Schnell, schnittig und beinahe geräuschlos: Mit seinem Velomobil fährt Herbert Schwarzer (56) am liebsten auf Landstraßen. Im Jahr radelt er rund 25 000 Kilometer. Muskelkater kennt er nicht. Foto: Stäbler

Der Superradler

Garching - Herbert Schwarzer arbeitet im Gewerbegebiet im Garchinger Ortsteil Hochbrück. Dorthin pendelt der 56-Jährige jeden Tag. Aus Augsburg. Mit dem Fahrrad. Bei Wind und Wetter. Mit seinem Velomobil kommt er im Schnitt auf 25 000 Kilometer im Jahr.

Dunkelheit liegt über Augsburg, der Stundenzeiger der Uhr nähert sich der 4 - es ist jene Zeit, nicht mehr richtig Nacht, noch nicht richtig Morgen, in der selbst die quirligsten Ecken einer Stadt zur Ruhe kommen. Auch auf der B 300 ist kaum was los; die Straße führt östlich von Augsburg nach Friedberg, in vier Stunden werden sich hier die Autos aneinanderreihen.

Jetzt aber schimmert der Asphalt friedlich und unbefahren im Mondlicht - bis in der Dunkelheit plötzlich ein Gefährt heranbraust. Es hat die Form einer Rakete, ist leise wie ein Fahrrad, aber schnell wie ein Auto. Mit einem sanften Sssssst saust die rollenden Rakete vorbei; erst auf den zweiten Blick wird klar, dass darin jemand sitzt. Jemand mit langen Haaren, die im Fahrtwind flattern.

Die graue Mähne gehört zu Herbert Schwarzer. Der 56-Jährige ist auf dem Weg zur Arbeit ins Gewerbegebiet von Garching-Hochbrück. Gute 70 Kilometer liegen zu dem Zeitpunkt noch vor ihm - deshalb ist er um 3.30 Uhr aufgestanden, so wie jeden Morgen. Denn Schwarzer fährt die Strecke Augsburg-Garching nicht mit dem Auto, sondern mit dem Rad. Genauer gesagt: mit seinem Velomobil - ein verkleidetes Liegefahrrad mit drei Rädern, 26 Kilo schwer, das er allein mit seiner Muskelkraft antreibt. Und wie!

Gibt man bei Google die Strecke von Augsburg nach Hochbrück ein, spuckt der Rad-Routenplaner eine Fahrtzeit von dreieinhalb Stunden aus. Herbert Schwarzer hingegen braucht mit seinem Velomobil nur rund eineinhalb Stunden - einmal hat er es sogar in 78 Minuten geschafft. Wobei die Fahrt von und nach Augsburg noch die kürzere seiner beiden Pendel-Strecken ist: Nächtigt er bei seiner Lebensgefährtin in Kösching bei Ingolstadt, sind’s 83 Kilometer einfache Strecke - „dann klingelt der Wecker schon um 3 Uhr“, sagt Schwarzer.

Warum sich jemand so was antut? „Weil’s mich fit hält. Und weil’s Spaß macht.“ Und weil er mitunter ebenso lange im Auto saß, wenn mal wieder Stau war - auf der B 471 oder an der Bahnschranke in Oberschleißheim, damals, als es die Eschenrieder Spange noch nicht gab. „Das war verlorene Zeit, und das hat mich aufgeregt“, erinnert sich Schwarzer. Also setzt er sich 2003 erstmals auf sein Rennrad und fährt in gut zwei Stunden zur Arbeit. „Damals war das Wetter wochenlang schön“, erzählt Schwarzer. „Für mich ein genialer Einstieg.“ Anfangs nimmt er montags und freitags noch das Auto, um Kleider und Schuhe von A nach B zu bringen. Doch nach und nach baut er sich an seinem Arbeitsplatz einen „zweiten Mini-Hausstand“ auf, wie er das nennt - vom Sakko bis zur Zahnbürste.

Bald schon steigt Schwarzer jeden Tag aufs Rad - und will davon auch nicht ablassen, als es langsam Winter wird. Also kauft er sich ein Velomobil, speziell auf ihn angepasst, für fast 6000 Euro. Nun kann er bei Wind und Wetter pendeln, hat etwas Stauraum für seinen Rucksack und ist obendrein schneller als mit dem Rennrad. Auf freier Strecke kommt sein Velomobil auf Geschwindigkeiten um die 60 Stundenkilometer; bergab kann’s sogar noch schneller werden. Innerorts ist Schwarzer schon öfters geblitzt worden - ein Strafzettel kam aber noch nie. Denn: „Im Gegensatz zu den Tempo-Schildern gilt die Beschränkung im Ort nur für Kraftfahrzeuge“, weiß Schwarzer - also nicht für ihn.

Mit seinem Velomobil meidet er Radwege, weil die oft zu schmal sind. Stattdessen ist der Augsburger meist auf Bundesstraßen unterwegs und kommt dort nur selten mit Autos ins Gehege. „Zur Hauptverkehrszeit könnte ich natürlich nicht fahren“, sagt Herbert Schwarzer. „Aber sonst lassen einen die meisten Autofahrer in Ruhe, wenn man schneller als Vierzig fährt.“

Und wie schaut’s mit Muskelkater aus? Da schüttelt Schwarzer nur leise den Kopf. „An die Belastung gewöhnt man sich relativ schnell.“ Ohnehin hat der Rad-Enthusiast schon ganz andere Distanzen zurückgelegt, etwa, wenn er zu Velomobiltreffen in ganz Deutschland reist. 300 Kilometer pro Tag sind da keine Seltenheit; sein Rekord liege gar bei 500 Kilometern, erzählt Herbert Schwarzer. „Danach habe ich aber erst mal einen Tag Pause gebraucht.“

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