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Das Dichterstübchen daheim bei Alexander Hutanu ist eigentlich eher ein Forscherlabor. Doch für die Ballade über den Rummel um eine lilafarbene Kuh ließ er die Naturwissenschaften links liegen – vorübergehend. 

Siebtklässler von der Muse geküsst

Plötzlich Dichter: Alexander (13) und seine Ballade von der lila Kuh

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Dass einen 13-Jährigen das Reimfieber packt, ist eher selten. Vor allem, wenn er sich eigentlich viel mehr für Physik und Mathe als für angestaubte Dichterfürsten begeistern kann. Doch den SiebtklässlerAlexander Hutanu ausGarching hat plötzlichdie Muse geküsst.

Garching – Mit den Klassikern hat Alexander Hutanu nichts am Hut. Schiller, Goethe oder Annette von Droste-Hülshoff und deren Werke sitzt der Dreizehnjährige im Unterricht gewöhnlich stoisch aus. Sein Ding sind die Naturwissenschaften, Physik vor allem und Mathematik. 

 Was ihn an dem von seiner Lehrerin ausgelobten „Tag der Poesie“ Ende März ritt, kann sich der Schüler der Klasse 7c des Werner-Heisenberg-Gymnasiums bis heute nicht erklären. Sei‘s drum, die Ballade, die der 13-Jährige auf Veranlassung von Friederike Göckel-Bottesch schrieb, begeisterte nicht nur die Deutschlehrerin. Und Alex Hutanu stellte fest: Endlich hat er einen Zugang zu seiner Kreativität, zu Fantasie und Wortgewalt, gefunden.

 Bis zu jenem Tage war Alex Hutanu, der sich in den engen Bahnen naturwissenschaftlicher Formeln und Gesetze heimisch fühlt, der der Logik stets der Fantasie den Vorrang lässt und bei allem, was sich reimt, auf Durchzug stellt, „kein Fan von Deutschunterricht.“ Er habe grundsätzlich kein Problem damit, sich auszudrücken, versichert er dem Münchner Merkur. „Aber wenn ich inhaltlich nicht an feste Regeln gebunden bin, wenn Fantasie gefragt ist, bin ich ruckzuck draußen.“

 Der 13-jährige Gymnasiast entstammt einer Familie von Naturwissenschaftlern. Sein Vater (49) ist Physiker am Garchinger Forschungsreaktor. Alex’ 12 Jahre älterer Bruder macht in Basel gerade seinen Doktor in Biochemie. Einzig die Mutter (48) fällt ein wenig aus dem Rahmen. Natalia Hutanu ist zwar ebenfalls auf dem Campus beschäftigt, arbeitet aber als Sprachwissenschaftlerin

Alex´ Weg scheint daher vorgezeichnet. Was seine Zukunft betrifft, hat sich der jüngste Spross der vor 20 Jahren aus der Ukraine eingewanderten Familie längst festgelegt. „Ich weiß, dass ich den naturwissenschaftlichen Weg einschlagen werde“, kündigt er an.

 Doch dann der Wandel: Die schmerzhafte Erfahrung einer Klassenarbeit über Balladen mit magerer Notenausbeute lag noch nicht lange zurück, als seine Lehrerin den 26. März zum „Tag der Poesie“ erhob. Friederike Göckel-Bottesch rief ihre Schüler auf, eine Ballade zu einem Thema ihrer Wahl zu verfassen. Und auf einmal lief es wie von selbst. 

„Ich hatte Schafe im Kopf“

 „Ich hatte Schafe im Kopf“, erinnert der 13-Jährige. Hühnchen, Schweine, Rindviecher. Das Idyll eines Bauernhofs vor dem inneren Auge, entstand eine Geschichte über Schicksalsschläge, wirtschaftliche Not und die lilafarbene Milka-Kuh. Vier Strophen schrieb Alex im Unterricht. Friederike Göckel-Bottesch war entzückt ob des Resultats. „Ich sollte die Ballade daheim unbedingt zu Ende bringen.“ Sieben weitere Strophen entstanden. Die Lehrerin ermunterte ihn, das Werk mit dem Titel „Die wundersame Geschichte einer Bauernfamilie“ zu veröffentlichen. 

Dass ihr Junge auf einmal Fantasie bewies, begeisterte auch die Eltern. „Normalerweise ist so was nicht sein Ding“, sagt Mutter Natalia. Goethes „Zauberlehrling“, Schillers „Ring des Polykrates“ oder „Der Knabe im Moor“ von Annette von Droste-Hülshoff sind in der Familie natürlich bekannt. Dass ihr Sohn, der „in Deutsch gewöhnlich nicht so gute Noten“ heim trägt, der Poesie verfallen könnte, hätte sie aber nicht erwartet. 

 Alexander Hutanu scheint dennoch nicht geneigt, den eingeschlagenen Weg zu verlassen. Auf dem festen Boden naturwissenschaftlicher Gesetze und mathematischer Regularien, wo alles so wohlsortiert erscheint, fühlt sich der 13-Jährige nach wie vor am wohlsten. Ob er sich irgendwann mal wieder ans Reimen macht? „Warum nicht“, antwortet Alex nach einer kurzen Pause: „Vielleicht aus Langeweile.“

Die Ballade „Die wundersame Geschichte einer Bauernfamilie“ von Alexander Hutanu:

Wenn die Schafe auf der Weide stehn, Sich nicht viel rührn, bisschen gehn, Betupft ist das Feld mit bauschiger Wolke, Da vergisst der Bauer glatt, zu holen, die Molke.

Die Kühe muhen Tag ein Tag aus, Die Hunde treiben sie ins Feld hinaus, Sie grasen das ganze Felde leer: Keinen einzigen Halm, den sieht man mehr.

Gelegt ein Ei hat das Hühnchen grad, Gackert wild und wärmt das Ei zart, Rasseln hört man in der Schale, Der Bauer füllt der Hühnchen Mahle.

Die Schweine wälzen sich im Schlamm, Zu hören kriegt man ein lautes „RAMM“, Der Traktor der Bäuerin hat gekracht, Zum Schrottplatz wird er nun gebracht.

Und die Bäuerin klagt über ihren mindern Lohn, Zu hören kriegt sie nur lauten Hohn, Wie zu bezahlen den neuen Traktor, Wenn der Preis der Milch gesunken um den doppelten Faktor.

Entrinnen tut das Gelde flott, Nun beten sie ehrfürchtig zum lieben Gott Nicht mal nach einer Woch‘, Da macht das Herz der Familie „Poch“.

O Wunder, das Kalb, das geboren ist, es ist lila und trinkt nicht, sondern frisst. Und der Sohn der postet das. Und auf Instagram ist die Reaktion besonders krass.

Schon am nächsten Tag bekommen sie eine Mail von der Presse: „Was ist denn ihre Adresse?“ Und die Sensation verbreitet sich um die Welt, Da schlafen Papparazzi vor dem Haus im Zelt.

Nun gibt auch „Milka“ ein Wort von sich ab: Sie habe die ganze Presse allmählich satt. Kaufen wollen sie die lila Kuh jetzt, Ein exorbitanter Preis wird gesetzt. Verkauft wird nun die Kuh, Und die Familie ist reich, nanu, Das Geld, das kommt ihnen sehr gelegen, Denn einen Bio-Hof wollten sie sich immer schon erstreben.

Den Traktor kaufen können sie sich nun, Was mit dem Geld, das übrig ist, tun? Den Rest, den geben sie zur Spende, Und leben glücklich bis an ihr Ende.

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