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Drohnenprofis aus Unterschleißheim wollen Menschenleben retten - doch das Innenministerium sagt Nein

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Von: Max Wochinger

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Pilot Florian Biasi steuert die orangefarbene Drohne. Alleine sie kostet 6000 Euro.
Pilot Florian Biasi steuert die orangefarbene Drohne. Alleine sie kostet 6000 Euro. © Förtsch

Sie sind das Sonderkommando der Lüfte: Das Rettungsnetzwerk aus Unterschleißheim hilft bei Vermisstensuchen. Das Innenministerium will ihre Hilfe aber nicht.

Garching – Die Rettung aus der Luft sieht aus wie eine Warnweste. Sie ist auffallend orange und nicht zu übersehen. Nichts übersehen – das ist die Aufgabe der knalligen Drohne. Sie soll zum Einsatz kommen, wenn demente Senioren im Wald herumirren, Kälber aus der Weide verschwinden oder Brände in Naturschutzgebieten ausbrechen. Gesteuert werden die Drohnen von den Piloten des Rettungsnetzwerks, eine Gruppe von Technik-Freaks. Sie suchen ehrenamtlich nach Menschen, Tieren und Brandherden.

Der Verein aus Unterschleißheim ist ein Zusammenschluss von 37 Drohnenpiloten. „Wir kommen aus ganz Deutschland“, sagt Michael Klingsöhr bei einer Vorführung am Mallertshofer Holz in Garching. Er ist der technische Leiter. Der Verein wurde vor einem halben Jahr gegründet. Das Ziel: Menschen und Tiere aus Notsituationen befreien.

Drohnen zur Personen- und Tiersuche: Keine Hobby-Bastler, sondern Profis

Die Vereinsmitglieder sind keine Hobby-Bastler. Sie agieren hochprofessionell. Zu Einsätzen fahren sie mit ausgebauten Geländewagen. Die Helfer tragen auffällige Einsatzkleidung, auf dem Rücken steht „Rettungsnetzwerk – Drohnenpilot“. Wenn ein Team ausrückt, bewegt es rund 100.000 Euro an Profi-Equipment zum Einsatzort. Innerhalb von 45 Minuten können acht Drohnenpiloten am Einsatzort im Landkreis München sein, verspricht die Gruppe.

Die Piloten sind Experten. Sie wurden ausgebildet im Umgang mit den Flugkörpern. Klingsöhr zieht einen Leitz-Ordner aus seinem Auto: Allgemeinbefugnisse für mehrere Bundesländer, Fluglizenzen, Schreiben von Polizeibehörden. Die Dokumente sind penibel sortiert. „Unsere Mitglieder sind Jäger, Landwirte, Feuerwehrkräfte und haben beruflich mit Drohnen zu tun“, erklärt Klingsöhr. Er selbst bildet Einsatzkräfte der Feuerwehr und Polizei im Umgang mit ihnen aus.

Auf einem Bildschirm im umgebauten Geländewagen verfolgen die Einsatzkräfte die Suche nach einem Vermissten. Michael Klingsöhr (2. von links) zeigt auf einen weißen Fleck – die vermisste Person im Wald.
Auf einem Bildschirm im umgebauten Geländewagen verfolgen die Einsatzkräfte bei einer Übung die Suche nach einem Vermissten. Michael Klingsöhr (2. von links) zeigt auf einen weißen Fleck – die vermisste Person im Wald. © Förtsch

Streit mit dem Innenministerium: Drohnenpiloten sind gewaltig genervt

Ausrüstung, Hilfsbereitschaft und Know-how, alles einsatzbereit. Wäre da nicht das Problem mit dem Bayerischen Innenministerium. Die Behörde, zuständig für die Polizei, will die Hilfe nicht. Und das nervt die Drohnenpiloten gewaltig.

So läuft ein Einsatz

Die Einsatzkräfte des Rettungsnetzwerks werden im Notfall von Vereinsmitgliedern über eine Smartphone-App alarmiert. Die Piloten fragen nach einer Flugerlaubnis bei der Polizei und fahren samt Ausrüstung zum Einsatzort.

Flugleiter teilen die Umgebung der vermissten Person oder des entflohenen Tiers in Raster ein. Ein Team kann so in einem zugewiesenen Bereich den Boden nach Menschen oder Tieren absuchen. Ein Team besteht meist aus drei Personen: dem Piloten, Bildauswerter und Luftraumbeobachter. Der Pilot hat ständig seine Drohne im Blick, der Luftraumbeobachter überprüft die Umgebung nach anderen Flugkörpern oder Vögeln.

Der Bildauswerter konzentriert sich auf das übermittelte Live-Bild der Drohne. Möglich macht die Fahndung eine Wärmebildkamera an Bord. Auf dem linken Bildschirmrand wird meist das Wärmebild angezeigt, rechts ist das Realbild. Wärme ist auf dem Bildschirm weiß markiert. Je wärmer, desto weißer.

Wurde ein Mensch oder Tier gefunden, machen sich Bodentruppen zu der Stelle auf. Einige Drohnen sind mit Scheinwerfer ausgestattet, sie können die Umgebung im Dunkeln ausleuchten. Unter den Piloten sind ausgebildete Erstversorger. Wenn etwa eine unterkühlte Seniorin gefunden wurde, können die Retter sofort Notfallmaßnahmen einleiten.

„Ich weiß nicht, was deren Problem ist“, sagt Klingsöhr. Immer wieder würde das Rettungsnetzwerk ihre Hilfe anbieten, meist verbiete die Polizei den Piloten aber einen Einsatz. So war es auch bei einer Vermisstensuche in Unterschleißheim vor einem Jahr, erzählt er. Das Rettungsnetzwerk wurde von Angehörigen einer vermissten Rentnerin alarmiert. Die Polizei untersagte den Piloten den Flug. „Ein Einsatz wäre sinnvoll gewesen“, so Klingsöhr. Die Seniorin sei später unterkühlt im Schnee gefunden worden.

Einen weiteren Einsatz gab es Anfang der Woche auch für die Feuerwehr Harthausen: Ein Fiat Punto hatte sich in einer Kurve überschlagen. Der Fahrer war wohl zu schnell unterwegs.

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„Keinen Bedarf für Zusammenarbeit“

Der Verein will bei diesen Einsätzen dabei sein. Beim Innenministerium bettelte Klingsöhr förmlich um eine Kooperation. Vor einer dauerhaften Zusammenarbeit mit privaten Organisationen müssen erst Kooperationsverträge mit Polizeipräsidien geschlossen werden, teilt Ministeriumssprecher Michael Siefener mit. Solche Verträge würden nur bei Bedarf vereinbart. „Derzeit gibt es keinen Bedarf für eine ständige Zusammenarbeit, weil wir entsprechend gut ausgestattet sind“, sagt Siefener.

Er verweist auf 30 „teilweise sehr hochwertige Polizeidrohnen“. 600.000 Euro habe das Innenministerium in Bayern bisher für das Equipment ausgegeben. Die Drohnen würden ausreichen, sagt der Sprecher. „Es gab noch nie ein Einsatzdefizit aufgrund fehlender Drohnen.“

„Wollen doch keine Arbeit wegnehmen“

Die Piloten des Rettungsnetzwerks denken eher, dass das Innenministerium die Drohnensuche nicht aus ihrer Hand geben will. „Wir wollen doch keine Arbeit wegnehmen“, sagt Michael Klingsöhr. Es gehe den Piloten darum, in einer Notsituation das „maximal Mögliche“ zu tun. Damit Menschen bestmöglich geholfen werde.

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