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Unendlich dankbar für zwei Spendernieren: Sonja Heidenkampf aus Hochbrück bei der Gartenarbeit. Den Lebensmut hat sie nie verloren.

Doppelte Organspende

Sonja Heidenkampf bekam zweimal ein neues Leben geschenkt

Garching - „Schwarze Schafe gibt es überall", sagt Sonja Heidenkampf (54). Sie redet nicht gern über Skandale in der Organspende. Auf ihre Ärzte lässt sie nichts kommen. Sonja Heidenkampf verdankt ihr Leben zwei im Abstand von 30 Jahren transplantierten Nieren.

„Wissen sie, immer an den Tod zu denken ist keine gute Idee“, sagt Sonja Heidkamp. Sie hat sich mehr als ihr halbes Leben lang immer mit diesem Thema auseinandersetzen müssen. Nach 27 Jahren hatte die erste Spenderniere ihren Dienst versagt. Sonja Heidenkampf war 50 Jahre alt, und im Grunde dankbar dafür, dass das fremde Organ in ihrem Körper so lange durchgehalten. „Ich bin da eine Ausnahme“, erzählt die Angestellte der Stadt Garching, während sie an diesem sonnigen Nachmittag mit ihrem Mann Wilhelm auf der Terrasse ihres Reihenhäuschens im Ortsteil Hochbrück sitzt. „Angst ist ein schlechter Begleiter“, sagt Sonja Heidkampf. Ihr Leben verdankt sie auch dieser positiven Einstellung.

Jede Woche drei Tage mindestens vier Stunden bei der Dialyse

Sonja Heidenkampf war kaum 20 und schwanger, als sie spürte, dass mit ihrem Körper etwas nicht stimmte. Immer müde, ausgelaugt. „Doch wenn sie das von Kindheit an nicht anders kennen, hinterfragen sie das nicht.“ Die junge Frau litt unter der Refluxkrankheit. Dabei fließt Harn aus der Blase ins Nierenbecken zurück. „Schmerzen hatte ich nicht - leider“, betont sie. Denn als sie ein gutes halbes Jahr nach der Entbindung in eine Klinik nach Ebersberg kam, wurde sie nach zweitägiger Antibiotika-Kur sofort auf die Intensivstation ins „Rechts der Isar“ verlegt. Zu spät für die Niere. Sonja Heidenkampf wurde notoperiert. „Und jetzt war erst mal Warteliste angesagt.“ Mit der seltenen Blutgruppe Null negativ schien ihr eine lange Wartezeit auf ein Spenderorgan bevor zu stehen. Doch statt nach zehn Jahren und länger, wie sie von Leidensgenossen wusste, war es bei ihr schon nach zweieinhalb Jahren so weit. „Das mag jetzt kurz klingen“, sagt die Hochbrückerin. Doch während sie auf eine Spenderniere hoffte, verbrachte sie jede Woche drei Tage mindestens vier Stunden bei der Dialyse.

Zwei Transplantationen im letzten Augenblick abgeblasen

Als dann eine passende Niere gefunden war, erlebte sie einen Albtraum: Sie war erkältet, konnte nicht operiert werden. Die Spenderniere bekam ein anderer, und Sonja Heidenkampf fällt es noch immer schwer, auszudrücken, was ihr an diesem Tag durch den Kopf gegangen ist. Und noch einen zweiten Fehlversuch musste sie aushalten: Wieder schien alles bereit, sie lag schon in der Narkose - da stellten die Ärzte fest, dass die Niere doch nicht passte. An den Moment des Erwachens denkt sie mit Schrecken. „Da meinst du, du stehst neben Dir.“ Sonja Heidenkampf weiß noch, dass Frühling war. „Allein bin ich zur U-Bahn gelaufen.“ Überall Grün, blühendes Leben. „Und mir schwirrt ständig dieser Satz durch den Kopf: Es tut uns leid, aber…“

Schließlich hat es dann doch geklappt. Bis heute ist sie ihren Ärzten dankbar, und natürlich dem Spender. Ein junger Mensch, der einen plötzlichen Tod fand. Mehr erfuhr sie nicht, sollte sie auch nicht. „Mein Arzt sagte mir, ich soll an meine einjährige Tochter denken, die beinahe ohne Mutter aufgewachsen wäre.“

Schwester Margot wollte Sonja Heidenkampf eine Niere schenken...

Als diese Spenderniere vor vier Jahren begann, ihren Dienst zu versagen, reagierte Sonja Heidenkampf gefasst. „Wasser in den Beinen, hoher Blutdruck; mir war gleich klar, was los ist.“ Bei aller Routine schreckte sie dennoch der Gedanke an jahrelange Dialyse. Letztes Mal hatte sie Glück gehabt. Sollte sie vielleicht noch mal…?

Die Kraft, die Sonja Heidenkampf in schweren Zeiten über Wasser hält, zieht sie aus ihrer Familie. Die Schwestern, die erwachsene Tochter und der heute fünfjährige Enkel. Auf Weihnachten 2011 hatte sie sich daher besonders gefreut. Ein zusätzlicher Schub positiver Energien konnte nicht schaden. Dass ihre Schwester Margot ihr eröffnete, ihr eine Niere zu schenken, treibt ihr selbst an einem sonnigen Tag wie diesem die Tränen in die Augen: „Margot wollte mir die lange Dialyse ersparen!“

Doch dann kam alles noch einmal anders...

Doch erst musste sich Margot einem Psychiater stellen. Weshalb die Spende? Sei sie unter Druck gesetzt worden? Am 24. September 2012, „ein Mittwoch“, war es soweit. „Ich erinnere mich, als wäre es gestern: Vormittags Dialyse im KfH-Nierenzentrum Oberschleißheim, dann mit Margot nach Großhadern in die Klinik. Runter in die U-Bahn Studentenstadt, da schau ich plötzlich auf mein Handy.“ Ein Anruf war gespeichert. „Ich sag' noch zu Margot, die werden doch nicht…“ - „Träum' weiter“, antwortet die Schwester. Doch als sie in der Klinik ankommen, begrüßt sie der Arzt mit den Worten: „Es ist eine Niere für Sie da, die eher geeignet ist als die Ihrer Schwester.“ Den Moment werde sie niemals vergessen, sagt Sonja Heidenkampf. Der ganze Druck weicht auf einmal von ihnen. Den Gedanken, dass der Schwester die gefährliche OP erspart bleibt, erlebt sie als echtes Geschenk. Weinend fallen sich die Schwestern in die Arme. Niemals wird Sonja Heidenkampf die Spender vergessen. „Mit unendlicher Dankbarkeit denke ich an sie.“ Die Garchingerin hat ihren Weg gefunden, mit dem Gedanken umzugehen, auf welch wundersamen Wegen Schicksale zuweilen für immer vereint sind. „Ich lebe so, dass ich jeden Tag in Frieden gehen kann.“ Ihre Angelegenheiten sind geordnet. Natürlich besitzt sie einen Spenderausweis: „Von meinem Körper können sie sich nehmen, was sie brauchen.“ Den Rest möge man den Flammen übergeben. „Übrig bleibt die Seele“, sagt Sonja Heidenkampf. „Das ist, worauf es ankommt.“ Und wenn sie heute jemand auf die Skandale in der Organspende anspricht, zuckt sie mit den Schultern. „Das schert mich nicht.“ Schwarze Schafe eben.

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