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Um das Zentrum zu beleben, will die Stadt ihr Konzept weiterentwickeln und hat Laden- und Immobilienbesitzer zum Lieferverkehr befragt.

Umfrage im Stadtzentrum

„Totengräber der Fußgängerzone“

Garching - Die Grünen sind im Garchinger Stadtrat inzwischen zu den ärgsten Kritikern des Bürgermeisters geworden; vor allem Fraktionschef Hans-Peter Adolf garniert praktisch jede Sitzung mit einer Verbalattacke auf Dietmar Gruchmann und dessen Stadtverwaltung. Besonders harsche Worte fand der Grüne, als es nun um den Verkehr in der Fußgängerzone ging.

Ende März 2014 haben die Garchinger Grünen und Dietmar Gruchmann (SPD) gemeinsam dessen Sieg bei der Stichwahl ums Bürgermeisteramt bejubelt. Schließlich hatte die Öko-Partei den SPD-Kandidaten unterstützt; in der Folge machten Rot und Grün sowie die Bürger für Garching (BfG) im Stadtrat die weiteren Bürgermeisterposten unter sich aus – es schien der Start einer harmonischen Koalition.

Doch gefühlt ist all das eine Ewigkeit her. Denn die Grünen sind im Stadtrat inzwischen zu den ärgsten Kritikern des Bürgermeisters geworden; vor allem Fraktionschef Hans-Peter Adolf garniert praktisch jede Sitzung mit einer Verbalattacke auf Gruchmann und dessen Stadtverwaltung. Besonders harsche Worte fand der Grüne, als es nun um den Verkehr in der Fußgängerzone ging. „Wenn Sie so weitermachen, werden Sie in die Annalen der Stadt Garching als Totengräber der Fußgängerzone eingehen“, zürnte Adolf in Richtung Rathauschef. Der wiederum keilte zurück: „Ich verstehe nicht, warum Sie immer unterstellen, dass ich persönlich die Situation dort verschlechtern möchte.“

Dazu muss man wissen: Die Grünen haben seinerzeit ein Bürgerbegehren zum Lieferverkehr am Helmut-Karl-Platz gestartet und dafür 1800 Unterschriften gesammelt. Der Stadtrat aber lehnte ihr Ansinnen aus formalen Gründen ab, wobei Gruchmann die Grünen wegen deren persönlicher Beteiligung von der Abstimmung ausschloss – ein Manöver, das den einstigen Partner erboste. Derweil kündigte der Bürgermeister damals an, ein Konzept entwickeln zu wollen, das den Verkehr auf Rathaus-, Bürger- und Helmut-Karl-Platz regele. Hierfür führte die Stadt eine Umfrage unter Immobilien- und Ladenbesitzern in der Fußgängerzone durch, deren Ergebnisse nun vorgestellt wurden.

Während sich Gruchmann enttäuscht zeigte, dass nur 27 von 84 Fragebögen zurückgekommen waren, erachtete Harald Grünwald diese Rücklaufquote von 33 Prozent als „durchaus repräsentativ“. Zumal der jetzige Bürgermeister, wie der UG-Stadtrat spitz bemerkte, „nur von 25 Prozent der Bevölkerung gewählt wurde“. Grünwald forderte von Gruchmann eine klare Positionierung beim Thema Verkehr in der Fußgängerzone. Doch der Rathauschef gestand: „Ich habe keine persönliche Meinung, wie wir das regeln könnten.“ Vielmehr schlug er vor, dass die Verwaltung Anfang 2017 ein Konzept vorlege, das zunächst im Stadtrat und danach bei der Bürgerversammlung im März „in einer großen, offenen Diskussion“ auf den Tisch kommen soll.

Dieser Plan, aber vor allem die Umfrage stießen bei den Grünen erwartungsgemäß auf Kritik. So monierte Hans-Peter Adolf, dass bloß Laden- und Immobilienbesitzer befragt wurden: „Und wer artikuliert die Interessen der Allgemeinheit? Sie nicht, Herr Bürgermeister!“

Und Walter Kratzl (Grüne) fragte fast schon genüsslich nach, wieso weder der Besitzer der Eisdiele am Helmut-Karl-Platz noch der Inhaber des Schererhauses einen Fragebogen erhalten hätten – „obwohl die am meisten betroffen sind“. Eine Erklärung hierfür hatte Gruchmann nicht parat. „Normalerweise hätten sie gefragt werden müssen“, räumte er ein – nicht ohne spitzzüngig in Richtung Kratzl anzufügen: „Und das wissen Sie natürlich auch erst seit gestern, oder?“

In der Folge sprang Jürgen Ascherl – als CSU-Fraktionschef eigentlich Oppositionsführer – dem Bürgermeister bei und verteidigte dessen Vorgehen, zunächst Laden- und Immobilienbesitzer zu befragen. Denn eine Fußgängerzone ohne Gewerbe sei eine tote Fußgängerzone, argumentierte Ascherl, ehe er sich an Hans-Peter Adolf wandte: „Dann sind Sie der Totengräber der Fußgängerzone.“

Ladenbesitzer tendieren zu Status Quo

84 Immobilienbesitzer und Gewerbetreibende in der Garchinger Fußgängerzone haben einen Fragebogen erhalten – und zwar persönlich überreicht von städtischen Mitarbeitern, wie Bürgermeister Dietmar Gruchmann betonte. Von den 27 Befragten, die einen ausgefüllten Bogen zurückgaben, erklärten 20 respektive 19, dass sie ihren Betrieb mit dem Auto anfahren müssen beziehungsweise eine Anlieferung durch Lastwagen benötigen. Zugleich gab eine große Mehrheit von 23 Befragten an, dass ihr Geschäftsbetrieb mit der derzeitigen Regelung vereinbar sei – also Lieferverkehr bis zu 7,5 Tonnen und Lieferzeiten montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr sowie samstags von 8 bis 12 Uhr. Eine Anlieferung mit Zwölftonnern erachteten entsprechend bloß drei Gewerbetreibende für notwendig. Und nur vier Befragte gaben an, dass die Existenz ihres Geschäfts durch eine nächtliche Totalsperrung von 18 bis 6 Uhr gefährdet wäre. „Es zeichnet sich also ab, dass keiner was dagegen hat, wenn in der Nacht komplett zugemacht wird“, schlussfolgerte Gruchmann. Und Joachim Krause (SPD) befand: „Es scheint so zu sein, dass im Moment alle mit den derzeitigen Regelungen leben können.“ Ähnlich äußerte sich Josef Euringer (BfG), der ergänzte: „Ich sehe da kein Geschäft, dass mit einem 22-Tonner angeliefert werden müsste. Ich denke, wir können den Status quo so lassen.“ Wobei Ulrike Haerendel (SPD) zu bedenken gab, dass die Zahl der Fragebögen als Grundlage für eine Entscheidung „eher dünn“ sei: „Wir werden sicher nicht auf dieser Basis irgendeiner Sperrung oder Öffnung zustimmen. An dem Konzept muss erst noch gearbeitet werden.“

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