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Ein Stück Freiheit bedeutet für Ingrid Wundrak ihr weißer NSU Prinz 1969. 

50 Jahre 68er-Revolution

Eine standhafte Rebellin

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1968 war mehr als ein Jahr. Die linke Studenten-Bewegung hat die Gesellschaft verändert. Frauen, Frieden, Umwelt: Dafür kämpft Ingrid Wundrak bis heute.

Garching – Still? Ingrid Wundrak? Wer die Grünen-Stadträtin, Anti-Atomkraft-Aktivistin und Feministin aus Garching kennt, bringt sicher nicht gerade diesen Begriff mit ihr in Verbindung. Sagt die 71-Jährige doch von sich selbst, und das kann jeder bestätigen, der sie in Aktion gesehen hat: „Das Rebellische hab’ ich immer schon gehabt.“ Doch in der 68er-Bewegung, in der die gebürtige Münchnerin politisiert wurde und die sie bis heute prägt, ordnet sie sich eher in der „stillen Masse“ der Befürworter ein, die froh waren über den Ausbruch aus gesellschaftlichen und politischen Zwängen. „Aber diese stille Masse hat es gemacht. Wenn nur die gewesen wären, die vorneweg geprescht sind – die Bewegung wäre gestorben“, sagt Ingrid Wundrak.

Vorneweg marschieren ging nicht

Die da vorneweg marschiert sind, linke Studenten, gehörten durchaus zum Bekanntenkreis der damals 22-jährigen Ingrid Keller, wie sie mit Mädchennamen hieß. „Die haben nächtelang diskutiert. Aber ich musste ja frühmorgens raus und in die Arbeit.“ Als Bauzeichnerin, Abteilung Statik. „Standhaftigkeit ist schon wichtig“, sagt Ingrid Wundrak sinnierend. Politische Freunde kennen das an ihr. Die Gegner erst recht. Das Standhafte, nicht das Sinnieren.

Sich zu behaupten, hat Ingrid Wundrak nicht erst in der Männerwelt eines Ingenieurbüros gelernt, als sie 1961 mit 15 ihre Lehre anfing. Einzelkind, Scheidungskind, vier Jahre bei den Großeltern in Ottobrunn aufgewachsen, weil Mutter Mechthilde arbeiten musste, um sich und ihre kleine Tochter durchzubringen. Als Sekretärin im bayerischen Landwirtschaftsministerium unter Minister Alois Hundhammer. Von der CSU natürlich, ein Mann von ausgeprägter Religiosität und moralischer Rigorosität. Strenge Kleidervorschriften hat es im Amt gegeben, in der Schule natürlich auch. „Hosen waren für Mädchen und Frauen tabu“, sagt Ingrid Wundrak. Die Jeans war ein revolutionäres Kleidungsstück. Miniröcke und Hotpants erst recht. Die hat Ingrid in den späten 60ern gerne getragen. „Diese Befreiung: Dass man sich nicht mehr fragen musste: Was darf ich anziehen? Wo gehe ich aus und mit wem?“

Frau am Steuer - eine Provokation

Der Führerschein war ein weiterer Akt der Befreiung und Emanzipation, gleich 1967, als sie volljährig geworden ist. Mit 21 Jahren hat man damals erst die Grenze zum Erwachsenenalter überschritten. „Frau am Steuer“ war noch eine richtig üble Schmähung. Die blonde Ingrid in ihrem Auto, einem weißen NSU Prinz, von der Oma finanziert – das war noch eine Provokation. „Und das hat mich so richtig gereizt.“

Der Kampf gegen das Verdruckste, die Zwänge, das Verdrängen der NS-Vergangenheit – mit diesen Ideen hat sie sich solidarisiert. „Die 68er-Bewegung hat viel umgewälzt. Wenn man den verzopften Schmarrn von vorher gekannt und erlitten hat, kann man das erst richtig einschätzen“, sagt Wundrak. Ihre erste Politisierung: Die Unterschrift für eine Initiative gegen die Bekenntnis-Schule. Über eine Freundin kam sie 1968 zur SPD, zu den Jungsozialisten, damals noch ein anderes Kaliber. „Wir haben uns zusammengetan und die alten Sozis aus den Ämtern gedrängt. Die haben sich eh nur noch zum Karteln getroffen bei uns in Berg am Laim.“

Laut äußern Ingrid Wundrak und ihre Mitstreiter 1993 ihren Unmut über den geplanten Bau des neuen Forschungsreaktors in Garching.

Nach Garching ist Ingrid Wundrak 1975 gezogen, mit ihrem Mann Rainer. „Und dann kamen die Grünen“, sagt sie. 1980 mitgegründet von Petra Kelly. „Frauen, Frieden, Umwelt – dieser Dreiklang hat mich überzeugt.“ 1989 hat sie selbst mit Katharina von Gagern und Mitstreitern in Garching einen Grünen-Ortsverband gegründet, 1990 wurde sie in den Stadtrat gewählt, dem sie immer noch angehört. „Für die alten Sozis waren wir wie unerzogene Kinder“, sagt Wundrak. Erst recht, als sie, unter dem Eindruck von Tschernobyl, die „Bürger gegen Atomreaktor Garching“ gegründet hat. „Ich habe alle aufgestachelt gegen diesen Reaktor!“ Verhindern konnten sie den Forschungsreaktor FRM-II, betrieben mit hochangereichertem Uran, nicht. Aber andere Sicherheitsstandards hätten sie durchgesetzt. Mit grimmiger Genugtuung erinnert sich Wundrak an Proteste gegen die Staatsregierung und die Technische Universität als Reaktorbetreiber: „Da haben wir ihnen schon sauber in die Suppe gespuckt, geärgert haben sie sich genug über uns. Man kann etwas bewegen. Man muss dranbleiben.“ Die Saat der 68er ist aufgegangen.

Ingrid Wundrak kämpft für grüne Ziele.

Wobei Ingrid Wundrak die erkämpfte Freiheit plötzlich von unerwarteter Seite infrage gestellt sieht; wenn sie tief verschleierte Frauen trifft; gerade junge Muslima, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. „Ich empfinde das als provokant gegenüber mir, die so froh war über die Befreiung. Dass diese Frauen konterkarieren, was wir uns erkämpft haben – unmöglich!“

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