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Ansage aus Garching: Weg mit den Parkplätzen!

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Von: Charlotte Borst

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Den Flächenfresser Tiefgarage (Das Foto entstand in Grünwald) will die Stadt Garching verhindern. Darum schafft sie Anreize für Bauherrn, die (unten v.l.) Car-Sharing-Parkplätze, Mietradstationen und den ÖPNV fördern. U-Bahn-nahe Bauten benötigen weniger Stellplätze.
Den Flächenfresser Tiefgarage (Das Foto entstand in Grünwald) will die Stadt Garching verhindern. Darum schafft sie Anreize für Bauherrn, die (unten v.l.) Car-Sharing-Parkplätze, Mietradstationen und den ÖPNV fördern. U-Bahn-nahe Bauten benötigen weniger Stellplätze. © Fotos: Schreib/Haag/Becker/Gülland, Collage: mm

Anstelle der „Flächenfresser“ Parkplätze fördert die Gemeinde künftig den ÖPNV und den Radverkehr. Bauherren, die mitmachen, werden belohnt.

Landkreis – Nicht nur in den Großstädten setzen sich immer mehr Leute aufs Fahrrad. Auch auf dem Land ändert sich das Mobilitätsverhalten. In der Folge stehen viele Tiefgaragen leer. Muss weiterhin viel Geld für ungenutzte Parkplätze verbaut werden? Experten halten einen starren Stellplatzschlüssel und die Vorgabe „ein Parkplatz pro Wohnung“ für veraltet und fordern alternative Konzepte.

Wie können Städte und Gemeinden bei Wohnungsneubau und Nachverdichtung die Zahl der Pkw-Stellplätze – und somit auch den Flächenbedarf – verringern? Zum Austausch darüber hat der Planungsverband (PV) Äußerer Wirtschaftsraum zur Fachtagung ins Rathaus Gilching (Kreis Starnberg) eingeladen.

Keine starre Stellplatzsatzung mehr

Rund 120 Kommunalpolitiker und Experten aus den Bauämtern der Kommunen rund um München informierten sich über Trends, Erfahrungen und rechtliche Grundlagen. Als Fazit nahmen sie mit: Mobilitätskonzepte sind wichtig, um die wachsenden Anforderungen an Wohnen, Verkehr und Freiraum zu bewältigen. Aber eine Reduzierung des Stellplatzschlüssels führt nicht zwingend zu Kostenersparnissen im Wohnungsbau, da an anderer Stelle Mehraufwand betrieben werden muss.

„Das Thema brennt vielen Bürgermeistern auf den Nägeln“, sagt Katrin Möhlmann, Sprecherin des PV, „einige warten noch ab, andere haben schon Erfahrungen.“ Die Stadt Garching geht bereits neue Wege: Annette Knott, Fachbereichsleiterin der Bauverwaltung, stellte die neue Stellplatzsatzung vor, die erst tags zuvor verabschiedet worden war. Diese regelt die Zahl der Stellplätze für Pkw und Räder. „Die wesentliche Neuerung ist, dass sie nun mit einem Mobilitätskonzept verknüpft wurde.“

Die Voraussetzungen in Garching sind: 17 MVG-Mietradstationen im Stadtgebiet, geplante Mobilitätsstationen an den U-Bahnhöfen Garching und Hochbrück sowie ab 2019 ein Fünf-Minuten-Takt der U-Bahnen zur Hauptverkehrszeit. Bei ihrer Stellplatzsatzung berechnet die Stadt nun die Pkw- nach der Wohnfläche und geht von einem Fahrrad pro Einwohner aus, statt die Regel „ein Parkplatz pro Wohnung“ heranzuziehen.

Wer an der U-Bahn baut, hat Vorteile

Wer im Umkreis von 300 Metern zu einem U-Bahn-Ausgang bauen will, darf 25 Prozent weniger Parkplätze vorhalten, ganz ohne Antrag und Mobilitätskonzept. Wer letzteres vorlegt, kann weitere 25 Prozent der geforderten Stellplätze weglassen, auch weiter als 300 Meter von der nächsten U-Bahn entfernt.

Annette Knott von der Bauverwaltung Garching
Annette Knott von der Bauverwaltung Garching © mm

Mögliche Maßnahmen eines Mobilitätskonzepts: Car-Sharing-Parkplätze, die Bereitstellung von E-Bikes oder einer MVV-Jahreskarte. So sollen Anreize für die Bewohner geschaffen werden, kein zweites oder drittes Auto anzuschaffen. „Wird ein Konzept nicht mehr umgesetzt oder gelebt, ist eine Ablöse möglich“, betont Knott. Das heißt konkret: Es werden 12 000 Euro pro reduziertem Stellplatz fällig, wenn das Mobilitätskonzept nicht auf Dauer umgesetzt wird.

Auch bei Gewerbebauten kann die Zahl der Stellplätze reduziert werden. Knott präsentierte als Beispiel den Neubau einer Konzernzentrale, die per Mobilitätskonzept den Bau eines zweiten Tiefgaragengeschosses vermeiden möchte. Das Konzept enthält Car-Sharing-Parkplätze, eine MVG-Mietradstation, eine integrierte Fahrradstation sowie Umkleiden, Duschen und Spinde. „Auch im Businesscampus Garching wurden aufgrund der hohen Akzeptanz von Fahrrädern nachträglich Duschen und Spinde eingebaut, damit die Mitarbeiter mit dem Rad zur Arbeit kommen können“, berichtet Knott.

Wer nicht durchhält, zahlt

Was aber kann eine Kommune tun, wenn die Maßnahmen nicht umgesetzt werden? Knott führte drei Punkte aus, zu denen sich der Bauherr in Garching verpflichtet: Er schließt mit der Stadt eine Ablösevereinbarung ab. „Wenn das Mobilitätskonzept nicht umgesetzt werden sollte, wird eine Ablöse von 12 000 Euro pro erlassenem Stellplatz fällig.“ Zudem wird im Grundbuch eine Dienstbarkeit zugunsten der Stadt eingetragen, sodass bei einem Verkauf auch der neue Eigentümer am Mobilitätskonzept festhalten muss. Und die Stellplätze müssen im Gemeinschaftseigentum verwaltet werden.

Im Domagkpark in Schwabing-Nord werde das Mobilitätskonzept schon gut angenommen, erläuterte Projektleiter Christian Bitter. Wichtig für den Erfolg seien eine gute Anbindung zum ÖPNV, kurze Wege zu Einkaufszentren und Naherholung sowie ein ausgebautes Radwegenetz.

Experte: 150 Pkw pro 1000 Menschen reichen

Zielwert sind nur noch 150 Pkw pro 1000 Einwohner. Der Durchschnitt liegt laut Professor Carsten Gertz aktuell bei 500 Pkw pro 1000 Einwohner, in Großstädten sind es 300. Eine „Übernutzung des öffentlichen Raums“, attestiert der Verkehrsplaner von der Technischen Universität Hamburg. 42 Prozent aller Haushalte in der Metropolregion hätten kein Auto. Auf dem Land hingegen seien es zwei oder mehr Autos pro Haushalt. Ebenso sei die PKW-Nutzung generell sehr ineffizient: Im Durchschnitt stehe jedes Auto in Deutschland 20 Stunden am Tag zu Hause. Es seien also nie mehr als zehn Prozent aller Pkws gleichzeitig unterwegs.

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