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Seit Dezember leben vor einer der reichsten Gemeinden Deutschlands 300 Flüchtlinge.

Diskussion über Asylbewerber

Nobelgemeinde Grünwald: Ghetto-Angst wegen Flüchtlingen

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Grünwald - Seit Dezember leben vor einer der reichsten Gemeinden Deutschlands 300 Flüchtlinge. Das hat die Stimmung in Grünwald verändert. Wird der noble Ort zum sozialen Brennpunkt?

Die Gemeinde hat für die Kinder einen kleinen Spielplatz spendiert. Nagelneu steht er neben der Asylunterkunft. Doch hier, am Ortsrand von Grünwald, hört man kein Kindergeschrei. Es gibt keinen Streit darüber, wer zuerst auf die Rutsche darf. Denn eingezogen sind hier im Dezember ausschließlich Männer. Es sind knapp 300, sie kommen aus Syrien, Somalia, Afghanistan, Eritrea oder dem Irak. Wenn sie streiten, dann um die Fernbedienung, oder weil die einen Araber sind und die anderen Afrikaner.

Seit die 300 Flüchtlinge hier in einer Traglufthalle leben, rumort es in Grünwald. Teile der Gemeinde, die lange nur ein äußerst gastfreundliches Gesicht gezeigt hat, machen sich nun in breiter Öffentlichkeit Gedanken darüber, wie viel Fremdes ihr Ort eigentlich verträgt, wie viel Flüchtlingskrise ihm zuzumuten ist. Vor drei Wochen haben einige Grünwalder dem Bürgermeister einen Brief geschrieben. Darin findet sich der bemerkenswerte Satz: „Wir möchten aber verhindern, dass Grünwald zur ,banlieue‘ verkommt.“ Wegen der Asylbewerber.

Banlieues, das sind die heruntergekommenen Ränder französischer Großstädte. Hochhaussiedlungen, Gewalt, Arbeitslosigkeit. Grünwald, das ist der wohl bekannteste Nobelvorort der Bundesrepublik. Die Menschen sind hier mehr als doppelt so kaufkräftig wie der durchschnittliche Deutsche. Auch die kommunalen Finanzen der 11.000-Einwohner-Gemeinde können sich sehen lassen. Knapp 7000 Firmen zahlten im vergangenen Jahr mehr als unglaubliche 170 Millionen Euro Gewerbesteuer.

Als vor dreieinhalb Jahren die ersten Flüchtlinge kamen, waren es nur ein paar. Die Syrerin mit den vier kleinen Kindern. Das junge Paar aus Pakistan, mit dem Mädchen, zehn Monate alt. Und die zwei Frauen aus Somalia, die vier Kinder bei sich hatten. Es gab eine Welle der Hilfsbereitschaft. Die Asylbewerber lebten in einem Haus in der Oberhachinger Straße, später kamen andere. In die Tölzer Straße oder in die Dr.-Max-Straße. Klar, es gab auch da schon Probleme, sagt Ingrid Reinhart, aber alles in allem habe in der Gemeinde eine große Gelassenheit geherrscht. „Ich war immer richtig stolz.“

Jemand hat anonym Schimpfwörter gegen Flüchtlinge auf Flugblätter gedruckt

Die Grünen-Gemeinderätin mit den roten Haaren ist die Sprecherin des Helferkreises und von Anfang an dabei. Die Hilfsbereitschaft im Ort sei noch immer groß. Im Helferkreis engagieren sich 200 Leute. „Alle Parteien, alle Schichten, sehr viel Kompetenz.“ Gerade erst habe jemand den ehemaligen Fußball-Nationalspieler Jens Jeremies dazu gebracht, eine Ladung Deutsch-Bücher zu spendieren. Dabei wohne Jeremies nicht mal in der Gemeinde. Grünwalder Kontakte eben. Doch seit Dezember ist im Ort manches anders geworden. Reinhart zeigt ein anonymes Flugblatt, das sie in ihrem Briefkasten gefunden hat: „Keine Halbaffen, Zigeuner, Islamisten und sonstiges Gesindel für Grünwald!“, steht darauf. In Großbuchstaben und mit vielen Ausrufezeichen. Und: „Die rote Linie ist überschritten!“ Dieser Satz ist unterstrichen.

