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Lisa Bierbrauer vom 25hours Hotel im Café im Erdgeschoss.

München 2040 - Die Stadt der Zukunft

Unser Großstadtleben in München wird ein Erlebnis

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Wo wird München 2040 stehen? In unserer Serie beleuchten wir diesmal die Frage, wie wir unsere Freizeit einmal verbringen werden. Einkaufen in der Innenstadt und Essengehen werden immer mehr zu Events werden, sagen Kenner.

Der neue Restaurant-Renner heißt Neni

Bisher liegt es etwas versteckt nur ein paar Schritte vom Hauptbahnhof entfernt. Das im November eröffnete Restaurant Neni im neuen 25hours Hotel. Und doch ist das Lokal mit israelischer Weltküche gerade schwer angesagt. „Das Neni ist derzeit rund eine Woche im voraus für abends ausreserviert, an den Wochenenden sind es sogar zwei Wochen“, sagt Lisa Bierbrauer (30) vom Hotel.

Das Erfolgsrezept: „Im Neni bestellen die Gäste die Speisen in die Mitte des Tisches – und teilen dann“, sagt Bierbrauer. Zum Beispiel eine Hummus-Platte mit Pitabrot (7 Euro) oder einen Salat mit Datteln, Nüssen und Griechischem Joghurt (14 Euro). „Das ist eine sehr kommunikative Art des Essens. Und auch ein Erlebnis.“ Und genau das ist der große Trend in der Gastronomie (siehe Interview unten). „Essen ist mittlerweile ein Stück Urlaub“, sagt Bierbrauer. Doch das Erlebnis endet auch für Nicht-Hotelgäste nicht in der Neni-Kette, die ausgehend vom Wiener Naschmarkt ihren Siegeszug in bis jetzt sechs Städte angetreten hat.

„Das ganze Hotel soll auch für die Münchner da sein“, sagt Bierbrauer. Die können sich etwa im ans Neni angeschlossenen Café einen Snack holen, in der Hotel-Bibliothek mit dem Laptop arbeiten – oder in der The Boilerman Bar einen Drink schlürfen. Und wer in der Mittagspause Lust auf einen Snack hat, holt sich einen Burger im dazugehörenden Burger-de-Ville-Kiosk in der Schützenstraße.

Christine Schäfer (28) von der Schweizer Denkfabrik Gottlieb Duttweiler Institut.

Nahrungsexpertin Christine Schäfer: „Essen ist die neue Musik“

Christine Schäfer (28) von der Schweizer Denkfabrik Gottlieb Duttweiler Institut ist eine von drei Autoren des ­European Food Trends Report. Im Interview erklärt sie warum Essen sich vom zeitlich begrenzten sozialen Akt immer mehr zum identitätsbildenden Erlebnis entwickelt.

Frau Schäfer, „Du bist, was du isst“. Gilt der Grundsatz heute mehr als je zuvor?

Schäfer: Das würde ich unterschreiben. Während der Studie haben wir festgestellt, wie sehr Essen unser ganzes Leben durchdringt. Essen wird immer mehr zum Lifestyle und ein wichtiger Identitätsfaktor für die Menschen. Es hat damit eine Rolle inne, die einst die Musik hatte. Menschen identifizierten sich früher über Musikstile, Musik hatte eine größere politische Komponente. Heute löst das Speisen die ­Musik als Faktor der Identifizierung ab.

Wie wird sich das im Erscheinungsbild von Städten wie München zeigen?

Erste Anzeichen sind schon sichtbar. Nehmen wir beispielsweise das Eataly in der Schrannenhalle beim Viktualienmarkt. Das ist schon fast ein Tempel für italienische Esskultur.  Das wird seit dem Herbst vergangenen Jahres noch getoppt durch das Fico Eataly World in Bologna. Das ist eine Art Disneyland des italienischen Essens. Solche Genuss-Tempel wird es in Zukunft wohl vermehrt geben, denn Restaurants müssen sich den neuen Erlebnis-Bedürfnissen ihrer Kunden anpassen. Der Münchner wird sich zukünftig immer mehr überlegen, ob er nicht die Bequemlichkeit von Lieferketten durchbrechen und stattdessen in eines dieser Restaurants gehen will. Dafür muss ihm ein Erlebnis geboten werden, das er zu Hause nicht nachstellen kann.

