Premiere der "Wanderhure" im Unterföhringer Bürgerhaus

Durch die Abgründe des Mittelalters

Unterföhring - Lange bevor sich der Vorhang öffnete und auch während der rund 20-minütigen Pause kritzelten die heimlichen Stars des Abends ihre Namen in die Bücher.

egen Unterföhring – Lange bevor sich der Vorhang öffnete und auch während der rund 20-minütigen Pause kritzelten die heimlichen Stars des Abends ihre Namen in die Bücher. Das Ehepaar Iny Klocke und Elmar Wohlrath aus Poing (Lkr. Ebersberg), besser bekannt unter dem Pseudonym Iny Lorentz, signierte fleißig Exemplare seines Bestseller-Romans „Die Wanderhure“, der als opulentes TV-Drama mit dem Medienpreis „Diva“ ausgezeichnet und zum erfolgreichsten Historienroman des Jahres 2010 gekürt wurde. „Es ist schön zu sehen, was da Neues aus unserem Roman entsteht. Jede Aufführung ist auf ihre Art spannend, sei es nun die mit 33 Schauspielern in der Kirchenruine in Bad Hersfeld oder eben diese hier mit ihren neun Darstellern“, sagte Iny Klocke und freute sich auf die Premiere des Münchner Ensembles „Theaterlust“, das mit dem Stück auf Tournee gehen wird.

"Ein dichter, fetter Stoff"

„Das ist ein dichter, fetter Stoff. Dabei geht es für uns Theatermacher nicht nur darum, eine innere Bilderwelt zu schaffen, sondern eben auch eine äußere. Aus der dann im besten Falle wieder neue Bilder entstehen“, erklärte Regisseur Thomas Luft. Das Team habe sich zu Beginn der Arbeit von allem gelöst, was man bis dato davon gekannt und gesehen habe. Der Premierenabend endet mit einem frenetischen, rhythmischen Applaus: Das Ensemble hat mit seiner Adaption des Romans den Großteil der rund 400 Zuschauer begeistert. Und wenn es danach auch Stimmen gab, die Anderes verhießen („schräges Stück“, „unfreiwillig komisch“, „wirr und laut“), dann wird Thomas Luft das verzeihen oder sogar gerne hören. „Ich wünsche mir ein bisschen Nachhaltigkeit. Lieber gefällt die Arbeit nicht, als dass da gar keine Reaktion kommt“, hatte er bei der ausführlichen Einführung zum Stück erklärt. Luft zeichnet deftige Figuren, lässt acht seiner neun Schauspieler in verschiedene Rollen schlüpfen und fordert das Ensemble auf ganz eigene Weise. Weil er nämlich „fließend“ inszenieren will, integriert er notwendige Umbaumaßnahmen im klug angelegten Bühnenbild (Erwin Kloker) in die Spielhandlung – was meistens gelingt. Die fünf offenen Leichtmetall-Rechtecke sind unter anderem Gefängnis, Tisch oder Scheiterhaufen, sie werden gestapelt, verschoben, mit Querstreben und Tüchern versehen. Die Darsteller bauen schon für die nächste Szene um, während sie spielen. Das verlangt noch mehr Konzentration und Kraft, zumal das Stück ohnehin von großer Körperlichkeit und viel Bewegung lebt. Die jungfräuliche Marie liebt den Schankwirt Michel, ihr Vater will sie aber mit dem Sohn des Reichsgrafen vermählen. Sie weigert sich und fällt einem perfiden Plan zum Opfer: Sie wird der Hurerei bezichtigt, noch in der Nacht vor dem anstehenden Kirchengericht vergewaltigt und dann verbannt. Marie schwört Rache: Ihr leidenschaftlicher Kampf um Recht und Ehre nimmt seinen Lauf. In zwei intensiven Stunden entfaltet sich eine ganz eigene Farbe, eine ganz eigene Atmosphäre. Mal funktioniert das hervorragend, zum Beispiel wenn das Quartett Hanna (Anja Klawun), Fita (Pia Kolb), Hiltrud (Cécile Bagieu) und Berta (Eva Wittenzellner) einen Huren-Rap zelebriert: „Wir tragen Beelzebub in unseren Schößen, wir müssen huren, um zu leben!“

Regie-Einfälle gehen teilweise schief

Mal geht’s schief, zum Beispiel, wenn dramatische Szenen wie die Vergewaltigung Maries durch Ruppertus‘ Schergen oder die Verbrennung des wohl wichtigsten Martin-Luther-Vorläufers Jan Hus (Benjamin Hirt) in ihrer Andeutung übertrieben laut und so eher plump geraten. Wie schon bei der mit dem Inthega-Preis ausgezeichneten „Theaterlust“-Produktion „Die Päpstin“ untermalt Georg Karger das Geschehen musikalisch mit eigenen, anspruchsvollen Kompositionen. Und auch die Zusammenarbeit mit dem Nürnberger Choreografen Sebastian Eilers zahlt sich in jeder Minute aus. Der Plot konzentriert sich vor allem auf einen Strang des mit viel Liebe zum Detail erzählten Romans. So rankt sich die Leidensgeschichte von Marie, Tochter des wohlhabenden Tuchhändlers Mathis Schärer (Stefan Riehl), um das Konstanzer Konzil von 1414 bis 1418. Die Spaltung der Kirche, reformatorische Ansätze und neues Denken halten die Gesellschaft in Atem.

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