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Helfen ist kein Auslaufmodell: Retter berichten, warum sie ihr Ehrenamt lieben - „Bereut habe ich es keine Sekunde“

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Von: Sabina Brosch

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Schnüffeln im Schnee: Christian Raupp von der Rettungshundestaffel übt mit Hündin Cleo für den Ernstfall.
Schnüffeln im Schnee: Christian Raupp von der Rettungshundestaffel übt mit Hündin Cleo für den Ernstfall. © Sabina Brosch

Gemeinschaft, Sport, Hilfe am Mitmenschen: das macht das Ehrenamt bei der Freiwilligen Feuerwehr aus. Dennoch reichen diese Anreize oft nicht mehr aus, um Nachwuchs zu finden. Ein Auslaufmodell ist die Feuerwehr jedoch nicht.

Garching/Hochbrück - Seit seiner Kindheit ist Alex Reineck (27) bei der Feuerwehr, die halbe Grundschulklasse meldete sich mit dem 14. Lebensjahr bei der Jugendfeuerwehr an. „Neugier, das Interesse an der Materie und auch die Kameradschaft waren unsere Motivation“, sat Reineck. „Mittlerweile ist es mein Hobby, andere spielen Fußball.“ Zwar seien viele Stunden Übungen und Einsätze damit verbunden, aber es bietet „mir einen persönlichen und gesellschaftlichen Mehrwert.“

Ehrenamtliche bei der Feuerwehr: „Mittlerweile mein Hobby, andere spielen Fußball“

Reineck ist nicht nur bei der technischen Wehr, sondern auch noch bei der Rettungshundestaffel. Einen Hund hat er zwar nicht, dennoch ist er ein wichtiger Bestandteil der Spezialgruppe. Er unterstützt die Hundeführer als Suchgruppenhelfer, arbeitet mit digitalem Kartenmaterial und GPS-Geräten bei der Einteilung und Auswertung von Suchgebieten. „Bei einem Einsatz kämpfen dutzende Einsatzkräfte um das Wohl von Menschen. Genau das macht für mich Ehrenamt im Rettungswesen aus.“

Kameradschaft und Menschen helfen zu können, motivieren Michelle Ward (23) und Alex Reineck (27), sich ehrenamtlich bei der Feuerwehr zu engagieren.
Kameradschaft und Menschen helfen zu können, motivieren Michelle Ward (23) und Alex Reineck (27), sich ehrenamtlich bei der Feuerwehr zu engagieren. © Sabina Brosch

Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr: „Bereut habe ich es keine Sekunde“

Ähnlich ist es bei Michelle Ward (23), die sich erst vor drei Jahren zur Feuerwehr getraut hat. „Ich bin die einzige von meinen Freunden, aber bereut habe ich es keine Sekunde“, berichtet die Rechtspflegerin. „Das Gemeinschaftsgefühl in der Feuerwehr ist so besonders, dass ich vom ersten Moment an integriert war.“ Und wer meine, Frauen wären nicht geeignet, darüber kann Ward nur lachen. „Ich bin First Responder, also als Erste am Einsatzort, um Verletzten zu helfen. Da ist es egal, ob Mann oder Frau, es geht um Fähigkeiten und nicht um Muskelkraft.“

Ehrenamt: Hundestaffel trainiert zwei Mal in der Woche

Die Hundestaffel trainiert zwei Mal in der Woche „das mag stressig klingen, fühlt sich aber nicht so an,“ betont Christian Raupp. Er war mit dem Rucksack unterwegs in Sumatra. Dort entdeckte er eine Dankestafel, gewidmet dem Bundesverband der Rettungshunde. Zurück in Deutschland, wurde er noch im gleichen Jahr mit seinem „Holland Herder“ Mitglied der Rettungshundestaffel.

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Sein Vierbeiner Cleo saust gerade herum, die Nase nur wenige Millimeter über dem verschneiten Boden. Der Trainingsbereich ist für Cleo ein großer Hundespielplatz: Viel Holz, viele Röhren und Kisten, in denen Hunde herumschnüffeln können, Zweige, Äste, Gestrüpp zum Tollen.