Hört sich spannend, aber auch anstrengend an. Essen als reine Nahrungsaufnahme wird es nicht mehr geben?

Zu jedem Trend gibt es auch Gegen-Trends. Es wird wohl auch Fast Food wie einen Cheeseburger weiter zu kaufen geben. Auffällig ist aber, dass bekannte Ketten wie Mc Donald’s derzeit kräftig ins Image investieren. Sie wollen gemütlicher, hochwertiger wirken und das Bedürfnis nach gesunder Nahrung besser erfüllen.

Muss der Münchner langsam Servus zu Weißwurst und Brezn sagen?

Nein, die Weißwurst und die Brezn gehören fest zu München –und werden auch nicht verschwinden. Auch eine Mass Weißbier wird zukünftig hier noch getrunken werden. Es gibt auch den Trend des Besinnens auf Regionales und Lokales. Eine wichtige Rolle dabei spielen wird die Frage, wie und wo Lebensmittel produziert werden.

So überleben kleine Kinos

Sie haben das drittälteste Kino Münchens vor dem Tod bewahrt: Das Team um Anne Harder (33) betreibt das ehemalige „Maxim“ in Neuhausen seit dem Herbst 2016 als „Neues Maxim“. Im Persönlichen, Familiären müsse der Ansatz für die Zukunft kleiner Kinos liegen, glaubt die Geschäftsführerin. Multiplex-Kinos sehe sie nicht als riesige Konkurrenz. „Die zeigen ganz andere Filme als wir. ‚Star Wars‘ würde sich bei uns etwa alleine von den Verleih-Gebühren nicht lohnen.“ Sie setzten eher auf kleinere Filme, so Harder.

Wollen zukünftig im Kino auch Serien zeigen: Anne Harder (l.) und Martina Dobrusky vom „Neuen Maxim“.

Außerdem auf Zusatz-Angebote wie Kasperl-Vorführungen. Die soziale Komponente des Kinos habe man beim Seriengucken alleine zuhause nicht. Trotzdem seien Serien derzeit sehr beliebt. Weswegen das Maxim überlegt, etwa die Sky/ARD-Produktion „Babylon Berlin“ ins Programm zu nehmen. „Da sind wir im Gespräch.“ Die Idee: Auf der Website soll ab dem Sommer eine Funktion eingebaut werden, bei der Leser das Programm mitbestimmen können. „Die Filme oder Serien, für die die meisten Tickets verbindlich angefragt werden, werden gezeigt.“

Innenstadt ist gerüstet

Die City hat für die Zukunft gute Karten, zumindest wenn es nach Wolfgang Fischer von den Innenstadtkaufleuten geht. Denn es gebe attraktive Geschäfte, verbunden mit einem breiten Angebot an Gastronomie und Kultur. Auch städtebaulich spiele die Münchner Innenstadt ganz oben mit. „Denn acht Stunden ausschließlich einkaufen gehen mag auch keiner.“

Verbesserungswürdig sei jedoch die Erreichbarkeit. Bei S- und U-Bahn gebe es immer wieder Probleme, zudem gebe es viele Baustellen. „Wenn man dazu in Zukunft gar nicht mehr mit dem Auto in die Stadt fahren darf, wäre das für die Innenstadt eine Katastrophe.“

Denn es gebe nun mal auch viele Kunden aus Salzburg oder Zürich, die spezialisierte Geschäfte in der Stadt aufsuchen. „Und diese Menschen kommen mit dem Auto.“ Allgemein werden vor allem diejenigen Läden überleben können, die zur Erlebnisorientierung gehen, so Fischer. Viele alteingesessene Geschäfte hätten schon jetzt nach dem Motto umgebaut.

