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Einsatzort Autobahn: Die Feuerwehren müssen ständig dorthin ausrücken.

Hunderte Einsätze auf A8, A995, A99 und A95

Bund lässt Autobahn-Feuerwehren im Stich

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    Thomas Zimmerly
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Die Feuerwehren in den Gemeinden entlang der Autobahnen sind ständig bei Unfällen im Einsatz. Diese sind besonders aufwändig und teuer. Doch der Bund schaut weg. Nicht das einzige Problem.

Landkreis – Die Belastung der Freiwilligen Feuerwehren aus den Gemeinden entlang der Autobahn ist immens. Das belegen die Unfallzahlen auf den Autobahnen im Landkreis. Von Januar bis Dezember 2017 rückten 506 Feuerwehren 274 Mal zu Unfällen dorthin aus.

Es müssen nicht immer schwere Unfälle sein. Vergangene Woche war ein Lkw auf der A 99 während des Wintereinbruchs von der Fahrbahn gerutscht. Diesel drohte auszulaufen. Das Equipment für die Autobahneinsätze musste in den vergangenen Jahren gezielt verstärkt werden, sagt Garchings Bürgermeister Dietmar Gruchmann. In der Stadt sind die Feuerwehren Garching, Hochbrück und die Berufsfeuerwehr der Universität im Einsatz. Der Autobahnabschnitt in Garching gehört zu den meist befahrenen in ganz Deutschland mit bis zu 180.000 Fahrzeugen am Tag. Da ist die Wahrscheinlichkeit für einen Einsatz hoch, jetzt auch noch mit der großen Baustelle, dem Over-Fly. Ein paar hunderttausend Euro für einen Anhänger seien schnell ausgegeben.

Ein Drittel von 500 Einsätzen auf der Autobahn

Gruchmann: „Ich bin zwar selbst nicht bei der Feuerwehr, begleite aber die ehrenamtlichen Helfer moralisch. Sie bekommen meine volle Unterstützung, auch wenn der Bund nichts gibt.“ Am Wochenende ist Hauptversammlung in Garching, und da wird der Bürgermeister die knapp 500 Einsätze ansprechen, die 2017 notwendig waren – bei 120 aktiven Helfern. Etwa ein Drittel davon dürften auf der Autobahn stattgefunden haben.

Die Feuerwehr Brunnthal hatte über 230 Einsätze insgesamt, davon 80 auf der Autobahn. Dazu gehört Menschenrettung, Fahrzeugbergung, Reinigung, Absperrung. Für ihre Arbeit brauchen die Wehren gute Fahrzeuge und spezielles Gerät. Das Einsatzspektrum ist durch die Autobahn-Einsätze größer. Für diese Extraaufgaben gibt es keine speziellen Zuschüsse beim Kauf neuer Fahrzeuge. Gefahrgutpumpen und weiteres Zubehör, die finanzielle Ausstattung muss die Gemeinde tragen. „Das ist insoweit ungerecht, als die Autobahn durchs Gemeindegebiet läuft und dem Bund gehört“, findet der Kommandant der Brunnthaler Feuerwehr, Klaus Sprenzel. Konsequenterweise solle man die Feuerwehren mit Mehraufwand auch mehr bezuschussen.

Zwei Feuerwehren, Hofolding und Brunnthal, hat Bürgermeister Stefan Kern in seiner Gemeinde. Über 400 Einsätze zählt er bei beiden im vergangenen Jahr, was größere Gemeinden wie Oberhaching deutlich in den Schatten stellen dürfte. Der Grund: die Autobahneinsätze am Kreuz München-Süd.

Massive Kosten

Feuerwehr, Wasser und Schule zählen zu den Grundaufgaben der Gemeinde. Aber Autobahn? Für den Extra-Einsatz, den andere Gemeinden nicht leisten müssen, gibt es keine Zuweisung durch den Bund. Dabei handelt es sich um eine Herkulesaufgabe: „Ein jüngst angeschafftes Fahrzeug hätte ursprünglich 320 000 Euro kosten sollen, am Ende waren es über 400 000 Euro“, berichtet Kern. Der Zuschuss mache nur einen Bruchteil der Anschaffungskosten aus.

