+
Betreuung an der frischen Luft: Im großen Garten gibt’s für die Kinder immer was zu tun.

„Die Kinder wissen sehr gut, was sie möchten und brauchen“

Der Taktgeber ist die Natur: Zu Besuch im neuen Naturkindergarten

  • schließen

Im neuen Naturkindergarten in Garching spielen und lernen die Kinder im Freien. Der Taktgeber ist die Natur. Wir haben uns die neue Einrichtung angeschaut.

Garching – Sophie (4) und Luca (5) rechen das Laub zusammen, als sie einen Käfer entdecken. Mit den Nasen dicht über dem Boden zählen sie die Beine des flüchtenden Krabblers. Sie sind sich nicht ganz einig, ob er nun schwarz oder braun ist. „Hey Linus, wieso schläft der denn nicht wie der Igel?“, fragen sie ihren Betreuer, der gerade sein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert. Blätter und Steine umdrehen, Käfer beäugen, Regentropfen von den Bäumen schütteln oder mal nach Lust und Laune durch dicken Matsch stampfen – die neun Buben und Mädchen des neuen Naturkindergartens in Garching sprühen geradezu vor Lebenslust und Entdeckergeist. Hier wird gespielt, gewerkelt, getobt, gesungen und spielerisch gelernt. Takt- und Themengeber ist die Natur.

Bis zum kommenden Jahr werden es insgesamt 20 Kinder werden, die hier in der Mühlgasse betreut werden. Natürlich richtet sich auch der Naturkindergarten nach dem Bayerischen Kinderbildungs- und Betreuungskonzept, „aber wir setzen dieses in der freien Natur um“, sagt Leiterin Isabel Nefzger. Gemeinsam mit Kollegin Hanna Höfer überlegt sie sich zwar einen Tages- und Wochenplan, aber letztlich wählen die Kinder die Art und Weise der Umsetzung. „Es sind die Natur und die Kinder, die uns den Takt vorgeben. Die Kinder wissen sehr gut, was sie möchten und brauchen“, ist sich Nefzger sicher. „Wir begleiten und unterstützen.“ Vor kurzem etwa haben sie Blumenzwiebeln gepflanzt, dabei wurde nicht nur das Zählen, sondern auch gleich die Farben „geübt“.

Auf 3400 Quadratmetern toben, singen und werkeln die aktuell neun Buben und Mädchen.

Die Kinder hätten so viel Fantasie und Kreativität, vorgefertigtes Spielzeug brauchen sie nicht, die Materialien der Natur sind die Grundlage für Spielideen. So wird aus Totholz eine Hundehütte und aus Blättern und Moos ein Zwergenstübchen. Wichtig ist für Nefzger auch das soziale Miteinander. „Die Kinder lernen ganz von selbst, miteinander ein Problem anzugehen, gemeinsam etwas zu Schaffen, das dem Einzelnen nicht möglich wäre.“

Dass Tobias (3) ein Inklusionskind ist, fällt erst auf den zweiten Blick auf. Er geht etwas langsamer, aber das ist den Kindern egal, Tobias packt beim Hundehüttenbau mit an und ist auch beim Rechen mit dabei. „Er hat unglaubliche Fortschritte gemacht!“, bestätigt Nefzger. Dass ein Inklusionskind mit dabei ist, war ihr wichtig. Nach 30 Jahren als Erzieherin hat sie sich mit der Arbeit in einem Naturkindergarten einen Traum erfüllt.

Bürgermeister ist „jahrelang um das Grundstück herumgestrichen“

Die Kinderidylle möglich gemacht hat das Garchinger Ehepaar Katharina und Otto Sondermayer. „Unser Garten mit meterhohen Bäumen und Sträuchern, den schon mein Großvater angepflanzt hat, lebt mit den Kindern“, sagt Otto Sondermayer. Ein Tagwerk, also 3400 Quadratmeter, beträgt die Fläche. Bürgermeister Dietmar Gruchmann hatte das Areal schon länger im Blick. Er ist „jahrelang um das Grundstück herumgestrichen“. Als dringend Kitaplätze gebraucht wurden, „hab‘ ich den Telefonhörer in die Hand genommen und beim Otto angerufen.“ Der gab sein Okay nach nur zwei Tagen Bedenkzeit und „unser gemeinsames Baby war geboren“, freut sich Gruchmann.

Mittagessen und sich aufwärmen können die Kinder im Bauwagen.

Ein beheizbarer, großer Bauwagen dient als Rückzugsmöglichkeit zum Aufwärmen und gemeinsamen Mittagessen. Hier kommen auch Bücher zum Einsatz, „meist, um den Kindern die in der Natur aufgeworfenen Fragen zu beantworten“, sagt Nefzger. „Ansonsten sind wir, auch wenn’s aufs Klo auf die Biokomposttoilette geht, den ganzen Tag draußen.“

Eine Herausforderung auch für die Eltern, „wir haben den Luca erst mal entsprechend eingekleidet. Gummistiefel, Buddelhose, Mütze, Handschuhe, Wintersachen und warme Unterwäsche“, sagt Nicole Balogh. Sie ist überglücklich, dass ihr Sohn hier einen Platz bekommen hat: „Daheim braucht er keine Steckdose zum Spielen. Autos, Stifte und Papier sind wieder gefragt.“ Dass viel frische Luft auch „richtig kaputt macht“, bestätigt Barbora Kugler. Ihre Sophie findet den Kindergarten einfach nur toll, „mit Sicherheit härtet das auch ihre Gesundheit ab.“ Für ihre jüngeren Kinder erhoffen sie sich ebenfalls einen Platz im Naturkindergarten, aber die Nachfrage ist enorm, Anmeldungen bis 2022 liegen bereits vor.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Einbahnstraße: Anwohner-Votum zwingt CSU zum Umdenken
Die CSU-Fraktion hat ihren im September eingereichten Antrag zur Einbahnstraßenregelung in der Kramerstraße und dem Schlossangerweg sowie zum Halteverbot in der …
Einbahnstraße: Anwohner-Votum zwingt CSU zum Umdenken
Irre Verfolgungsjagd durch Deutschland endet in Garching: „Ich hatte noch Restdrogen intus“
421 Kilometer Flucht quer durch Deutschland: Für eine filmreife Verfolgungsjagd, die nahe Garching (Kreis München) endete, müssen sich zwei junge Männer vor dem …
Irre Verfolgungsjagd durch Deutschland endet in Garching: „Ich hatte noch Restdrogen intus“
Grüne Schäftlarn haben die Herrschaft der CSU im Visier
Marcel Tonnar wird bei der Kommunalwahl 2020 als parteiloser Bürgermeisterkandidat für die Grünen in Schäftlarn antreten.
Grüne Schäftlarn haben die Herrschaft der CSU im Visier
Millionen-Schaden in nagelneuer Musikschule: In 18 Räumen müssen die Böden raus
Die VHS und die Musikschule sind gerade erst eröffnet, da müssen etliche Böden wieder raus. Ein Folge des Wasserschadens. Auch die Ursache für den Schaden steht …
Millionen-Schaden in nagelneuer Musikschule: In 18 Räumen müssen die Böden raus

Kommentare