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Mit einem Spezialgerät, dem Kipp-Tester, prüfen die Steinmetze Michael Senn (links) und Florian Peteranderl die Standfestigkeit von Grabsteinen auf dem Garchinger Friedhof.

Wackelkandidaten

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600 Grabmale gibt es auf dem Garchinger Friedhof. Steine und Steinkreuze. Sie alle überprüfen die beiden Steinmetze Michael Senn und Florian Peteranderl. Einmal im Jahr.

Garching – Das Gerät sieht aus wie eine Sprühdose mit Henkeln; in einem Science-Fiction-Film würde es auch als geheimnisvolle Waffe von Außerirdischen durchgehen – wäre da nicht der Schriftzug „Kipp-Tester“. Dieses Gerät presst Florian Peteranderl gerade gegen ein steinernes Kreuz auf dem Garchinger Friedhof, nur um es im nächsten Augenblick mit einem erstaunten „Oha!“ zurückzuziehen. Denn: Das Kreuz hat dem Druck nicht standgehalten und ist leicht nach vorne gekippt.

„Da haben wir was“, ruft Florian Peteranderl seinem Kompagnon Michael Senn zu. Die beiden Steinmetze betreiben zusammen eine Werkstatt in Hochbrück und sind heute zu ihrer jährlichen Visite auf den städtischen Friedhof in Garching gekommen. Im Auftrag der Kommune überprüfen sie alle rund 600 Grabsteine und Steinkreuze auf deren Standfestigkeit; dazu ist der Friedhofsbetreiber per Gesetz einmal im Jahr verpflichtet.

Von einem „Rütteltest“ ist dann oft abschätzig die Rede, und von der typisch deutschen Bürokratie, die nicht mal Grabsteine in Frieden lasse. Dabei hat die Überprüfung, die vielerorts noch händisch, immer häufiger aber mit Geräten wie dem Kipp-Tester ausgeführt wird, einen ernsten Hintergrund. Denn immer wieder kommt es auf Friedhöfen zu Unfällen mit den mehreren hundert Kilo schweren Platten. So wurden 2003 und 2008 zwei Kinder von Grabsteinen erschlagen, vor vier Jahren ein Mann in Memmingen schwer verletzt. Auch er selbst kenne einen Steinmetz-Lehrling, der unter eine Platte gekommen sei, sagt Florian Peteranderl. „Der hat sich dabei das Becken gebrochen.“

Auch das wacklige Steinkreuz im Garchinger Friedhof birgt eine Gefahr, weshalb der Steinmetz einen gelben Aufkleber hervorkramt – „Vorsicht Unfallgefahr!“ steht da in fetten Lettern. Dazu macht Astrid Erath ein Foto und notiert sich den Namen des Verstorbenen. Sie ist im Garchinger Rathaus für den Friedhof zuständig und wird dem betreffenden „Nutzungsberechtigten der Grabstätte“, so heißt das offiziell, einen Brief schicken. „Da steht dann eine Frist drin, bis wann er den Stein wieder befestigt haben muss“, sagt Astrid Erath.

Derweil sind Florian Peteranderl und Michael Senn weiter gezogen. Grabstein für Grabstein prüfen sie mit dem Kipp-Tester, drücken das Gerät allein oder zu zweit gegen den Stein – bis ein Piepen ertönt. Das bedeutet: Das Grabmal steht stabil und hält den vorgeschriebenen Seitendruck aus – 50 Kilo bei Steinen mit einer Höhe über 1,30 Meter, 35 Kilo bei kleineren. Vor allem schmale Grabsteine auf Sockeln seien gefährdet, sagt Peteranderl, besonders nach einem Winter mit wechselhaften Temperaturen. Der Grund ist der Schnee, der auf dem Sockel liegen bleibt, schmilzt und wieder gefriert und so die Mörtelfuge angreift, erklärt der Steinmetz.

Es habe Jahre gegeben, in denen sie fast ein Dutzend Grabmäler mit Aufklebern versehen mussten, sagt Peteranderl. Heuer dagegen bleibt das steinerne Kreuz der einzige Wackelkandidat. Und wenige Tage später berichtet Astrid Erath: Die zuständige Nutzungsberechtigte sei auf das Schreiben hin umgehend im Rathaus erschienen. „Und sie hat mir gesagt, dass sie ihren Steinmetz schon mit dem Herrichten beauftragt hat.“

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