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Mutmaßlich unschuldig: Wie Straftäter auf der Anklagebank verdecken die Kinder von der Garchinger Grundschule West ihr Gesicht. Besinnliche Adventsstimmung fürs Familienalbum verströmt das Bild eher nicht.

Kuriose Fotos aus Garching und Pullach

„Da hört’s auf! Kann man nicht ernst nehmen“ - Schulkinder müssen sich vor der Kamera verstecken

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Seit Inkrafttreten der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) regiert an mancher Landkreis-Schule die Angst vor der Fotokamera. Sogar Bayerns oberster Datenschützer kann da nur den Kopf schütteln.

Landkreis – Ein Bub verschwindet komplett hinter einem Nikolaus-Sack, den er vor sich hält. Der zweite hat die Krampus-Rute vorm Gesicht, zwei Mitschüler eine Zeichnung vom Nikolaus und der Fünfte im Bunde verbirgt sich hinter einem Tannenzweig. Dann macht die Kamera Klick, und das Foto vom sicher reizenden Nikolaus-Auftritt der Grundschule Garching-West im Seniorenheim geht übers Rathaus in den Presseverteiler. Alle Buben – oder Mädchen? – auf dem Foto wurden schön unkenntlich.

Datenschutz-Panik an den Schulen

Augen zu und durch: Mit diesem Foto dokumentierte das Pullacher Rupert-Mayer-Gymnasium eine Projektarbeit.

Knecht Ruprecht oder die gruseligsten Perchten, sie schrecken keinen mehr. Aber die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) verbreitet eine Panik, die den Bayerischen Datenschutzbeauftragten Thomas Petri an den Rand der Verzweiflung treibt. „Die Leute bekommen Angst vor einem Rechtsakt, der sie schützen soll“, sagt Petri. „Skurril“ findet er Auswüchse wie diesen Fall in Garching. Und der steht exemplarisch für den Umgang von Schulen und Kindergärten mit dem Thema Schutz der Persönlichkeitsrechte. Auch andernorts geistert die Angst davor, Gesicht zu zeigen, durch die Aulas und Klassenzimmer – wie in Pullach, wo Schüler des Pater-Rupert-Mayer-Gymnasiums für ein Foto von einer Projektarbeit die Hände und Arme vors Gesicht schlagen, als stünde der Leibhaftige vor ihnen.

Durch die DSGVO hat sich für die Schulen nichts Grundsätzliches geändert

Es stimmt schon, Schulen und Kindergärten haben eine besondere Fürsorgepflicht. Aber mit Inkrafttreten der DSGVO vor zwei Jahren hat sich in diesem Bereich nichts Grundsätzliches geändert, das bestätigt auf Anfrage des Münchner Merkurder Landesdatenschutzbeauftragte Petri. Die bewährte Vorgehensweise ist dieselbe wie vor Inkrafttreten der DSGVO: Eltern bekommen zu Beginn des Schul- oder Kindergartenjahres eine Einwilligungserklärung überreicht, in der festgelegt wird, unter welchen Voraussetzungen Fotoaufnahmen der Kinder und Namensnennungen zulässig sind; auch für Presseveröffentlichungen.

Bayerns Datenschutzbeauftragter Thomas Petri

Möglich mit dem Hinweis, dass keine Veröffentlichung online und in sozialen Medien erlaubt wird. Wer unterschreibt, dessen Kind darf aufs Foto – und muss sich keinen Sack vors Gesicht halten oder sonstige Verrenkungen veranstalten. „Mit so einer Einwilligungserklärung erspart man sich viel Ärger“, sagt Thomas Petri.

DSGVO-Panik vor dem Bußgeld

Er weiß, dass viele Angst haben vor Bußgeldandrohungen. „Das macht die Menschen verrückt.“ Aber worum es eigentlich geht, macht er an einem Beispiel deutlich: In einer Klinik in Portugal gibt es knapp 300 Ärzte, aber rund 1000 Personen haben Zugriffsrechte auf sensible Patientendaten, stellt die Datenschutzbehörde fest. Sie brummt der Klinik 400 000 Euro Bußgeld auf. „Aber das trifft doch nicht den normalen Kindergarten, der vom Nikolausfest berichtet. Da hört’s auf. Das kann man doch nicht ernst nehmen.“

Typisch deutsch?

Vielleicht liegt es auch an der deutschen Mentalität, spekuliert Petri. In Österreich noch, aber nirgendwo sonst in Europa gebe es so „skurrile Auswüchse“ um die Datenschutzgrundverordnung. So dass ernsthaft überlegt wird, ob Namen an Klingelschildern gegen den Datenschutz verstoßen, Kunden beim Metzger nicht mehr mit Namen angesprochen werden wollen und Schulen und Kindergärten für Pressefotos nur noch Gruppenbilder von Hinterköpfen versenden. Oder Kinder sich einen Tannenzweig vors Gesicht halten.

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