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Der Griff zur Flasche kann zum Lebensinhalt werden. Dann helfen die Anonymen Alkoholiker.

Begleiter im Kampf gegen die Sucht

„Ich war ein Wrack“: Zu Besuch bei einem Treffen der Anonymen Alkoholiker

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Der Weg raus aus dem Alkoholismus ist beschwerlich und lang. Die Treffen der Anonymen Alkoholiker helfen Betroffenen. Wir haben eine Gruppe in Garching besucht.

Garching – „Ich bin Alkoholiker“, so beginnen alle Redebeiträge an diesem Abend. Mancher in der Runde fügt noch „süchtig“ oder „trocken“ hinzu. Dieser eine Satz leitet jedes Treffen der Anonymen Alkoholiker (AA) ein. Seit 85 Jahren begleitet die Gruppe Alkoholsüchtige zurück in ein normales Leben; in Garching seit 29 Jahren.

Der Weg vom ersten Rausch in die Alkoholsucht und wieder heraus ist beschwerlich und schmerzhaft. Familie, Beruf, die Psyche und der Körper, sie leiden unter der Abhängigkeit. Irgendwann ist ein Tiefpunkt erreicht, der bestenfalls die Wende bringt in ein Leben ohne Alkohol. Dieser Tag wird der neue „Geburtstag“.

„Nach 30 Jahren Saufen hätte ich nicht mehr lange überlebt“

Der 69-jährige Christian feierte vor wenigen Tagen seinen 34. Geburtstag. Sein Tiefpunkt war ein absoluter körperlicher Totalschaden, der sich „Delirium Tremens“ nennt. Der Alkohol tropfte ihm buchstäblich aus der Nase. „Ich war ein Wrack, das nach 30 Jahren intensivem Saufen nicht mehr lange überlebt hätte“, erinnert sich Christian, der sich wie alle in der Gruppe, um die Anonymität zu wahren, einen anderen Namen gegeben hat. Nach Entzug und sechsmonatigem Psychiatrieaufenthalt fand er sich fixiert in einem Krankenbett, mit einer lebensverändernden Erkenntnis wieder: „Du bist ein widerlicher Kerl.“

Ohne die AA hätte er die Sucht nicht hinter sich gelassen, bereits nach dem ersten Treffen war ihm klar: „Ich will mehr davon.“ Dabei sind die Treffen relativ unspektakulär, es gibt keine „guten“ Ratschläge, „wohlgemeinte Tipps oder ausufernde Diskussionen“, sondern „nur“ Lebensgeschichten. Reihum erzählt jeder Teilnehmer, grob zusammengefasst, wie er zum Alkohol kam und wie er herausfand, jeder darf ausreden, niemand kommentiert. Die Geschichten ähneln sich oft. Die Teilnehmer erzählen von alkoholsüchtigen Vätern oder medikamentenabhängigen Müttern, vom Frust und von Depressionen, die sie runterspülten, um sich das Leben schön zu saufen. Die meisten sind seit vielen Jahren trocken, einige immer noch in einem Auf und Ab gefangen, andere haben nach 20 Jahren „Trockenheit“ Rückschläge erlitten.

Alkohol ist gesellschaftsfähig, die Sucht stigmatisiert

„Der Kampf gegen die Alkoholsucht ist lang und schwer“, sagt Jürgen Heckel, der die AA-Gruppe in Garching leitet. „Wir sind eine Selbsthilfegruppe, in der Betroffene ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen, um vom Alkoholismus zu genesen.“ Heckel ist Gründer der Garchinger Gruppe, als ehemaliger Stadtbibliothekar ist er bestens bekannt. Er hat trotzdem kein Problem, sich öffentlich als trockener Alkoholiker zu bekennen. Andere trauen sich das nicht. Während das Trinken, der Alkohol „gesellschaftsfähig“ ist, wie Christian sagt, und man sich gar rechtfertigen müsse, wenn man beim Volksfest nicht mittrinkt, ist die Sucht stigmatisiert. Zumindest außerhalb der AA-Treffen. In der Gruppe herrscht Offenheit und Ehrlichkeit.

Und so erzählt Ralf von seinem „Ende der Sucht“. Es war ein Verkehrsunfall. „Die erste Reaktion nach dem Unfall eines Freundes war: Wirst halt mal wieder besoffen gewesen sein.“ Willi ist in der Arbeit am Schreibtisch eingeschlafen, der Chef stellte ihn vor die zweifelhafte Wahl: Job oder Sucht. Das Schlimmste waren aber die Kollegen, erzählt Willi, alle wussten Bescheid. „Ich habe mich wie nie in meinem Leben zuvor geschämt.“ Hans kann sich an sein letztes Bier am 31. Dezember vor 34 Jahren erinnern, er wollte sich vor den Zug legen, der Führerschein war schon weg, seine Existenz als Selbstständiger stand auf der Kippe. Die Rettung war ein Treffen der AA, zu das ihm ein Bekannter mitnahm. „Sie haben mir das Leben gerettet, mir das Leben mit meiner Familie und meinen Kindern ermöglicht“, sagt Hans.

„Alle haben das gleiche Paket zu tragen“

Die wöchentlichen Treffen sind für alle Teilnehmer zu einem festen Bestandteil ihres Lebens geworden. Wem das nicht reicht, der besucht Treffen in umliegenden Kommunen, „kein Problem, egal wo man hinkommt, die AA sind schon da“, sagt Christian.

Der Bedarf sei da, so Heckel: Jeder sechste Deutsche trinke zu viel, jeder zehnte Betroffene begebe sich in Therapie, bundesweit gibt es circa 2000 Gruppen. In Garching kommen mal zehn, mal 20 Teilnehmer zu den AA-Treffen. Aber „alle haben das gleiche Paket zu tragen“, sagt Hans.

Treffen der AA

Die Garchinger Gruppe trifft sich sonntags um 19 Uhr in der Laudatekirche. Die AA bieten auch Onlinemeetings an. Infos unter www.anonyme-alkoholiker.de

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