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Tückisch ist der Weg rund ums Garchinger Rathaus für alle Sehbehinderten. Welche Probleme es trotz eines speziellen Leitsystems gibt, zeigt die sehbehinderte Melanie Egerer den Stadträten Florian Baierl (l.) und Josef Euringer. 

Ortstermin

Hindernisse machen den Alltag schwer

Menschen mit Behinderung haben häufig mit Hürden auf ihren alltäglichen Wegen zu kämpfen. Dass das auch in einer Stadt Behindertenbeirat so ist, zeigt sich in Garching.

Garching – Plötzlich heißt es „Stopp“, obwohl es eigentlich weitergeht. Melanie Egerer vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund verlässt sich auf das Leitsystem für Sehbehinderte rund um das Garchinger Rathaus und weiß nicht mehr, wo es hingeht. Dieser Mangel und weitere Schwierigkeiten für Menschen mit Handicap werden deutlich bei einem Rundgang durch die Stadt Garching. An ihm nehmen auch Mitglieder des Behindertenbeirats teil sowie die Fraktionsvorsitzenden des Garchinger Stadtrats.

„Man sieht, wie schwer es die Leute teilweise haben“, sagt Garchings Dritter Bürgermeister Walter Kratzl (Grüne). Und das ausgerechnet an Stellen rund um das Rathaus, die eigentlich bereits für Menschen mit Behinderungen optimiert worden sind. So sollen Längs- und Querstreifen ein Leitsystem bilden und sehbehinderten Menschen bei der Orientierung helfen. An der Ecke Telschow- und Schleißheimerstraße irritiert die Beschreibung mit dem abruptem Ende allerdings mehr, als dass sie hilft.

Einen Vorwurf will Gerd Rumpf, Vorsitzender des Behindertenbeirats und selbst Rollstuhlfahrer, der Stadt aber nicht machen. „Garching macht bereits sehr viel“, sagt er. Erschwerend sei, dass sich die DIN-Normen für die Leitsysteme „dauernd ändern“. „In München ist es viel schlimmer“, sagt Rumpf. Gerade weil Garching als eine der wenigen Kommunen im Landkreis einen Behindertenbeirat eingesetzt hat, will Rumpf den Fraktionsvorsitzenden bei diesem Ortstermin „ein Gefühl“ dafür vermitteln, wie es ist, sich als Betroffener durch die Stadt zu bewegen.

Dafür hat auch Garchings Bürgermeister Dietmar Gruchmann (SPD) Verständnis. „Ich durfte die Erfahrung bereits vor 30 Jahren während meines Zivildienstes machen.“ Er findet es gut, dass der Behindertenbeirat „den Finger in die Wunde legt“.

Eine Hürde im Alltag ist nicht nur das Leitsystem am Rathaus. Auch der Briefkasten neben der Behörde zählt dazu. Das muss Jürgen Ascherl, der Fraktionsvorsitzende der CSU erfahren, als er sich selbst in einen Rollstuhl setzt. Erst nach einigen Anläufen gelingt es ihm, auf das Podest zu fahren, auf dem der Briefkasten steht. „Als Rollstuhlfahrer hat man es hier sicher nicht leicht“, Ascherl: „Man muss mit einem Rad des Rollstuhls auf den Bordstein, sonst erreicht man den Briefschlitz gar nicht. Das ist schon anstrengend.“

Und dann sind da noch die Pflastersteine am Rathausplatz. Holprig und uneben – eine echte Stolperfalle und Hürde für alle, die nicht gut oder gar nicht laufen können. Außer Frage steht für Bastian Dombret (FDP), dass die Stadt künftig zwei Mal überlegen muss, ob ein Wechsel von Bodenplatten auf Pflastersteine gut ist für Menschen mit Handicap. Nur die Optik allein dürfe kein Kriterium mehr sein.

Ein weiteres Problem findet sich ausgerechnet an einer Stelle, die eigentlich speziell für Menschen mit Behinderung errichtet worden ist: an der Behindertentoilette. Die Tür klemmt. Rein oder raus geht es nur mit Mühe. Die Situation ist komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint. „Es ist ein automatischer Türöffner eingebaut, der per Knopfdruck aktiviert wird. Allerdings nutzen nicht alle diesen Knopf, sondern versuchen es mit dem Türgriff. Deshalb funktioniert die Tür nicht mehr richtig“, erklärt Gruchmann. Ein Problem, das keines sein müsste. „In zwei Wochen geht das“, verspricht er. Doch es ist wie verhext: Der Notrufknopf in der Toilette funktioniert auch nicht. Das stille Örtchen wird unter Umständen zur Falle. Ein Mangel, der ebenfalls schnellstmöglich behoben werden soll.

Stadtrat Florian Baierl (Unabhängige Garchinger) ist sich sicher, dass die Kommunalpolitiker und die Verwaltung ab sofort häufiger als bisher mit den Mitgliedern des Behindertenbeirats ins Gespräch kommen müssen. Etwa jetzt, bei der Sanierung des Bürgerhauses. Und: Die Fraktionsvorsitzenden sagen zu, künftig Sitzungen des Behindertenbeirats zu besuchen, um so noch näher dran zu sein, an den Sorgen und Problemen der Menschen mit Handicap. Sebastian Schuch

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