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Zwei, die sich gut verstehen: Otto Bußjäger und Annette Ganssmüller-Maluche sind beide Stellvertreter von Landrat Christoph Göbel (CSU). Dass er bei den Freien Wählern ist und sie bei der SPD, spielt keine Rolle wenn beide in den Hallen des Tennis Center Keferloh Stunde um Stunde zubringen, um Flüchtlingen zu helfen.

Interview mit Otto Bußjäger

Flüchtlingen helfen - über Parteigrenzen hinweg

Keferloh – Acht Stunden hat Otto Bußjäger (43) in dieser Nacht geschlafen. Zum ersten Mal seit einer Woche. Der stellvertretende Landrat ist müde. Aber das spielt keine Rolle. In ein paar Stunden will er wieder draußen sein in der Keferloher Notunterkunft für Flüchtlinge. Helfen, anpacken, organisieren. Wie auch seine Kollegin Annette Ganssmüller-Maluche (SPD), Helfer der Feuerwehr, des Technischen Hilfswerks (THW), des ABC-Zugs München-Land und unzählige freiwillige Helfer ist er fast rund um die Uhr im Einsatz. Ein Gespräch über Menschlichkeit, das Ende parteipolitischer Vorbehalte und die Erfahrung, dass weniger Bürokratie freier macht.

Herr Bußjäger, wenn Sie Ihre Empfindungen der vergangenen Tage in einen Satz fassen müssten, was würden Sie sagen?

„Es geht nicht um Worte, wir handeln einfach.“

Angesichts der Eile, über Nacht erst rund 300 Menschen unterbringen zu müssen und dann noch einmal 660, war langes Reden vermutlich auch nicht möglich.

Nein. Wir haben ja bei Null angefangen. Als in der Nacht zum Mittwoch vergangener Woche die ersten Menschen ankamen, wussten wir nicht, was auf uns zukommt.

Was haben Sie und die anderen Helfer in dieser Nacht erlebt?

Da war beispielsweise eine Frau, die hatte ein kleines Kind auf dem Arm, das barfuß war. Beide waren total durchgefroren. Aber wir hatten nichts. Also haben wir am nächsten Tag aus unseren privaten Kleiderschränken Sachen verteilt. Und ganz schnell über Facebook und unsere privaten Kontakte um Spenden gebeten. Dann ging es fast von allein. Auch die Helferkreise aus Grasbrunn und Vaterstetten sind jetzt mit im Boot.

Wie ist die Hilfe organisiert?

Feuerwehr, THW und ABC-Zug haben alles Nötige aufgebaut und betreuen jetzt unter anderem die Duschen, den Brandschutz und die Reinigung. Die Feuerwehr Grasbrunn arbeitet in der Regel in Acht-Stunden-Schichten, immer zu Viert. Kreisbrandinspektor Walter Probst organisiert das. Die vielen freiwilligen Helfer kümmern sich ausschließlich um die Kleider- und Sachspenden und um deren Ausgabe. Sie leisten extrem viel. Im Schnitt haben wir im Moment etwa 120 zivile Helfer pro Tag. Sie kommen aus München, aus dem gesamten Landkreis. Es ist eine unglaubliche Welle.

Auf welche Menschen treffen die Helfer?

Sehr viele Männer, aber auch Familien. Die meisten sind aus Syrien. Aus Afrika ist derzeit niemand da. Nicht allen, aber vielen geht es schlecht. Sie sind ausgehungert, ausgemergelt und sehr erschöpft. Ihr Zustand ist abhängig vom Verlauf ihrer Flucht. Daher ist es wichtig, dass sie zur Ruhe kommen können, dass sie es warm haben und zu essen bekommen.

Können Sie etwas zum psychischen Zustand der Geflohenen sagen?

