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Firmengelände von RM-Recycling, früher AR-Recycling: Seit Jahren soll aus der Halle mit dem grünen Dach giftiger Staub entweichen. 

Massive Vorwürfe

Gutachter über Vorgehen von Recycling-Unternehmen: „Das ist kriminell!“

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Ein Gutachten belastet RM- bzw. AR-Recycling in Hochbrück und das Landratsamt massiv: Seit Jahren soll die Firma gegen Auflagen verstoßen und krebserregender Staub das Gelände verlassen haben. 

Hochbrück – Die Schlagzeilen um RM-Recycling hören nicht auf. Ein Gutachten eines Ingenieurbüros für Umweltschutztechnik belastet das Unternehmen in Hochbrück und das Landratsamt schwer. Von einem ständigen „Verstoß gegen die Auflagen“ spricht Gutachter Peter Gebhardt bei einer Pressekonferenz in München. Er hat das Gutachten erstellt und sagt zu dem, was die Firma in der Vergangenheit gemacht haben soll: „Das ist kriminell.“ Gefährliche Asche – Gebhardt spricht von „Giftmüll“ – soll die Firma vor Jahren als ungefährlich bezeichnet und weiterverarbeitet haben. Außerdem soll – wohl bis heute – krebserregender Staub aus einer Halle austreten.

Dieser Staub im Außenbereich der Halle darf gar nicht entwichen und ist giftig, sagt das Aktionsbündnis.

Der Münchner Merkurdeckte im Juli einen Umweltskandal des Abfallunternehmens auf. RM-Recycling gehört zur GHV (Garching-Hochbrück-Vermögensverwaltung GmbH), den größten Anteil an ihr hält die Geigergruppe. Illegal hat RM 2017 belasteten Schlamm in ein Erdloch geschüttet. Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft ermitteln.

Krebserregender Staub

Das nun veröffentlichteGutachten hat das Aktionsbündnis Lohhof-Süd in Auftrag gegeben. Den Staub, der aus der Halle austreten soll, haben Mitglieder der Initiative fotografiert und Proben genommen. Ein Labor habe darin krebserregende Chlorverbindungen festgestellt. Der Staub werde, so fürchten Anwohner, seit Jahren aus dem Gelände des Entsorgers geweht. Die Anlage liegt etwa 500 Meter entfernt von Wohngebieten. Die Stadt Unterschleißheim finanzierte das Gutachten mit 30 000 Euro mit.

Darin werden etwa 2500 Seiten von Akten zu dem Unternehmen behandelt – die meisten stammen aus dem Landratsamt München. Der gesamte Verwaltungsvorgang von 2012 bis 2017 zu dem Entsorger soll dokumentiert sein. Damit betrifft das Gutachten nicht nur RM, sondern auch den früheren Betreiber AR-Recycling. Geschäftsführer war bis 2017 Michael Klotz. Die Liste der Verstöße und Mängel ist lang. Gebhardt sagt, dass die Unterlagen beweisen, dass die Behörde seit Jahren zum Teil nicht wisse, was bei dem Entsorger passiert.

Behörde weist Vorwurf zurück

Das weist die Behörde zurück. Eine Sprecherin schreibt, dass festgestellten Mängeln „konsequent nachgegangen“ wurde und „Anordnungen zur Mängelbeseitigung erlassen“ wurden. Das Landratsamt als Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde des Entsorgers habe Verstöße nicht geahndet, kritisiert das Aktionsbündnis. Über 30 Kontrollbesuche soll die Behörde gemacht haben.

Das Gutachten liegt dem Landratsamt vor. „Die Prüfung ist nicht abgeschlossen“, heißt es. Es werde jedoch gewürdigt und Vorwürfe darin würden geprüft.

Ein neues Genehmigungsverfahren für die Recyclinganlage ist derzeit gestoppt. Das Aktionsbündnis fordert, sie stillzulegen. Zu einer Gefährdung der Anwohner durch giftigen Staub hat sich die Behörde noch nicht geäußert.

Kritikpunkte im Gutachten

Auf mehr als 100 Seiten dokumentiert das Gutachten des Ingenieurbüros für Umweltschutztechnik (IfU) Akten des Landratsamtes. Darin sollen zahlreiche Verstöße des Entsorgers verzeichnet sein. Einige Auszüge: 

  • Besonders schwer wiegt für Umweltexperten Peter Gebhardt ein Fall von 2015: AR-Recycling unter damaliger Geschäftsführung von Michael Klotz soll Rostasche als gefährliches Material angenommen und dieses als ungefährliches Material weiterveräußert haben. Laut Gutachten soll die Asche vom Kraftwerk Zolling stammen. 
  • Ebenfalls 2015 soll Rostasche illegal als Untergrundmaterial auf dem Firmengelände verbaut worden sein. Von mehreren Tonnen ist die Rede. Das Landratsamt befragte den Betreiber und ordnete im Mai 2015 an, die Rostasche wieder auszubauen. „Der Ausbau der Rostasche wurde am 21.8.2015 abgeschlossen“, heißt es. 
  • Die Reinigung der staub- und geruchsbehafteten Abgase soll auf dem Firmengelände bzw. in der Verarbeitungshalle „völlig unzureichend“ sein. Eine seit 2003 gesetzlich festgelegte Absaugung und Filterung finde nicht statt. Filteranlagen fehlen zum Teil komplett, sagt Gebhardt. Staub und Abluft könnten so frei durch Schlitze und undichte Stellen der Halle entweichen. In der Halle sollen unter anderem behandeltes Holz und als gefährlich eingestufter Bauschutt zerkleinert werden. 
  • Ganze Schredderanlagen sollen in der Halle laut Unterlagen illegal betrieben worden sein. „Eine Reihe dieser Aggregate musste auf Anordnung des Landratsamtes München wieder außer Betrieb genommen und deinstalliert werden.“ 
  • Abfallhaufen auf dem rund 70 000 Quadratmeter großen Gelände sollen nicht abgedeckt und über die erlaubte Zeit gelagert worden sein. Damit habe gefährlicher Staub verweht werden können. Außerdem fehlen laut Gutachter vorgeschriebene Emissionsmessungen zum Teil ganz in den Unterlagen des Landratsamtes. 
  • Das Landratsamt soll 16 Jahre lang mit falschen, nämlich zu hohen Grenzwerten gearbeitet haben. Folglich wurden Genehmigungsbescheide falsch an den Entsorger ausgegeben.

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