„Ein zukünftiges Autoverbot wäre eine Katastrophe für die Münchner Innenstadt“, sagt Wolfgang Fischer von der Initiative City Partner

So kann der Kunde im Einrichtungsgeschäft schon jetzt auch ins Café gehen, im Haushaltswarenladen einen Kochkurs belegen oder im Sportgeschäft seine Regenjacke live unter Regen testen. „Auch der große FC-Bayern-Shop, der am Dom entstehen soll, geht in diese Richtung.“

Der Internethandel sei zwar eine Konkurrenz, die Aufregung darüber habe sich aber gelegt. „Viele Händler haben nachgerüstet und betreiben eigene Online-Shops.“ Stark nachgefragt seien die Click & Reserve- oder Click & Collect-Verfahren: Hier kann sich der Kunde im Internet einen Artikel reservieren und zum Anschauen ins Geschäft schicken lassen – oder er kauft ihn im Internet und holt ihn im Laden ab.

Weiterer Trend: Immer mehr originäre Online-Händler machen noch Offline-Läden auf. Beispiel: der Online-Einrichter Ambientedirect. Er hatte rund zehn Jahre lang ein kleines Geschäft in der Zielstattstraße betrieben, im Mai eröffnet er einen 3000-Quadratmeter-Laden am Lenbachplatz. Fischer sagt: „Der stationäre Handel hat in attraktiven Städten wie München eine große Zukunft.“ Schwieriger werde es dagegen für kleinere Städte im Umland mit weniger Auswahl werden.

Was die Ladenöffnungszeiten angeht, hofft Fischer auf den neuen Ministerpräsidenten Markus Söder. „Es geht nicht darum, jeden Sonntag öffnen zu können. Aber den Händlern muss mehr Flexibilität erlaubt werden – etwa um Stammkunden zu Events außerhalb der üblichen Öffnungszeiten einzuladen.“

So bereitet sich ein Traditionshaus vor

Stolz steht Frank Troch (56) vor der neuesten Errungenschaft des größten Männermodehauses der Welt. Eine Ecke mit Parfüms, Duschgels und Seifen für den Mann von heute. Es soll nur der Anfang sein – hin zu einem Marktplatz für verschiedene Männer-Lifestyle-Produkte, so der Hirmer-Geschäftsführer. Vorzugsweise von lokalen Partnern. „Viele unserer Kunden wollen nicht mehr nur einen Anzug kaufen, sondern gleich mehrere Dinge gleichzeitig bei uns erledigen.“

Hirmer-Geschäftsführer Frank Troch möchte das Traditionshaus zu einem Marktplatz für Männer-Lifestyle-Produkte machen. Aktuell neu gibt es eine Parfüm-Ecke.

Bekleidung werde zwar weiterhin die Kernkompetenz bleiben, aber sinnvoll ergänzt werden. Das Unternehmen mit über 100-jähriger Geschichte sieht einen Faktor als entscheidend für die Zukunft an: Zeit. „Zeit kannst du dir mit Geld nicht kaufen, sie ist wichtiger als Rabatt.“ Der Kunde wolle sichergehen, dass er im Geschäft passgenau beraten werde und dass die Ware vorrätig sei. „Deshalb funktioniert auch das Click & Reserve-Verfahren in unserem Onlineshop so gut“, sagt Troch. Hier suchen sich Kunden etwa einen bestimmten Anzug in ihrer Größe aus und lassen ihn dann zum Anprobieren in den Laden liefern.

Auch wenn Hirmer einen Onlineshop betreibt – der große Teil des Umsatzes wird nach wie vor direkt im 9000 Quadratmeter großen Laden gemacht. Troch glaubt, dass das auch so bleiben wird. „Aber wir müssen alle flexibler werden, über mehrere Kanäle zu kommunizieren – zum Beispiel Facebook, Instagram oder WhatsApp.“ Seit ein paar Jahren gibt es etwa einen WhatsApp-Kanal, über den Kunden Verkäufern des Hauses Fragen stellen können.

Tasse zum Selbstdrucken

Auf den ersten Blick erinnert die Wundermaschine an eine Mikrowelle. Auf einer Glasplatte trägt der 3D-Drucker flüssiges Plastik gleich Schicht für Schicht so auf, bis sie entsteht: Unsere Tasse.