Sie hatten großen Stress. Sind sehr belastet. Wenn man monatelang auf der Flucht war, läuft die Welt anders. Wir wollen helfen, dass sie den Stress der Flucht abbauen können. Insofern ist es gut, dass wir rund um das Tennis Center Freiflächen haben. Die Menschen können Fußball spielen, es gibt Tennisspiele. Wir haben Spielecken für die Kinder eingerichtet. Die psychologische Betreuung ist aber nicht unsere Aufgabe. Das ist Sache der Regierung von Oberbayern.

Sie erzählen von Kindern, die verängstigt sind, deren Beine grüne und blaue Flecken haben. Vermuten, dass sie in anderen Ländern, die sie auf der Flucht passiert haben, geschlagen wurden. Wie kommen Sie und die zivilen Helfer mit solchen Eindrücken zurecht?

Das ist nichts für schwache Nerven. Und es gibt Helfer, vor allem die, die selbst Kinder haben, die mir sagen, es sei nur schwer zu ertragen.

Trotzdem bleiben sie. Oft tagelang, kommen immer wieder.

Ja, das ist so. Ich glaube, letztlich sind wir alle weniger psychisch belastet. Das geht jetzt eher an die körperlichen Kräfte. Der ein oder andere sollte aufhören, zu helfen. Man muss auch zur Ruhe kommen. Viele müssen wieder in die Arbeit. Deshalb haben wir angefangen, mit Arbeitsplänen zu arbeiten. Denn es sollte ja doch auch immer jemand vor Ort sein.

Führt Helfen zu einem Sinneswandel? Es gibt ja auch durchaus Vorbehalte gegen Flüchtlinge.

Ja, ganz klar. Es gibt zivile Helfer, die sind zunächst gekommen und wollten Kleidung abgeben. Dann sind sie spontan geblieben, um zu helfen. Die sagen jetzt: „Ich sehe es mit anderen Augen“. Verstehen, dass es in dieser Situation um Menschlichkeit geht, um echte Not.

Sie selbst waren einmal bei der CSU. Sind heute Freier Wähler, und arbeiten jetzt eng mit Annette Ganssmüller-Maluche von der SPD zusammen.

Für mich steht der Mensch im Mittelpunkt. Ich bin sicher sehr konservativ-christlich geprägt. Aber hier geht es nicht um Parteiinteressen. Es darf keinem Parteimitglied verboten sein, Lösungen zu unterstützen. Ich bin im Gegenteil ganz fest davon überzeugt, dass der Grundstein für diese Zusammenarbeit in der konstituierenden Sitzung des Kreistags gelegt worden ist. Wir vertrauen uns, arbeiten interfraktionell zusammen. Einer allein kann es nicht stemmen.

Aufgrund Ihrer Erfahrungen in Keferloh fordern Sie weniger Bürokratie. Was genau meinen Sie?

Ich finde es schade, dass der Gesetzgeber nur in ausgesprochenen Notsituationen wie dieser die Spielräume gibt für Ausnahmen. Wir müssen unbürokratischer werden in unseren Köpfen. Soll wirklich nur ein ausgebildeter Sozialpädagoge in den Unterkünften mit Kindern spielen dürfen? Nein, wir finden, wer helfen will, sollte das tun dürfen.

Am Sonntag sollen die Flüchtlinge aus dem Tennis Center ausgezogen sein. Und dann?

Wir haben von der Regierung von Oberbayern viel Lob bekommen, weil wir versuchen, alle Probleme selbst und direkt vor Ort zu lösen. Ob noch einmal Flüchtlinge einquartiert werden in Keferloh, kann ich nicht sagen. Aber bereits ausgemacht ist, dass über den Sonntag hinaus in Keferloh ein großes Warenhaus bestehen bleiben soll. In einer der Hallen haben wir Kleidung, Hygieneartikel und andere Dinge aufbewahrt. Uns schwebt vor, dass die verschiedensten Helferkreise aus dem Landkreis mit kleinen Gruppen von Flüchtlingen hierher kommen, um sich Sachen abzuholen. Deshalb machen wir auch keinen Spendenstopp.

bw

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