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Umstritten: der Garchinger Forschungsreaktor FRM II

Diskussion im Stadtrat Garching

Nach Panne am Forschungsreaktor: Kritik am Sicherheitskonzept

  • Sabina Brosch
    vonSabina Brosch
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Der Austritt von radioaktivem C-14 im Forschungsreaktor Garching Ende März beschäftigte jetzt auch den Stadtrat. Vertreter der TU München standen dem Plenum Rede und Antwort. Wie es weitergeht, darüber gehen die Meinungen stark auseinander.

Dass „so etwas nie wieder passieren darf“, waren sich Wissenschaftler und Bürger einig. Wie man dieses „nie wieder“ erreichen will, daran scheiden sich die Geister. Während die TU an einem Konzept arbeitet, um den Reaktor wieder anfahren zu können, fordern die Grünen eine komplette Stilllegung des FRM II. Die Sprecherin der TU, Anke Görg, betonte, „dass zu keiner Zeit für niemanden und nichts Gefahr bestand.“ Man sei derzeit bei der Ursachenklärung, wie der Austritt, der auf einen individuellen Fehler zurückzuführen sei, passiert sei, „und erarbeiten dann ein Konzept.“ Auch die Meldung des Störfalles sei innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Fristen erfolgt. Die niedrigen Werte, die Görg mit „Essen Sie 30 Bananen, dann haben sie den emittierten Wert von drei Microsievert erreicht“ verglich, beruhigten einige Stadträte wie Joachim Krause (SPD) dahingehend, dass „die Strahlenexposition im Bereich der normalen Strahlenbelastung lag.“

Götz Braun (SPD) wollte „nicht alles miteinander verrühren“, dass ein Fehler passiert sei, der jedoch nichts mit der Thematik „hochangereichertes Uran zu tun hat“. Jürgen Ascherl (CSU), ist froh, dass „keinerlei Gefährdung der Bevölkerung“ vorgelegen habe. Die Nachfrage von Bastian Dombret (FDP) ergab, dass normalerweise pro Jahr „20 bis 30 Prozent des Jahresgrenzwertes ausgeschöpft werden“, so Görg.

Für Hans-Peter Adolf (Grüne), der nicht die Grundlagen- oder Materialforschung an sich in Frage stellte, sehr wohl jedoch, ob das mit hoch angereichertem Uran passieren müsse, handelt es sich bei der von Görg dargestellten Vorgehensweise keineswegs um eine stringente Argumentations- und Kommunikationskette. Dem FRM II fehle es an einem „anständigen Sicherheitskonzept“, so Adolf, dem das bestehende mit einem Zwei-Augen-Prinzip nicht ausreicht, „wie es gerade sehr deutlich geworden ist“.

Austritt erst vier Wochen später gemeldet

Dass ein zumindest „Vier-Augen Prinzip“ nicht eingesetzt wird, weil es, wie von Görg bestätigt, „nicht vorgeschrieben ist, schließlich habe es auch die Jahre sehr gut funktioniert“, ist für Adolf unverständlich und nicht zu akzeptieren. Ebenso wenig, dass die Benachrichtigung der Öffentlichkeit erst am 14. Mai erfolgt ist. Denn der Fehler beim Trocknungsvorgang und damit der Austritt radioaktiven Gases wurde bereits am 30. März bemerkt und der Nachweis, dass zu diesem Zeitpunkt bereits 92,5 Prozent des Jahresgrenzwertes erreicht wurden, erbracht. „Und trotzdem hat man niemandem etwas gesagt“, so Adolf. Erst vier Wochen später, als der Jahresgrenzwert um 15 Prozent überschritten war und durch die April-Auswertung bestätigt wurde, wurde der Austritt gemeldet. Für Adolf ein weiteres Indiz, dass das Sicherheitsprinzip nicht existiert, „es ist ungeplant Radioaktivität ausgetreten und Sie wussten das bereits seit dem 30. März! Es wäre vertrauensbildend, wenn Sie dies bereits beim Auftreten der Ereignisse kommunizieren würden.“

Auch bei der Berechnung des sogenannten „Fall outs“ könne man sich nicht auf standardisierte Modellrechnungen, wie von Michael Schmidt (FRM II) angeführt, beziehen, wonach „die bisher ungünstigste Aufschlagsfläche in den letzten 16 Jahren im Mittel 115 Meter um den Reaktorkamin lag“, so Schmidt. „An den Austritts-Tagen herrschten Windverhältnisse von 25km/h, wie kann man da behaupten, dass der Aufschlag auf dem TU Gelände lag?“, hakte Adolf nach.

Reaktor ohne Genehmigung?

Während Görg keine Aussagen treffen wollte, wann der Reaktor wieder angefahren wird, da dies von der atomrechtlichen Aufsichtsbehörde bestimmt werde, ist für Adolf klar, dass dies aufgrund der Jahresgrenzwertüberschreitung rechtlich nicht in diesem Jahr, sondern überhaupt gar nicht stattfinden solle. Es stünden der Forschung, etwa mit der European Spallation Source (ESS) im schwedischen Lund, die 2023 in Betrieb gehen soll, eine Spallationsquelle zur Verfügung, die nicht nur effektiver als die Kernspaltung arbeite, sondern auch ohne angereichertes Uran auskomme. Bereits seit Jahren müsste der Reaktor FRM II auf nicht-waffenfähiges Uran umgerüstet werden, „insofern läuft der Reaktor ohne Genehmigung“, so Adolf.

Erste Fortschritte bei der Herstellung von niedrig angereichertem Brennstoff, dem monolithischen Uran-Molybdän (U-Mo), sind laut einer Pressemittelung Anfang Juni getan, eine Pilot-Fertigung in Frankreich werde aufgebaut. Aus dem Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung verweist der Parlamentarischen Staatssekretär Michael Meister darauf, dass man sich in Abstimmung mit dem Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft befinde. Die Erarbeitung und Bewertung von Handlungsoptionen sowie entsprechender Zeitplänen sei noch nicht abgeschlossen.

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