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Auf Job- und Wohnungssuche: Ahmad H. (28) lebt derzeit in einem Unterschleißheimer Wohnheim.

Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt

„Ich muss jeden Tag besser werden“

Ahmad H. aus Syrien ist vor Kurzem als Flüchtling anerkannt worden. Nun kämpft er für sein neues Leben.

Ahmad H. will. Der 28-Jährige aus Damaskus serviert seinen Gästen Schwarztee und Kekse. Dann setzt er sich an den kleinen Tisch in einer der spärlichen Gemeinschaftsküchen eines Unterschleißheimer Wohnheims und sagt mit großen, interessierten Augen: „Es ist für mich eine Ehre, hier zu sein.“ Ahmad H. hat sich sein bestes Kleidungsstück angezogen, ein langärmeliges, schwarz-graues Baumwoll-Hemd. Der Mann mit dem schwarzen Bart und zurückgegangenen Haaransatz möchte seriös aussehen für die Kamera. Freilich ist es unwahrscheinlich, dass sein zukünftiger Vermieter oder sein zukünftiger Arbeitgeber dieses Foto sieht. Aber was zählen schon Wahrscheinlichkeiten für jemanden, der das erlebt hat, was Ahmad H. erlebt hat.

Ahmad H. kommt aus Damaskus, Syrien, Bürgerkriegsland. Er ist vor einem Jahr und nach jahrelanger Flucht in Deutschland angekommen. Der deutsche Staat hat ihn vor vier Monaten als politisch verfolgten Flüchtling anerkannt. Seitdem ist er berechtigt, in Deutschland zu arbeiten. Und Ahmad H. ist motiviert: „Ich will nicht nur hier sitzen und warten. Ich will arbeiten. Ich will meiner Familie helfen“, sagt er und meint es unheimlich ernst.

Rund 1500 Flüchtlinge leben im Landkreis München. Circa ein Drittel davon wird anerkannt. Sie sind damit am Ende einer langen, oft jahrelangen Reise. Sie dürfen in Deutschland arbeiten. Es ist nicht nur die Chance auf eine eigene Wohnung. Verheiratete Flüchtlinge haben auch das Recht, Ehepartner und Kinder nach Deutschland zu holen. Die Anerkennung des Flüchtlingsstatus ist die Möglichkeit, neu anzufangen. Doch das alles ist nur schöne Theorie. Die Unwägbarkeit der Praxis kann einen zermürben.

Ahmad H. weiß, dass er Geduld haben muss. Im Moment hat sich ein Bürokratie-Berg vor ihm aufgetan, mal wieder. Eine Anerkennungsstelle überprüft gerade seine Universitätszeugnisse. Wie lange das dauert, weiß Ahmad H. nicht. Ob sein Abschluss hier ein genausoviel zählt wie in Syrien, ist ungewiss.

Ahmad H. ist Kommunikationsingenieur. Er hat fünf Jahre an der Universität in Damaskus studiert. Danach hat er als Berufsschullehrer und bei einer Hilfsorganisation für palästinensische Flüchtlinge gearbeitet. Zusammen mit seiner Frau hat er in einer kleinen Mietwohnung in Yarmouk gewohnt, einem Stadtteil im Süden von Damaskus, wo sich seit den späten 1950er Jahren viele Palästinenser angesiedelt haben. Auch seine Frau ist eine syrische Palästinenserin. Sie ist sechs Jahre jünger als er. Sie heißt Muzn. Der Name bedeutet übersetzt Wolke und Regen. Für Ahmad H. ist Muzn die Quelle seiner Motivation. „Ich brauche Arbeit. Ich will mit meiner Frau zusammen sein“, sagt er.

