Stein um Stein zum Erfolg

Unterschleißheim - Wenn Franca Tabarelli-Papelitzky (63) an die Anfänge im Unterschleißheimer Ortsteil Lohhof zurückdenkt, sieht sie Rehe im Morgennebel äsen. Der Nebel steigt aus Wiesen auf, die sich rund um ihren Betrieb ausdehnen. Seine Firma für Natursteine an der Daimlerstraße stand damals noch im Grünen. Vater Remo hatte sie 1965 gegründet. Remo Tabarelli ist Einwanderer aus Norditalien, und in der Familie erzählt man sich gerne, wie der Patron in den späten 1950er-Jahren nach Deutschland kam. Mit nichts als einem Koffer in der Hand.

Fragt man Franca Tabarelli-Papelitzky, was in des Vaters Koffer wohl gesteckt haben mag, fällt ihr als erstes eine Salami ein. Vermutlich noch etwas Pasta und eine gute Flasche Wein. Viel mehr an Platz dürfte der Koffer kaum hergegeben haben. So viel steht fest: Remo Tabarelli hat mit 33 Jahren von vorn angefangen.

Jetzt feierten die Tabarellis das 50-jährige Bestehen ihrer Firma. Franca und ihre Brüder, Adriano (60) und Viktor (48), die das Unternehmen vor 26 Jahren vom Vater übernahmen, begrüßten Gäste und Freunde. Bürgermeister Christoph Böck war da, dankte, dass der Natursteinbetrieb Unterschleißheim so lange die Treue hält, prostete den Jubiliaren für weitere 50 Jahre zu. „Es gibt nicht viele Firmen in der Stadt, die 50 Jahre durchgehalten haben“, stellte Böck anerkennend fest.

Ein Blick auf die Auslage zeigt, dass Tabarellis mehr taten, als durchzuhalten. Küchenablagen aus Mamor, steinerne Tröge für den Garten, ein akkurat bearbeiteter Brunnen. An der Wand lehnt eine Platte aus dunklem Marmor, mittig ein Stern. Es ist diese Art Platten, die den Walk of Fame in Los Angeles schmücken.

Die Marmorplatten der Tabarellis zieren zwar nicht den Weg entlang des Hollywood Boulevards. Aber Berühmtheiten wie Peter Maffay oder Henry Maske versicherten sich der Dienste der Firma aus Unterschleißheim. Die Tabarellis waren außerdem für Arbeitgeber wie die Flughafen München Gesellschaft und für Dallmayr tätig. Längst genießt die Firma einen wohlklingenden Namen in der Branche. Die Einwanderer haben es geschafft. Jeder Anfang ist schwer. Remo Tabarelli hat das gewusst, als er Italien 1959 verließ. Ohne Familie kam er nach Deutschland, um sich ein Leben aufzubauen. Arbeit fand er in Oberschleißheim, zog die Hochhäuser Am Stutenanger mit hoch. Schwere Arbeit. „Jeder Eimer Mörtel musste in den achten Stock geschleppt werden“, erzählt die Tochter. Am Stutenanger brachte Remo Tabarelli sich das Steinmetz-Handwerk bei. Während des Wirtschaftswunders gehörte Beton, Mörtel und Marmor die Zukunft. 1963 ließ Remo die Familie nachkommen, in eine kleine Wohnung über dem „Alten Wirt“. US-Soldaten aus der Kaserne zählten zu den Gästen. Franca kann die Stille noch hören von unten aus der Wirtschaft, als John F. Kennedy am 22. November in Dallas zwei Gewehrkugeln trafen. „Die sind raus, ganz leise und sind weggefahren.“ Zwei Jahre darauf zahlt ihr Vater fünf Mark für die Gewerbeanmeldung seiner Marmorstein bearbeitenden Firma in 8044 Unterschleißheim, Post Lohhof, Furtweg 27. Der 8. März 1965 ist als Tag des Betriebsbeginns notiert. Franca erinnert an den Umzug zum „netten Herrn Schuster“. Ein Bauernhof, das Firmenbüro im Austragshäuschen. „Da haben wir uns wohl gefühlt.“ Der nächste Anlauf ist dann schon die heutige Adresse in Lohhof. Mit eigener Hände Arbeit habe der Vater Wohnhaus und Firma aufgebaut. Früh mussten die Kinder anpacken. Doch nicht die schwere Arbeit am Haus ist Franca unlieb in Erinnerung geblieben. In ihr Gedächtnis eingebrannt haben sich Erlebnisse, die sie als Tochter von Einwanderern letztendlich prägten.

Es war in der Grundschule,als man sie mit elf Jahren zu den Hilfsschülern in den Keller verbannte, wie sie sagt. Zwischen Einwandererkindern und viel zu alten Buben, die den Schulstoff oben nicht packten, lernte sie, sich durchzubeißen. Nicht von jedermann waren Gastarbeiter willkommen geheißen. Nette Lehrer halfen, schlechte Erfahrungen zu verdauen. „Ich schau mir an, was dieser Tage geschieht“, kommentiert sie das aktuelle Flüchtlingsdrama. Das sei natürlich eine andere Zeit gewesen, damals vor über 50 Jahren, sagt Franca. Bis heute aber gilt: Die Sprache ist das Ticket in ein neues Leben. „Lernt Deutsch!“ Franca Tabarelli-Papelitzky hat eine Weile gebraucht, um sich in Unterschleißheim heimisch zu fühlen, wollte lange zurück nach Italien. „Unsere Heimat bewahren wir uns wie ein Märchen.“ Besuche in Trient ließen sie das Italien ihrer Mädchenträume mit der Realität in Einklang bringen. Traurige Desillusionierung ging über in einen Zustand weiser Akzeptanz. Inzwischen fährt sie gern nach Italien, verbringt Zeit mit ihrem Mann Peter (58) in dem Häuschen, das ihr Vater baute, als er schon in Deutschland lebte.

Das Band in die Heimat ist stark. Wirklich daheim aber ist Franca in Unterschleißheim. Hier hat sie ihre Jugend verbracht, hat geheiratet. Ihr Mann, Innenarchitekt, unterhält ein Büro im selben Haus an der Daimlerstraße.

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