Kettenraucher auf dem Fernsehturm, Anfang der 70er: Roth Händle ohne Filter und Gauloises hat Herbert Becke geraucht, seit er 14 war. An seinem 26. Geburtstag hat er dann auf einen Schlag aufgehört. 
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Kettenraucher auf dem Fernsehturm, Anfang der 70er: Roth Händle ohne Filter und Gauloises hat Herbert Becke geraucht, seit er 14 war. An seinem 26. Geburtstag hat er dann auf einen Schlag aufgehört. 
Als Karl Valentin: Herbert Becke 1967/68 mit Anita Hundsberger als Firmling und Hannes Giesen. 
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Als Karl Valentin: Herbert Becke 1967/68 mit Anita Hundsberger als Firmling und Hannes Giesen. 
Mit Bundesverdienstkreuz: Herbert Becke mit seiner Frau Helma im Kultusministerium. Im Hintergrund die Frauenkirche. Den Orden versteht er als späte Genugtuung – vor allem für seine Mutter Emmy. F
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Mit Bundesverdienstkreuz: Herbert Becke mit seiner Frau Helma im Kultusministerium. Im Hintergrund die Frauenkirche. Den Orden versteht er als späte Genugtuung – vor allem für seine Mutter Emmy. 

Serie: Die 68er

Süße Rache für einen Aussätzigen

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1968 war mehr als ein Jahr. Die linke Studenten-Bewegung hat zu sozialen Veränderungen geführt, die bis heute nachwirken: Gleichheit von Mann und Frau und Bekenntnisse zu Homosexualität: Das sind auch die Verdienste der 68er. Zum 50. Jubiläum erzählt der Münchner Merkur, wie Mitglieder der 68er-Generation die prägende Zeit erlebt haben. Heute: Herbert Becke aus Garching.

Garching – Ein katholischer Pfarrer vom Harthof hat Jesus Christus von seinen Schäfchen noch einmal ans Kreuz schlagen lassen, fast zweitausend Jahre nach dem ersten Opfertod des Messias; als Ketzer, weil die Lehre des Heilands nicht mit der Realität der katholischen Kirche harmonierte. 1967 oder ’68 war es, als Herbert Becke als Teenager mit diesem Theaterstück einen gar nicht so kleinen Skandal ausgelöst hat.

Mit seiner Laientruppe hatte er das Stück geschrieben, für eine Weihnachtstournee durch Münchner Freizeitheime, die sich ein Valentin-Stückl erwartet hatten. Es blieb bei der Premiere. „Der Jugendring hat alle Auftritte abgesagt, wir bekamen Hausverbot in allen Münchner Freizeitheimen – und die Heimleitung wurde fristlos entlassen.“ So erinnert sich der heute 68-Jährigean diese Aufführung. Für ihn ein politisches Schlüsselerlebnis. Der naiv-respektlose Bub aus dem Glasscherbenviertel wurde zum „wilden Jungsozialisten“. Eine 68er-Karriere, die auch Herbert Becke auf dem Marsch durch die Institutionen ins geachtete Bildungsbürgertum geführt hat – und vom Münchner Harthof nach Garching.

„Unehelich“: Mutter und Bub erleben nur Ausgrenzung

Damals auf der Bühne hätte der Becke Herbert das mit der Triebfeder seiner Politisierung noch nicht so formulieren können: „Mein Motiv ist meine Ausgrenzung aus der Gesellschaft, schon als Bub.“ Am 7. Februar 1950 ist Herbert Becke in München zur Welt gekommen, geboren von einer „ledigen Mutter“. Ein uneheliches Kind, „Bankert“ hieß das in Bayern verächtlich. „Und dazu noch evangelisch“, sagt Becke. Tiefer konnte man nicht sinken.