Cleo trainiert heute einen fiktiven Busunfall, der steckt zur Hälfte im Schnee, Cleo schnuppert und schnauft, erspürt jedoch keinen Vermissten. Sie saust weiter und plötzlich zeigt sie an: Hier ist was! So wird für den Ernstfall trainiert: Gerüche verfolgen, ohne sich von anderen Verlockungen ablenken zu lassen oder etwa eine Fundstelle richtig anzuzeigen.

Ehrenamt bei der Hundestaffel: Dankbarkeit der Angehörigen - „Für mich mein Antrieb“

Die tierische Überlegenheit gegenüber dem Menschen ist klar: Hunde spüren Menschen in bis zu 500 Metern Entfernung auf und sind so effektiver als eine Menschenkette mit 50 Personen. Nach dreijähriger Ausbildungszeit darf Cleo sich seit kurzem geprüfter Rettungshund nennen. Der Hund arbeitet für Streicheleinheiten und Leckerlies, Raupps Belohnung ist die Dankbarkeit der Angehörigen. „Sie sind froh, dass jemand nach ihren Liebsten sucht und dass sie die Gewissheit haben, alles Mögliche wurde unternommen. Das ist für mich mein Antrieb, das ist mein Ehrenamt.“

Ehremamt: Viele Gründe für fehlenden Nachwuchs

Wieso eifern inzwischen aber nur so wenige Reineck, Ward und Raupp nach? Wieso mangelt es den Wehren und auch etwa den spezialisierten Hundestaffeln an Nachwuchs? Eine Frage, die die Ausbilderin bei der Hochbrücker Rettungshundestaffel, Andrea Sauer, beschäftigt. Die Pflege von Angehörigen, die Gründung einer Familie, der Hausbau oder ein Um- oder Wegzug sind Gründe für die Reduzierung des ehrenamtlichen Feuerwehr-Engagements.

Aufgrund Corona waren Jugendgruppen nicht möglich, Nachwuchswerbung in Schulen fehlte völlig. Die ehrenamtlichen Feuerwehren sind nicht lediglich ein Hobby engagierter Bürger, die Zeit mit ihren Nachbarn verbringen und dabei in Form bleiben wollen. Die Ehrenamtlichen sind unverzichtbar, in großen Städten genauso wie in kleineren Gemeinden.

Bei Großeinsätzen komme auch eine Berufsfeuerwehr nicht ohne die Freiwilligen aus. „So etwas wie die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal war nur gemeinsam zu schaffen.“ Und Ausbildung, Ausstattung und Fachwissen seien vergleichbar. „Es gibt Standards, die alle, ob bezahlt oder nicht, einhalten müssen“, so Sauer.

Fast jede Woche auf Vermisstensuche

Sie ist seit neun Jahren Feuerwehrfrau und 20 Jahre bei der Hundestaffel, ihr Schwerpunkt ist die Flächen- und Trümmerausbildung von Hund und Halter. Sauer kommt, wenn Personen vermisst oder verschüttet sind. Bereits sieben Mal war ihr Team in diesem Jahr im Einsatz, selten vergeht eine Woche, in der nicht eine Person gesucht wird, „gerade im Winter ist das dann eine Aufgabe, bei der wenige Stunden über Leben und Tod entscheiden“, sagt Sauer.

Kommen die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr immer noch oft aus Feuerwehrfamilien, ist es in Sauers Augen doch gerade auch für Zugezogene eine optimale Gelegenheit, schnell in einer neuen Gemeinschaft anzukommen. Egal mit welchen Interessen oder Fähigkeiten.

Das Aufgabenspektrum der Feuerwehren hat sich in den letzten Jahren deutlich gewandelt. Einsätze im Bereich der technischen Hilfeleistung oder mit chemischen, biologischen, radiologischen oder nuklearen Gefahren, gehören mittlerweile für alle Feuerwehren zum Spektrum. „Bei der Feuerwehr zu sein, heißt nicht alleine, mit schwerem Gerät in ein brennendes Haus zu rennen.“

Kontakt

Wer Interesse hat, sich bei der Freiwilligen Feuerwehr Hochbrück oder bei der Hundestaffel zu engagieren, kann sich per Mail melden unter info@ffhochbrueck.de, flaechetruemmer@ffhochbrueck.de sowie trailer@ffhochbrueck.de oder kommt zum Gerätehaus in der Hohe-Brücken-Straße 29.

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