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Lagerplatz: Martina Hanuschik (Mitte r.) in einer der Hallen, in denen die Spenden verteilt werden. Neben ihr steht die befreundeten Künstlerin Philippa Kempson, mit der sie das Projekt auf der griechischen Insel organisiert.

„Ich muss etwas tun“

Diese Garchingerin leitet ein Flüchtlingsprojekt auf Lesbos - So können auch Sie helfen

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Seit fünf Jahren engagiert sich Martina Hanuschik aus Garching für die Flüchtlinge auf Lesbos, organisiert Hilfslieferungen. Hier berichtet sie von ihrer Arbeit.

Garching – Sommer 2019. Martina Hanuschik aus Garching steht am Strand von Lesbos und blickt raus aufs Meer. Was dort, in einiger Entfernung auf sie zu schipperte, kann sie nur erahnen. „Erst war es nur ein kleiner Punkt am Horizont, dann auf einmal mehrere, die schnell immer größer wurden“, erinnert sich die 53-Jährige. Genau gesagt waren es 13 schwarze Punkte. 13 Schlauchboote, besetzt mit 547 Passagieren. Flüchtlinge, die in Europa Sicherheit und Frieden suchen und dafür eine gefährliche Reise auf sich nehmen. Am Strand warten an diesem Tag Hanuschik und andere Helfer auf sie. Als die Boote nahe genug sind, steigen Rettungsschwimmer ins Wasser, helfen den Flüchtlingen – viele haben ihre Kinder auf dem Arm – an Land. „So lange, bis auch der letzte Flüchtling heil am Strand angekommen ist“, erzählt Hanuschik.

Es sind Bilder wie diese, die sich ihr eingeprägt haben. Es sind auch leidvolle darunter, wenn es jemand nicht lebend ans rettende Ufer geschafft hat. Seit fünf Jahren engagiert sich Hanuschik für die Flüchtlinge auf Lesbos, organisiert Hilfslieferungen. Der nächste Transport startet Mitte November (siehe unten).

Als 2015 die Flüchtlingswelle anrollte, war Hanuschik auf Lesbos

Immer noch kommen täglich bis zu 200 Flüchtlinge nach Lesbos, vor allem in den Norden der Insel. Sie kommen in Schlauchbooten, bisher in der Nacht, „mittlerweile auch tagsüber“, berichtet Hanuschik, selbst Halb-Griechin. Ihr Vater lebt dort in einem Fischerdorf, wo ihn die Garchingerin regelmäßig besucht, meist in den Sommerferien.

So auch 2015. Als die großen Flüchtlingswellen auf Europa zurollten, war Hanuschik live dabei. In den drei Wochen ihres Sommerurlaubs hat sie auf Lesbos geholfen und gesehen, wie die Möglichkeiten der Inselbewohner zur Neige gehen, es bald keine Lebensmittel oder Kleidung zum Verteilen gab. Nach ihrer Abreise wollte Hanuschik von Garching aus helfen. Nur wenige Tage nach ihrer Rückkehr hat die Mitarbeiterin der örtlichen Nachbarschaftshilfe Freunde angesprochen. „Ich muss etwas tun.“ Schnell fand sie Gleichgesinnte. Daraus ist das „Flüchtlingshilfeprojekt Lesbos“ geworden, Hanuschik ist die Projektleiterin. Sie arbeitet mit dem seit vielen Jahren auf der Insel lebenden Künstlerehepaar Eric und Philippa Kempson und deren „Hope“-Projekt zusammen.

Das Ende einer gefährlichen Reise: In Schlauchbooten landen die Flüchtlinge am Strand der Insel Lesbos.

Bisher war Hanuschiks Privathaus Zentrum des Hilfsprojekts, wo alle Fäden zusammenliefen. Für die letzte Hilfslieferung standen hier 500 Kartons: Wohnzimmer, Keller, Gästetoilette, alles war voll, „insgesamt etwa sechs Tonnen. Das war ein Ausnahmezustand.“ Die Helfer gingen ein und aus, sammelten, sortierten und verpackten die angelieferten Spenden, die auch nach fünf Jahren dringend gebraucht werden.

Nach der ersten ärztlichen Versorgung kommen die Flüchtlinge in das Aufnahmelager Moria, dessen Zustände das UNHCR selbst als „unwürdig“ bezeichnet. Rund 12 000 Menschen hausen dort“, meist in Zelten. „Auch in den Olivenhainen stehen überall welche“, sagt Hanuschik. Die Situation habe sich nach fünf Jahren keinesfalls verbessert, einige Flüchtlinge seien erst vor Kurzem gestorben, als Zelte in Flammen aufgingen. Oft reichen die provisorischen Unterkünfte nicht, viele müssen draußen schlafen.

Auf Bildern verarbeiten die Flüchtlinge im „Hope-Projekt“ ihre Erlebnisse.

Nicht nur die Lebensumstände im Camp sind bedenklich, auch die psychische Verfassung der Bewohner. „Zum Teil sind die Flüchtlinge extrem traumatisiert und nicht ansprechbar“, sagt Hanuschik. Es seien auch nicht nur Männer, „sondern sehr viele Kinder, die dort sind“. Ein Umstand, der die gelernte Kinderkrankenschwester zusätzlich antreibt.

Vier Hallen hat das Hope-Projekt in Moria aktuell angemietet, wo die Spenden gelagert werden. „Wir brauchen alles“, sagt Hanuschik. Von Kleidung, Lebensmittel, Zelte, Kinderwagen, Schlafsäcke, Hygieneartikel, Spielsachen, Schals und Mützen. Aber auch Geldspenden seien wichtig, denn der Transport per Spedition muss finanziert werden. Zudem kann mit dem Geld vor Ort etwas gekauft werden, was noch dringend fehlt. „Helfer kann ich auch noch gut gebrauchen.“

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Die Spendenaktion

Für die kalte Jahreszeit werden dringend benötigt: Decken (Bettdecken und Schlafsäcke), warme Kleidung für Kinder, Teenies und Erwachsene, Mützen, Schals, Handschuhe, Schuhe, Flipflops, Handtücher, Hygieneartikel (wie Seife, Shampoo, Zahnbürsten, Zahnpasta, Deodorant, Rasierer, Windeln, Feuchttücher), Zelte, Buggys, Taschen, Rucksäcke, Kuscheltiere, Spielsachen, Malsachen. Die Spendenaktion läuft an den Wochenenden 2. und 3. November sowie 9. und 10. November von 10 bis 18 Uhr in der Tannenbergstraße 3 in Garching. Dort können Spenden abgegeben werden. Wer mithelfen möchte, für etwa zwei bis drei Stunden, kann sich unter martina.hanuschik@nbh-garching.de melden. 

Das Konto für Geldspenden über die Nachbarschaftshilfe Garching e.V. lautet: Kreissparkasse München Starnberg Ebersberg; Stichwort „Flüchtlingshilfeprojekt Lesbos“; IBAN: DE40 7025 0150 0090 1904 14; BIC: BYLADEM1KMS

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