Was die Einsatzstatistik nach oben treibt, sind laut Kern auch die First Responder, die über 50 Prozent ausmachen. Gleichzeitig sei es schwierig, Feuerwehrleute zu requirieren. Zumal die Einsätze zunehmen: „Ich war vor 20 Jahren selbst Schriftführer, da waren es 60 bis 70 Einsätze in Brunnthal, jetzt sind es über 200. Da muss der Bauhof mitfahren, ich auch, damit die Einsatzbereitschaft sichergestellt ist.“ Die Gemeinde dürfe nicht knausern, wenn die Bürger schon in ihrer Freizeit helfen: „Wenn die dann a Glump zum Arbeiten kriegen, verlieren sie ganz schnell die Lust.“ Dann sei es das Mindeste, sie modern auszustatten. Zum Teil ist das Zubehör durch Vorschriften überbordend teuer. „Wenn ich einen Klettergurt für die Beine kaufe, zahle ich 50 bis 60 Euro. Ein Klettergurt für die Feuerwehr kostet 150 bis 200 Euro.“

Versicherungen wollen nicht zahlen

Doch damit nicht genug. Es gibt noch ein Thema, das die Gemeindechefs gewaltig stresst: die Abrechnung mit den Versicherungen der Unfallverursacher. „Wir dürfen vom Unfallverursacher einen Sachkostenaufwand für die Beseitigung von Ölspuren verlangen, aber das steht kaum in Relation zum Aufwand“, meint Garchings Bürgermeister . Er hat in Erinnerung, dass ungefähr 30 Prozent der Feuerwehrbescheide angefochten werden. „Da hast du dann auch noch Ärger und musst nachweisen, warum wie viele Feuerwehrleute im Einsatz nötig waren.“ Das blüht den Einsatzkräften aber nicht nur auf der Autobahn, sondern auch bei den normalen Einsätzen, wie Kommandant Christian Schweiger weiß: „Der Büroaufwand wird immer mehr.“

Diese Beobachtung hat auch der Brunnthaler Bürgermeister gemacht: „Permanent zweifeln die Versicherer die Auflistungen der Feuerwehren an.“ Mal seien zu viele Kräfte im Einsatz gewesen, mal habe es dieses und jenes Gerät nicht gebraucht. Dabei geht es oft um Kosten in Höhe von 3000 oder 4000 Euro pro Einsatz. Eine Feuerwehrkraft kostet 17 Euro in der Stunde, das Fahrzeug zwischen 120 und 180 Euro im gleichen Zeitraum. Sie sind nicht zuletzt deshalb so gering, weil viele Arbeitgeber den Lohnausfall für die Feuerwehrmänner nicht in Rechnung stellen. „Stellungnahmen schreiben, das ist im Kommen, hat in den vergangenen zehn Jahren gewaltig zugenommen“, bilanziert Klaus Sprenzel. 

Da argumentiert dann eine Versicherung, dass für diese Fahrbahnreinigung ein Fahrzeug mit vier Mann ausgereicht hätte. Sprenzel vermutet, dass die Versicherungen die Feuerwehren auf diese Weise disziplinieren wollen. Auf der Autobahn gelten aber besondere Gesetze. Absichern, Sicherung aufrechterhalten. Außerdem muss es zügiger vorangehen als auf der Landstraße, damit die Fahrbahn schnell wieder frei wird. Zumal: „Auf der Autobahn ist ein Fahrzeug mehr auch für die Sicherheit gut. Das kann man als Puffer hinstellen.“

Selbstverteidigung für Retter

Die finanzielle Ausstattung und der Aufwand sind das eine, die Sicherheit der Helfer das andere, mittlerweile drängende Thema: Die Männer und Frauen der befragten Autobahn-Feuerwehren sind bislang nicht durch Verkehrsteilnehmer attackiert worden. Allerdings gab es im Landkreis den Fall, dass ein Feuerwehrmann zur Seite springen musste, weil ein Autofahrer einfach durch einen abgesperrten Bereich gefahren ist. Bei den Autofahrern mangelt es bisweilen an Respekt. Bürgermeister Kern kommt gerade von einer Feuerwehrübung und hat erfahren: „Wir starten jetzt ein Projekt, das gerade den First-Responder-Mitarbeiter mehr Sicherheit geben soll.“ Die Ausbildung leitet ein Amateursportler, der 20 Leute in der Selbstverteidigung trainieren wird. „Damit man eine Grundahnung hat, wenn einem einer blöd kommt.“

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