Seit zwei Jahren haben sich Ahmad H. und Muzn H. nicht mehr gesehen. Der Bürgerkrieg hat die beiden getrennt. Der Stadtteil, in dem Ahmad H., seine Frau, seine Eltern und Geschwister gelebt haben, existiert nicht mehr. Die Bomben haben das Viertel in Schutt und Asche gelegt. Vor diesem Hintergrund ist die Frage, warum er seine Heimat verlassen hat, eigentlich obsolet. Aber Ahmad H. meint: „Natürlich bin ich wegen dem Krieg im Allgemeinen geflohen. Aber jeder hat auch einen persönlichen Grund.“ Bei Ahmad H. war es die Überzeugung, die Waffe nicht gegen die eigenen Landsleute richten zu wollen. Das syrische Regime wollte ihn nach seinem Studium und während den Anfängen des Bürgerkriegs zum Wehrdienst einziehen. „Ich hätte dann gegen das syrische Volk kämpfen müssen. Das wollte ich nicht. Genauso wie ich auch nicht auf der anderen Seite kämpfen wollte“, sagt er. Schließlich ist er geflohen. Zuerst in die Vereinigten Arabischen Emirate, dann über die Türkei nach Europa. Über große Umwege kommt er nach Unterschleißheim, wo er zusammen mit anderen Flüchtlingen in einem Wohnheim lebt.

Ahmad H. hat für die Flucht seinen kompletten Ersparnisse aufgebraucht. Er erzählt, er habe unter anderem Weggefährten finanziell unterstützt, die es ohne das Geld vermutlich nicht geschafft hätten. Doch Ahmad H. will nicht mehr zurückschauen. In den Jahren der Flucht hat er gelernt, dass er kleine Schritte machen muss, um voranzukommen. Er will zuerst sein Deutsch verbessern, bevor er sich um einen Job bewirbt. Jeden Tag zwischen 13 in 17 Uhr besucht er deshalb einen Sprachkurs: „Ich mag Deutsch. Es erinnert mich an Arabisch. Man muss denken, bevor man spricht. Das ist ähnlich wie im Arabischen“, sagt er und lächelt Heidrun V. vom Unterschleißheimer Helferkreis an, die ihm viel Sprachliches beigebracht hat. Er nennt sie „unsere deutsche Tante“.

Heidrun V., die nicht mit vollem Namen in der Zeitung stehen möchte, besucht Ahmad H. und die anderen Flüchtlinge regelmäßig im Wohnheim. Sie hilft bei Behördengängen oder bei den Deutsch-Hausaufgaben. Heidrun V. unterstützt Ahmad H. außerdem bei der Wohnungssuche. Sie telefoniert mit Maklern, um Besichtigungstermine auszumachen. Doch es ist extrem schwierig für anerkannte Flüchtlinge, eine Wohnung zu finden auf dem ohnehin extrem angespannten Wohnungsmarkt. „Das ist ein Riesenproblem“, sagt sie. Auch Barbara Nottebrock von der Flüchtlingsbetreuung der Caritas weiß aus Erfahrung, dass es Flüchtlinge bei der Wohnungssuche besonders schwer haben. „Es gibt zu wenig Wohnungen.“ Da könnten es sich die Leute aussuchen, wen sie sich in die eigenen vier Wände holen. Flüchtlinge würden von vornherein durchfallen.

Doch es hängt viel davon ab, dass Ahmad H. schnellstmöglich eine Wohnung bekommt. Theoretisch könnte er seine Frau schon jetzt nach Deutschland holen. Das Problem ist allerdings: Muzn H. müsste in das Wohnheim ziehen, wo Ahmad H. zusammen mit anderen männlichen Flüchtlingen auf engsten Raum zusammenlebt. „Ich brauche eine Wohnung, um meine Frau herholen zu können, damit sie in Sicherheit ist“, sagt er. Bisher wurde Ahmad H. nur einmal zu einem Besichtigungstermin eingeladen. Doch die Drei-Zimmer-Wohnung in Unterschleißheim war zu teuer. Das Sozialamt zahlt nur bis zu einer bestimmten Mietobergrenze. Und die passt oft nicht zu den horrenden Mietpreisen auf dem Wohnungsmarkt im Großraum München.

Daher ist Ahmad H. extrem motiviert, so schnell wie möglich einen Job zu finden. Es ist aber schwer, geduldig zu sein, wenn man in Ungewissheit lebt. „Die Geduld meiner Frau ist am Ende“, sagt Ahmad H. „Ich muss jeden Tag besser werden.“

Thomas Radlmaier

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