Die Gemeinde, so scheint es, wollte genau solchen Ärger verhindern. Mit der Asylunterkunft war man auch einer möglichen Beschlagnahmung ihrer nagelneuen Gymnasiumturnhalle durch den Landkreis zuvorgekommen. 60 Millionen Euro hatte die Schule gekostet, war gerade erst fertig geworden. Da stellte die Gemeinde lieber das einige hundert Meter vom Ortsrand entfernte Grundstück in Wörnbrunn zur Verfügung – der Mietvertrag geht über ein Jahr.

Doch natürlich blieben die Männer aus aller Welt nicht in Wörnbrunn, das mehr oder weniger im Wald liegt und jungen Menschen außer frischer Luft wenig bietet. Natürlich zogen sie zu Fuß los nach Grünwald. Zum Einkaufen, oder um die Tram nach München zu nehmen.

Flüchtlinge: „Ein Anblick, den viele hier nicht gewohnt sind“

Vor allem aber kommen die Menschen aus der Traglufthalle wegen des kostenlosen Internets in den Ort. Den Zugang gibt es am Derbolfinger Platz, wo die Tram aus München ankommt. Deshalb stehen oder sitzen dort nun jeden Tag junge Männer mit dunkler Haut, die in ihr Handy schauen, rauchen und wohl auch immer wieder zu viel trinken. Auf den Wartebänken, vor den Schaufenstern. „Ein Anblick, den viele hier nicht gewohnt sind“, sagt Reinhart. Dabei seien die Asylbewerber doch harmlos. „Die stehen sogar auf, wenn ein älterer Mensch sich hinsetzen möchte.“ Der Dönerverkäufer an der Ecke kann auch nicht von Problemen berichten.

Aber ist das wirklich das komplette Bild? Eine Straßenumfrage der Landkreisredaktion des Münchner Merkur ergab, dass es durchaus Grünwalder Bürger gibt, die Angst haben, wenn sie im Dunklen auf Gruppen von Arabern oder Afrikanern treffen. Und selbst Helferkreis-Sprecherin Reinhart bestätigt, dass sich Flüchtlinge abends am Derbolfinger Platz auch treffen um „zu bechern“. Und dass es manchmal Streit gibt, wenn auch bisher nur zwischen den Flüchtlingen, und nicht mit Grünwaldern. Kann man nach den Silvester-Vorfällen in Köln, Düsseldorf und Hamburg nicht verstehen, dass die Menschen Angst haben?

Etwa 100 Unterschriften stehen unter dem Brief an den Bürgermeister. Von Grünwaldern, die fürchten, die Traglufthalle könne zur Dauereinrichtung werden, und „dass weitere junge Männer unsere Gemeinde ,fluten‘“. Es werden konkrete Vorfälle geschildert, die es gegeben habe.

„Unsere Töchter und Söhne (übrigens auch Mütter) wurden in den letzten Wochen mehrfach von jungen, männlichen Flüchtlingen verbal belästigt (u.a. ,ficki ficki‘). Ein Junge wurde genötigt, seinen Motorroller für ein Selfie mit dunkelhäutigen Männern zur Verfügung zu stellen.“

Bei der Polizei sind diese Vorfälle nicht angezeigt worden

Die Polizei weiß von diesen Vorfällen nichts. Was nicht heißt, dass sie nicht passiert sind. Aber niemand hat sie angezeigt. Hauptkommissar Andreas Aigner kann die ihm bekannten Straftaten auswendig aufzählen, die seit November von Flüchtlingen im Ort – also nicht in einer Unterkunft – begangen wurden. Es sind sechs, sagt der Leiter der Dienststelle in Grünwald. Drei Mal Ladendiebstahl, eine Rezeptfälschung, ein Mal schlugen sich zwei Flüchtlinge nach einem Streit um eine Zigarette und ein Mal hat ein Flüchtling einen Polizisten angegriffen und bespuckt.

Keine Kinkerlitzchen. Allerdings stehen diese Dinge in keinem Verhältnis zu den Gerüchten, die Aigners Beamte immer wieder hören. Raub, schwerer Diebstahl, Vergewaltigung – die Täter sollen Flüchtlinge gewesen sein, so ging es schon rum. Oft sei das so: Die Polizei erfährt gerüchteweise von angeblichen Straftaten, Anzeigen gibt es aber nicht. Und wenn Beamte nachfragen wollen, will niemand mit ihnen sprechen. „Wo bleibt da die Glaubwürdigkeit?“, fragt Aigner. Zumal er die Grünwalder aus der Zeit vor der Traglufthalle eigentlich als „beschwerdefreudig“ gewohnt ist. Ein zu lauter Rasenmäher ist hier für manche sonst Grund genug, die Polizei anzurufen.