Der Bub kam sofort in ein Waisenhaus, dann zu einer Pflegemutter auf einen Hof in Grüntegernbach im östlichen Landkreis Erding. Als er drei war, holt ihn seine Mutter Emmy zu sich. Da im kriegszerstörten München Wohnungen fehlten, lebten Mutter und Kind bis 1956 in Dorfen, gleich ums Eck von Grüntegernbach; in einem Zimmer, zur Untermiete bei einem Alkoholiker. „Heute ist Dorfen ja weltoffen“, sagt Becke. „Aber damals – das kann man sich nicht mehr vorstellen. Da gab’s nur Druck, Ausgrenzung, Ablehnung.“ In einem stockkonservativen, erzkatholischen Umfeld; nach außen sittenstreng, dahinter blüht die Doppelmoral. „Wir waren Aussätzige, sowohl die Mama wie der Bub.“

Gymnasialdirektor will keine Kinder vom Harthof

Im Oktober 1956 der Umzug in eine Sozialwohnung am Harthof – „damals das Glasscherbenviertel von München“ – eineinhalb Zimmer mit Dachschräge. Der Bub will raus aus der Enge. 1960, so erinnert sich Herbert Becke, habe er mit zwei Spezln als erste Kinder aus dem Viertel die Aufnahmeprüfung für die „Gisela Oberrealschule“ am Elisabethplatz in Schwabing bestanden; das entsprach damals dem Gymnasium. Die Begrüßung durch den Schulleiter klingt Becke noch 58 Jahre später in den Ohren. Der habe die drei Buben in der Aula vor versammelter Schülerschaft vortreten lassen und ihnen verkündet: „Ihr drei kommt’s vom Harthof. Wir haben noch nie Kinder vom Harthof gehabt – und wir werden keine Kinder vom Harthof haben. Und an Weihnachten seid ihr wieder da, wo ihr hingehört.“ Und so kam es. Zurück auf die Volksschule. „Aus der Schwabinger Sicht waren wir sozial und kulturell nicht geeignet.“ Mit dem Latein hat es wohl auch gehapert.

Als Karl Valentin auf der Bühne

Erfolgserlebnisse holte sich Becke auf der Bühne. 1966 gründete er die „Valentinadenbühne“, war Impressario von zehn Jugendlichen im Alter von 15 bis 18 Jahren und Hauptdarsteller in der Rolle des Karl Valentin. Nach ihrem Kreuzigungs-Theaterskandal sind die naiven jungen Revoluzzer zum Vater eines Mitspielers gegangen. Der war SPD-Stadtrat – und hat einige zum Parteieintritt bewegt, darunter Herbert Becke. „Damals hat die SPD meine revolutionären Gelüste befriedigt.“ Mit 22 Jahren war er Vorsitzender des Bezirksausschusses 27 „Milbertshofen-Hart-Schwabing-Nord“. Da hat er, nach einer Lehre in der Thurn- und Taxis-Bank, schon studiert, Sozialpädagogik an der Fachhochschule. Und später in 33 Jahren als Leiter der „Volkshochschule im Norden des Landkreises München“ seine VHS zur zweitgrößten Erwachsenenbildungseinrichtung in Oberbayern gemacht. Er, der Bub vom Harthof.

„Alt-68er“ ein Ehrentitel

Die Bezeichnung „Alt-68er“ empfindet Becke als Ehrentitel. „Die Leistung dieser Generation ist gar nicht hoch genug einzuschätzen“, sagt er. „Das waren doch nicht nur randalierende Studenten.“ 68 stehe für einen Aufbruch in allen gesellschaftlichen Feldern; von der Auflehnung gegen die Kriegsgeneration über das Verhältnis zwischen Mann und Frau und die Kindererziehung bis zur Öffnung von Bildungswegen. Und Alleinerziehende, wie seine Mutter Emmy es war, sind heute keine Aussätzigen mehr.

Bundesverdienstkreuz eine Genugtuung - vor allem für die Mama

Für seine Lebensleistung hat Herbert Becke das Bundesverdienstkreuz erhalten. Er ist nicht stolz darauf, viele hätten mehr geleistet für diese Gesellschaft. „Aber ich spüre eine gewisse Genugtuung“, sagt er. Denn als er im Büro von Minister Ludwig Spaenle stand, da habe er durchs Fenster aufs Münchner Rathaus geschaut. Und daran gedacht, dass dort im Jahre 1960 der CSU-Schulstadtrat seine Mutter, die ihren Herbert doch noch auf eine höhere Schule bringen wollte, aus seinem Amtszimmer habe entfernen lassen, als er erfuhr, dass sie ledig war. Und diesem Grund des Anstoßes, dem Bankert, noch dazu evangelisch, musste jetzt ein CSU-Minister das Bundesverdienstkreuz anheften. Und schuld daran ist 68.

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