Die Volkshochschulen kämpfen ums Überleben
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Die Volkshochschulen kämpfen ums Überleben

Einigen droht die Pleite

„Wir werden hängen gelassen“: Volkshochschulen wollen wieder aufmachen

  • Doris Richter
    vonDoris Richter
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Die Volkshochschulen im Landkreis München müssen weiter geschlossen bleiben. Für viele geht das an die Substanz.

Landkreis – Die Geschäfte sind offen, die Biergärten ebenso, die ersten Schüler sind wieder in der Schule und in der bayerischen Staatsregierung denkt man über weitere Lockerungen in der Corona-Krise nach – doch wie es dabei an den Volkshochschulen im Landkreis weitergeht, ist nach wie vor unklar. „Mit keinem Wort wurden wir bisher erwähnt“, sagt Silvia Engelhardt, Leiterin der Volkshochschule Taufkirchen. „Leicht angesäuert“ sei sie deshalb schon. „Es geht immer nur um die kommerzielle Seite, aber die Institutionen für das gesellschaftliche Leben spielen anscheinend keine Rolle.“

Lob zum Hundertjährigen - ignoriert in der Corona-Krise

Erst im vergangenen Jahr war groß das 100-jährige Bestehen der Volkshochschulen gefeiert worden. Politiker wurden nicht müde, ihre große Bedeutung für die Erwachsenenbildung zu loben. Doch in der Krise hat Bildungsminister Michael Piazolo, in dessen Zuständigkeit die Volkshochschulen liegen, noch kein Wort über sie verloren. „Uns fehlt komplett die Perspektive“, sagt Silvia Engelhardt. Dabei habe man alle Entscheidungen mitgetragen. „Die Schließung haben wir absolut verstanden.“

Silvia Engelhardt Leiterin der VHS Taufkirchen

Mittlerweile sei aber nicht mehr vermittelbar, warum „man im Biergarten sitzen darf, aber nicht in einem Kurs der Volkshochschule“. Ein entsprechendes Hygienekonzept steht. Engelhardt und ihr Team waren die vergangenen Wochen alles andere als untätig. Die Räume wurden vermessen, Konzepte ausgetüftelt, wie Kurse in kleinerem Rahmen stattfinden können. „Man könnte zum Beispiel einen Malkurs auf zwei Räume verteilen, um den notwendigen Abstand einzuhalten“, so Engelhardt.

Ausbau im Online-Bereich mit großem Aufwand

Nebenbei wurde der Online-Bereich der VHS enorm ausgebaut. Viele Vorträge, vor allem im Rahmen des Studium generale laufen nun übers Internet und werden von den Nutzern gut angenommen. Gut klappt das auch bei den Sprachkursen und im Gesundheitsbereich etwa mit Yoga und Pilates. Doch in dem „Digitalisierungsschub“, wie es Silvia Engelhardt nennt, steckt auch viel Arbeit. Die Aufbereitung von Material und Kursinhalten fürs Internet ist wesentlich aufwendiger, Teilnehmer und zum Teil auch Dozenten müssen in die Technik eingewiesen werden.

Und dann ist da natürlich noch die schwierige finanzielle Lage. Etwa zwei Drittel der Kursgebühren werden laut Engelhardt heuer wohl in der Kasse fehlen. Und auch 2021 rechnet sie mit einem schwierigen Jahr. „Aber wir wollen jetzt nicht den Kopf in den Sand stecken.“ Die Planungen laufen derzeit zweigleisig – für Kurse online und für kleinere Gruppen in den Räumen der VHS. Engelhardt sagt: „Wir stehen in den Startlöchern.“

Lothar Stetz, Direktor der VHS Nord.

Auf den baldigen Startschuss hofft auch Lothar Stetz, Direktor der Volkshochschulen im Norden des Landkreises München. „Ich bin fassungslos, dass es da im Kultusministerium immer noch keine Optionen für uns gibt.“ Immerhin gehe es bei den Volkshochschulen um Erwachsenenbildung. Und bei Erwachsenen sei es einfacher, Hygieneregeln umzusetzen als bei Kindern. Auch die Volkshochschulen im Norden sind gewappnet. Räume wurden umgestaltet, um Abstände einzuhalten. Ein Hygienekonzept entwickelt. Und „viel in den Online-Bereich investiert“. Rund 200 Online-Angebote gibt es mittlerweile. In sieben Studios wird produziert.

Sorge um Dozenten mit Verdienstausfall

Doch statt echter Bezahlangebote geht es noch immer mehr darum, „die Unterbrechung zu moderieren“ , so Stetz. Gleichzeitig laufen die Personal- und Betriebskosten weiter. „Es gibt Berichte, wonach die ersten Volkshochschulen schon vor der Insolvenz stehen“, sagt Stetz. Prekär sei auch die Situation für viele der Dozenten. „Einige leben komplett von ihrer Arbeit an der VHS, für andere ist es ein wichtiges Zusatzeinkommen“, sagt der Nord-VHS-Chef. Auch Silvia Engelhardt weiß, dass viele freiberufliche Dozenten bereits Grundsicherung beantragt haben. Wie Stetz prangert sie an, dass es kaum Unterstützung für diese Menschen gebe. „Bei den Volkshochschulen geht es auch um mittelständische Unternehmen, um viele Arbeitsplätze“, so Stetz. Umso mehr ärgert es ihn, „dass wir so hängen gelassen werden“.

Im Landtag ist das Thema bereits angekommen. Fachpolitiker von CSU, Grünen, SPD, Freien Wählern und FDP wandten sich vergangene Woche in einem Schreiben an Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und forderten ein Rahmenkonzept, wie die Lehrveranstaltungen wieder starten können. Die Förderung der Erwachsenenbildung müsse stabil bleiben, trotz sinkenden Angebots, und in Folgejahren eher steigen, heißt es in dem Schreiben. Für die Träger soll es einen Rettungsschirm geben, dazu ein Hilfsprogramm für die vom Verdienstausfall betroffenen Dozenten.

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