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So spricht man das richtig aus: Siegfried Tatz, Bewohner im Garchinger Seniorenzentrum, erklärt den Klinikclowns Michaela Ranftl, Künstlername Mathilda, und Uwe Volkert alias Duda den polnischen Text zu „Bruder Jakob“. Danach wird gemeinsam gesungen. 

Klinikclowns besuchen Senioren

Zurück zur Lebensfreude

Kaum klingen die ersten Töne an sein Ohr, geht ein Ruck durch Siegfried Tatz. Der ältere Herr im Rollstuhl streckt den Rücken durch, seine Augen blitzen, und er singt mit – erst leise, dann lauter und schließlich ganz alleine.

Garching – Panie Janie! Panie Janie! Rano wstan! Rano wstan! Wszystkie dzwony bija. Bim, bam, bom. Bim, bam, bom. Es ist das Kinderlied „Bruder Jakob“ – auf Polnisch – und für Siegfried und seine Frau Christina Tatz ein Stück Heimat. Schließlich stammt das Ehepaar, das in den 1980er-Jahren nach Garching gezogen ist und heute im dortigen Seniorenzentrum lebt, ursprünglich aus Schlesien. Dort haben die beiden nach dem Krieg Polnisch gelernt – eine Sprache, die sie heute kaum mehr hören. Umso kräftiger singen sie nun mit, was auf den ersten Blick ein recht skurriles Bild ergibt. Denn den Tatz’ gegenüber sitzen zwei ebenfalls lautstark singende Clowns, die von ihren roten Schaumstoffnasen bis zu den grellbunten Outfits so gar nicht in diese Welt des Seniorenzentrums passen wollen.

Michaela Ranftl, Künstlername Mathilda, und Uwe Volkert alias Duda heißen die beiden, die alle 14 Tage am Montagvormittag hierher in den Mühlfeldweg kommen. Das Duo kennt mittlerweile die Bewohner und deren Lebensgeschichten – so auch das Ehepaar Tatz, das sie heute mit einem polnischen Kinderlied überraschen. Uwe Volkert und Michaela Ranftl gehören zu den 58 Klinikclowns des gleichnamigen Vereins, der 1998 in München gegründet wurde und heute 84 Einrichtungen besucht – vom Seniorenwohnheim bis zur Palliativstation, von der Kinderklinik bis zum heilpädagogischen Zentrum.

Wobei die Klinikclowns die Bewohner nicht etwa in den Gemeinschaftsraum bitten und dort ihre Show abziehen – ganz im Gegenteil: Gezielt suchen sie Zimmer von Patienten auf, die zuvor vom Pflegeteam ausgewählt wurden und „einen besonderen Bedarf haben“, wie es Jutta Burg formuliert, die Leiterin des Seniorenzentrums. „Das sind Bewohner, die sich zurückgezogen haben, die traurig oder depressiv sind, und die am sozialen Leben nicht mehr teilnehmen.“ Ihnen sollen die Clowns ein Stück Lebensfreude zurückbringen. „Wir sind keine Zirkusclowns, sondern unsere Aufgabe ist es, sich in Patienten hineinzufühlen und die Nähe zum Menschen zu finden“, sagt Uwe Volkert. Und Michaela „Mathilda“ Ranftl ergänzt: „Manchmal sitzen wir auch nur da und hören zu, wie ein Bewohner vom Krieg erzählt.“

Finanziert wird das Angebot von der Stadt Garching, die dem Seniorenzentrum 20 000 Euro pro Jahr für die Klinikclowns und die Arbeit mit „Monis kleiner Farm“ zur Verfügung stellt. „Ich habe selbst gedacht, dass das hier eher ein Spaßprogramm ist“, räumt Bürgermeister Dietmar Gruchmann (SPD) bei seinem Besuch in der Einrichtung ein. Nun wisse er es besser, sagt der Rathauschef, dessen Mutter ebenfalls im Pflegeheim lebt: „Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Familien das eigentlich notwendige Quantum an Besuchen einfach nicht immer abdecken können, und so ein Clown-Besuch bringt auf jeden Fall Abwechslung in den Alltag.“

Derweil betont Jutta Burg, dass die Klinikclowns keine Belustigung seien, sondern einen therapeutischen Zweck verfolgen. Daher treffe sich das Pflegeteam hinterher stets mit Michaela Ranftl und Uwe Volkert, um deren Besuche auszuwerten – und die bisherigen Ergebnisse seien sehr erfreulich. „Wir hatten zum Beispiel einen Bewohner, der vor einem Jahr tieftraurig und enttäuscht war, dass er hier sein muss“, erzählt Jutta Burg. Inzwischen sei der Mann kaum wiederzuerkennen, traue sich aus seinem Schneckenhaus heraus und nehme auch am sozialen Leben in der Einrichtung teil. „Und diese Entwicklung“, sagt Jutta Burg in Richtung der Klinikclowns, „haben wir unter anderem Ihnen beiden zu verdanken“.

Klinikclowns besuchen vier Einrichtungen im Landkreis

Die Klinikclowns des gleichnamigen Vereins aus München sind in ganz Bayern unterwegs und besuchen auch im Landkreis Seniorenheime: Schon seit September 2007 kommen sie in den AWO-Seniorenpark nach Oberschleißheim; seit Jahren sind auch die AWO-Seniorenzentren in Aying und Sauerlach feste Einsatzorte. Ganz frisch ist im April 2016 das Pichlmayr Seniorenzentrum in Garching hinzugekommen. Der Verein schickt stets das gleiche Clown-Duo in eine Einrichtung. In der Regel besteht es aus einer Frau und einem Mann. Bevor ein Klinikclown eingesetzt wird, muss er sich beim Verein bewerben und ein Casting bestehen. Als Qualifikation sollten die Kandidaten eine künstlerische Ausbildung mitbringen – etwa als Schauspieler, Tänzer oder als Clown, so wie es bei Michaela Ranftl und Uwe Volkert der Fall ist, die beide die Clownschule in Freising besucht haben. „Ganz am Anfang haben wir es mit ehrenamtlichen Clowns probiert“, erzählt Karin Patzer von Klinikclowns Bayern. Doch das habe man schnell wieder sein lassen und stattdessen auf professionelle Clowns gesetzt, die der Verein überdies kontinuierlich weiterbildet. „Die Clowns machen bei uns keine Aufführung, sondern müssen auf kranke und pflegebedürftige Menschen zugehen“, sagt Patzer. „Da braucht es künstlerische Professionalität und Einfühlungsvermögen.“

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