In der Industrie hat 3D-Druck seinen Siegeszug schon angetreten. Doch wird der Münchner sich auch im Privaten seine Alltagsgegenstände einfach selbst ausdrucken? Zukunftsforscher Robert Gaßner (57) glaubt, dass sich die private Nutzung des 3D-Drucks ähnlich wie das private „normale“ Kopieren entwickeln wird. „Das heißt, im Privathaushalt werden meist nur kleine, preiswerte Modelle mit eingeschränkter Funktionalität stehen.“ Für aufwendigere Vorhaben werde man in ein „Fab Lab“ gehen.

Eperte Moritz Neuberger erstellt unsere Tasse an einem der 3D-Drucker der MakerSpace-Werkstatt.

Ein solches existiert schon bei der UnternehmerTUM in Garching unter dem Namen „MakerSpace“. Der ist eine öffentlich zugängliche Hightech-Werkstatt: Gegen eine Gebühr kann jeder die dortigen 3D-Drucker und mehr als 100 weitere Maschinen und Werkzeuge benutzen.

Bei unserer Tasse helfen wird uns Moritz Neuberger (25). Rund drei Stunden wird es dauern, bis wir das fertige Produkt in unseren Händen halten. Wir erstellen die Tasse mit einem 3D-Drucker, wie er mittlerweile auch für zuhause erhältlich ist (dieses Modell ab 2200 Euro). Damit der Drucker überhaupt weiß, was er drucken muss, designen wir die Tasse zunächst mit einem Programm am Computer. Die Tasse dürfte, Materialkosten und Kosten für den Arbeitsplatz heruntergerechnet, am Ende so um die 20 Euro kosten, sagt Neuberger.

„Diese Art von 3D-Druck wird sich am ehesten für den Hausgebrauch durchsetzen“, glaubt er. Allerdings eher als Spielzeug für Tüftler. Denn eine wirklich funktionstüchtige Tasse ergibt der Drucker nicht. Damit der Henkel entstehen kann, bringt der Drucker etwa unter diesem eine Plastik-Stütze an. Die muss Neuberger nach dem Druck per Hand wegfeilen. Die Tassen-Oberfläche bleibt rau. Auch etwas ungünstig: Trinken dürfte man aus dieser Art Plastik nicht. „Da müssten wir einen lebensmitteltauglichen Kunststoff dafür nehmen.“

Es gibt auch genauere 3D-Druck-Verfahren. Die sind derzeit für den Hausgebrauch aber noch zu teuer. Um die 100.000 Euro kostet etwa die Anschaffung des Riesen-Druckers, den uns Neuberger zum Abschluss zeigt. Neuberger könnte sich vorstellen, dass sich Hausgemeinschaften ein Mittelklasse-3D-Drucker-Modell in 20 Jahren zusammen anschaffen. Und dann Ersatzteile selbst drucken: Etwa für die Waschmaschine.

Die Technik soll helfen

Spontan einen Tisch in einem angesagten Münchner Restaurant bekommen? Häufig unmöglich! Der Reservierungs-Zwang wiederum führt zu Frust. Die Gründer der Cotidiano-Lokale, Theodor Ackbarow (35) und André Köpping (40), erlauben schon jetzt keine Reservierungen am Wochenende und an Feiertagen. Außerdem wollen sie 2019 einen neuen Online-Service anbieten: Gäste sollen live sehen, wie lange sie auf einen Tisch warten müssten. Dem Gast kann vorgeschlagen werden, in einer Stunde zu kommen, wenn es nicht mehr so voll ist.

Die Gründer der Cotidiano-Lokale, Theodor Ackbarow (35, links) und André Köpping (40).

Lesen Sie auch die bisherigen Folgen der Serie:

Dieter Reiter im Interview über Pendler, Mietpreise und Rentner
Wie die MVG den drohenden Verkehrskollaps verhindern will
München und der Wohnungsbau: Der Kampf gegen die Windmühlen
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Schnellwege, Transporträder und E-Bikes: So radelt München in die Zukunft

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