Flüchtlinge: Wer falsche Gerüchte streut, muss mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen

Aigner hat in einer Stellungnahme im Gemeindeblatt „Isar-Anzeiger“ betont, dass das Streuen von falschen Gerüchten auch strafrechtliche Konsequenzen haben könne. In ihrem Brief haben die besorgten Grünwalder der Polizei im Gegenzug vorgeworfen, sie bedrohe Bürger mit einem Strafverfahren. Die Briefschreiber stellen die Frage: „Wollen die uns einschüchtern?“ Polizist Aigner sagt, dieser Vorwurf mache ihn „extrem betroffen“.

Auch in der Verwaltung von Bürgermeister Jan Neusiedl (CSU) kommen immer wieder besorgniserregende Briefe, E-Mails oder Anrufe an. „Wir nehmen alles ernst“, sagt der Bürgermeister. Die Gemeinde mache sich „wahnsinnig viel Arbeit“, allen Beschwerden nachzugehen. Allerdings stoße man dabei eben immer wieder auf unwahre Gerüchte.

Katja Goetz ist Grünwalderin und Mutter von drei Kindern. Sie hat den Brief an den Bürgermeister zwar nicht mitverfasst, macht sich aber für ein Bürgerbegehren stark, das auf „großes Interesse“ stoße. Das Ziel: Die Gemeinde solle den Mietvertrag mit dem Landkreis über das Gelände in Wörnbrunn schnellstmöglich kündigen und keine weiteren Grundstücke für Asylunterkünfte zur Verfügung stellen. Die Unterschriftenlisten lägen derzeit in Grünwalder Geschäften aus. Wie viele Menschen schon unterschrieben haben, kann Katja Goetz nicht sagen.

Grünwalderin: "Wir haben nichts gegen Flüchtlinge"

Die Grünwalderin sagt: „Wir möchten ganz sachlich bleiben und haben nichts gegen Flüchtlinge.“ Sie stört aber, dass quasi ausnahmslos männliche Asylbewerber in Grünwald leben. Wären es Familien, für die man auf Gemeindegrundstücken Holzhäuser oder Container aufbauen könnte: „Das wäre in Grünwald umsetzbar.“ So aber ist Goetz der Meinung: „Ein Ghetto mit 300 Männern aus ganz anderen Kulturen und Religionen führt zwangsläufig zur Gewalt.“ Grünwald sei einmal eine sehr sichere Gemeinde gewesen. „Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Man wird, wenn man als Frau durch den Ort geht, von männlichen Flüchtlingsgruppen umringt und mit unschönen Anzüglichkeiten angemacht und bedrängt.“ Sie kenne das selbst und eine Bekannte habe deshalb auch schon die Polizei gerufen. Polizist Aigner sagt, ein so beschriebener Vorfall sei nicht aktenkundig. Sollte es ihn so gegeben haben, bitte er die Damen, sich bei der Polizei zu melden. Aigner betont: „Grünwald war eine der sichersten Gemeinden, bevor die Flüchtlinge kamen. Und Grünwald ist auch heute eine der sichersten Gemeinden.“

Doch Goetz berichtet auch noch von anderen Geschichten. „Flüchtlinge klingeln an Haustüren mehrerer Grünwalder Bürger, fragen nach Geld oder ob sie bei ihnen wohnen dürfen“, erzählt sie. In mehreren Straßen habe es das schon gegeben. Und dann die Geschichte vom Metzgerladen, von der sie erfahren hat. Asylbewerber hätten sich Waren genommen, wollten dafür aber nicht bezahlen. Und die herbeigerufene Polizei habe nicht durchgegriffen, sondern stattdessen einfach die Rechnung beglichen. Ein Mann, der dabei gewesen sei, habe das einer Bekannten erzählt.

Der Filialleiter des Metzgerladens sagt am Telefon, er wisse von einem solchen Vorfall bisher nichts. Auch Polizist Aigner ist neu, dass seine Beamten Rechnungen für verhinderte Ladendiebe beglichen haben sollen. Und im Leitsystem der Polizei könne er über die Sache auch nichts finden. Darin werde jeder Einsatz protokolliert.

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