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Der Weg zu echter Inklusion ist noch weit. Moderatorin Ulrike Haerendel (l.) mit Teilnehmern und Zuhörern der von der SPD organisierten Diskussion.

Inklusions-Debatte

Behinderten Buben angestarrt wie einen Außerirdischen

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Garching - Die Diskussion rund um Integration und Inklusion ist bis hierhin etwas sprunghaft und mitunter arg theoretisch gewesen – da meldet sich eine Viertelstunde vor dem Ende Elisabeth Baumgartner zu Wort. Sie lebt in Garching, hat einen Sohn, der körperbehindert ist, und schildert nun den rund 50 Besuchern dieser SPD-Veranstaltung ihre Alltagserfahrungen.

„Wenn wir mit Felix in die Eisdiele nach Garching gehen, dann wird er oft angestarrt, als sei er ein Außerirdischer“, erzählt Elisabeth Baumgartner. Der Grund liegt für sie auf der Hand: „Weil wir in unserer Gesellschaft Integration nicht vorleben“. 

Wie weit der Weg bis zur Inklusion noch sei, habe sie gemerkt, als es an die Einschulung ging. Die Grundschule Ost sei dabei kein Thema gewesen – nicht nur, weil das Gebäude nicht barrierefrei ist. „Die Schule ist meilenweit davon entfernt, Inklusion umzusetzen – wie fast alle Schulen“, glaubt Baumgartner. Daher habe sie sich bewusst dafür entschieden, ihr Kind auf eine Förderschule zu schicken – „weil ich ja auch will, dass Felix optimal gefördert wird.“ Wenn sie nun höre, dass man im Zuge der Inklusionsdebatte über die Abschaffung der Förderschule spreche, „dann wird mir angst und bange“.

Bloß nicht die Förderschule abschaffen

Baumgartners Einwurf gibt einen kurzen Einblick in die immer noch oft triste Praxis – derweil sich die Debatte sonst eher auf der theoretischen Ebene bewegt. „Integration und Inklustion in unseren Schulen und Kitas“, haben der SPD-Ortsverein und der Garchinger Behindertenbeirat ihren Diskussionsabend betitelt – und dafür eine illustre Schar an Expertinnen geladen: Die Landtagsabgeordnete Isabell Zacharias (SPD), Beate Windisch vom Behindertenbeirat und Tanja Braun, die an der Garchinger Mittelschule ehrenamtlich in Integrationsklassen hilft. Und weil die SPD stets für eine Quote plädiere, sagt Moderatorin Ulrike Haerendel, dürften auch drei Männer nicht fehlen, die aber nur für kurze Grußworte vorgesehen seien: Der SPD-Landtagsabgeordnete Peter Paul Gantzer, Bürgermeister Dietmar Gruchmann (SPD) und Aleksandar Dordevic, Behindertenbeauftragter im Landkreis München.

Abgeordnete Zacharias hat Sohn mit Down-Syndrom

Den weitaus größten Redeanteil an diesem Abend hat Isabell Zacharias, Politikerin und Mutter eines Sohns mit Down-Syndrom. „Wir sind noch weit entfernt von echter Inklusion“, sagt sie enttäuscht. Das 2011 in Bayern verabschiedete Gesetz zur Realisierung eines inklusiven Schulsystems sei „ein Minimalkonsens“ gewesen, „der so minimal war, dass er auf einen Bierdeckel passt“. Ohnehin könne man Inklusion in einem gegliederten Schulsystem gar nicht umsetzen, sagt Zacharias. 

Nachdem Tanja Braun die Herausforderung bei der Arbeit mit Flüchtlingsschülern geschildert hat, springt die Debatte weiter zum Beruf der Erzieherin, den man dringend aufwerten müsse, was „auch über Geld funktioniert“, sagt l Zacharias. Sie spricht sich für neue Schulden aus, um stärker in die Bildung zu investieren: „Gut angelegtes Geld.“ Nach fast zweistündiger Debatte loben sämtliche Expertinnen die Ideen und Denkanstöße, die sie von diesem Abend mitgenommen hätten.

Allein Elisabeth Baumgartner ist sich da nicht so sicher: „Da war vieles dabei, was ich so schon oft gehört habe. Theoretisch klingt das immer gut, doch in der Praxis funktioniert es halt nur selten."

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