der nachfolgenden Behandlungen zu übernehmen. Sie bezweifelt den unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Sturz und der vom Arzt für nötig befundenen Operation am Knie.

„Ich bin wahrlich nicht zimperlich und kann auch gut etwas aushalten, aber die Absicherung von unsereins ist bei Weitem nicht das, was man uns immer erzählt hat“, schimpft Herrman und hältam Frühstückstisch ein ganzes Bündel Korrespondenz in der Hand – beginnend mit der Schilderung des First-Responder-Einsatzes vom 9. August vergangenen Jahres, 4.30 Uhr, als der bürokratische Kleinkrieg, der folgen würde, noch gar nicht abzusehen war.

Dirk Herrmann rennt zum Feuerwehrhaus, knickt um, rafft sich auf und nimmt trotzdem am Einsatz teil. Erst kurze Zeit später zeigen sich die Hämatome des Sturzes, und ein stechender Schmerz im Knie will einfach nicht aufhören.

Der Privatpatient meldet den Vorgang etwa drei Wochen später der Kommunalen Unfallversicherun. Befund: ein Teilanriss des Bandes und ein Riss im Meniskus. Eine scheinbar kleine Angelegenheit, aber mit großen Folgen. Der 46-Jährige gibt gerne zu, dass er die Unfallmeldung zu spät abgegeben hat, hält die Reaktion darauf aber für noch weit weniger korrekt: Die Zahlungen für die ärztlichen Untersuchungen bis Ende des Jahres bekam er zu 75 Prozent erstattet. Er hatte sich als Privatpatient zum Teil in Eigenregie behandeln lassen. Schließlich hatte ihm der zuständige Arzt bestätigt, dass der Anriss des Meniskus auf den Sturz im August zurückgeführt werden könne.

Alle weiteren Kosten, die in Zukunft anfallen – unter anderem die Operation in wenigen Wochen, kommen womöglich auf den Familienvater als Privatversicherten zu. Dieser hat dagegen Widerspruch eingelegt, und ein Gutachten wird dazu erstellt. Das heißt im Klartext auch, dass die Unfallversicherung – wenn überhaupt – nur den gesetzlichen Teil erstattet, den Rest muss Herrmann selbst ausgleichen.

Falls die Privatkrankenkasse zahlt, bleibt der Brunnthaler auf dem Verlust der Beitragsrückerstattung und der Zahlung des Selbstbehaltes sitzen. Das echauffiert den Freund des Ehrenamtes: „Es kann nicht sein, dass ein Feuerwehrangehöriger noch Geld zum Einsatz mitbringt und seinen Schaden damit selbst finanziert.“ Er will gar nicht daran denken, was bei schlimmeren Fällen von Erkrankung droht und bittet in seinem Schreiben den Freistaat, hier kräftig nachzubessern und die Behandlung des Ehrenamtes „auf ein Niveau zu bringen, das dem Einsatzgerecht wird“.

Über 2000 Feuerwehrmänner und -frauen sind im Jahr 2010 beim Einsatz- und Übungsdienst verletzt worden, ein geringer Teil auf dem Weg zum Einsatz. Ein Feuerwehrmann verlor laut Bayerischem Innenministerium sein Leben. Im Todesfall erhalten die Hinterbliebenen eine Versicherung in Höhe von rund 10 000 Euro, im Fall der Invalidität von knapp 20 500 Euro.

„Diese ernüchternden Fakten werden hilfsbereite Ehrenamtliche zwar keineswegs abschrecken, aber eine Nachbesserung wäre schon wünschenswert“, findet der Brunnthaler. Von der Versicherungssumme für Hinterbliebene könne gerade einmal die Beerdigung bezahlt werden.

Er ist nicht der einzige in seinem Ort, der ein kritisches Auge auf die Situation der Absicherung im Freiwilligen Feuerwehrdienst wirft. Sein Kollege Robert Sprenzel (45) ist beim gleichen Einsatz am 9. August auf dem unbeleuchteten Parkplatz vor dem Feuerwehrgerätehaus mit seinem Fiat Grande Punto gegen das Auto des stellvertretenden Kommandanten gefahren.

Keine große Sache, die Kommunale Unfallversicherung ist zuständig und zahlt entweder den Schaden oder die Hochstufung des Unfallverursachers. Sie entschied sich dazu, die Hochstufung bei Sprenzels Vollkasko-Versicherung finanziell auszugleichen.

Allerdings ist im Vergütungspaket nicht eingeschlossen, dass Sprenzel bei einer Anmeldung eines weiteren Autos etwa für seine Kinder hochgestuft würde – nur abzuwenden gegen die einmalige Zahlung von 133 Euro an die Versicherung. Diese Summe hat am Ende nicht die Versicherung gezahlt, sondern die Gemeinde.

Sprenzels Ehegattin Bettina überlegt, wie man die Zahlungsbereitschaft etwas anspornen könnte (per Petition oder Aussprache mit Landtagsabgeordneten), kommt aber zu dem Schluss, dass es wohl ein Kampf gegen Windmühlen sei. Sie weiß auch, dass ihr Mann den Dienst trotz der bürokratischen Ärgernisse ausüben werde – er sieht ihn nicht als Hobby oder Freizeitaktivität, sondern als ernste Aufgabe: „Zum Feuerwehrmann ist man berufen oder eben nicht.“

Für sie, genauso wie für Dirk Herrmann, geht es dabei nicht um die eigentliche Geldsumme, sondern ums Prinzip. „Feuerwehrmänner sind nicht zimperlich, aber es wird das falsche Signal gesetzt.“ Bettina Sprenzel will sich gar nicht ausmalen, was geschähe, wenn die Feuerwehrler mit ihrer Freizeit ähnlich penibel kalkulieren würden wie die Versicherungen mit dem Geld. „Dann gingen nicht nur bei uns hier in Brunnthal schnell die Lichter aus.“ Mittlerweile hat das Büro des Bayerischen Innenministers geantwortet. Man wolle dem laufenden Widerspruchsverfahren nicht vorgreifen, heißt es.

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