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Kilometer 130,300: An dieser Stelle leitet die TU das Reaktor-Abwasser in die Isar.

Grüne: „Unsere Isar ist nicht das Atomklo der TU“

TU verrät: So schädlich ist das radioaktive Abwasser in der Isar wirklich

  • vonAndreas Sachse
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Die Technische Universität München will weiterhin radioaktives Abwasser aus dem Forschungsreaktor in die Isar leiten. Eine Sprecherin erklärt, wie schädliche das Wasser ist.

Garching – Es passiert bei Kilometer 130,300. An diesem Ort, 300 Meter vom Uni-Campus in Garching entfernt, erreicht der Abwasserkanal die Isar. Seit 20 Jahren fließt hier radioaktives Wasser aus dem Forschungsreaktor FRM II in den Fluss. Die Technische Universität (TU) als Betreiberin versichert aber: alles vollkommen unbedenklich. Die Abwässer aus der Radiochemie (RCM) und dem Forschungsreaktor stellen laut TU keine Bedrohung dar weder für Mensch noch für Umwelt. Sie hätte die zum Jahresende auslaufende Genehmigung daher gern um 30 Jahre verlängert. Kritiker hingegen wollen die Isar geschützt wissen vor Abfällen jeglicher Art – auch wenn das Reaktor-Abwasser als „schwach radioaktiv“ eingestuft ist.

„Es gibt ein Worst-Case-Szenario“, sagt TU-Pressesprecherin Andrea Voit gegenüber dem Münchner Merkur: „Sie müssten eineinhalb Monate an dem Kanal verbringen, sich von dort gezogenem Gemüse und grasendem Vieh ernähren, um dieselbe Dosis zu erhalten, die Ihnen ein Flug von Frankfurt nach Gran Canaria an kosmischer Strahlung beschert.“ Und wer hänge schon 1000 Stunden an einem Abwasserkanal herum?

Radioaktives Abwasser in Isar: So viel Prozent macht der TU-Anteil aus

Voit verweist auf eine Studie des Bayerischen Landesamts für Umwelt, derzufolge FRM II und RCM für 0,3 Prozent der radioaktiven Einleitungen in die Isar verantwortlich sind. „Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.“ Kliniken und Arztpraxen sorgen demnach für das Gros der Belastung. Kontrastmittel etwa, die über das Klärwerk Großlappen in den Fluss gelangen, oder strahlende Rückstände medizinischer Behandlung, die, auf dem Klo ausgeschieden, ihren natürlichen Gang gehen.

Dass die Isar trotz des radioaktiven Abwassers nicht giftgrün strahlt, liegt laut Voit am verantwortungsvollen Umgang mit den Abwässern zurück. Einleitungen würden zuvor gefiltert, die gefilterten Abfälle dem Zwischenlager im bayerischen Mitterteich überlassen. „Die technischen Möglichkeiten sind ausgereizt.“

Radioaktives Abwasser in Isar: Grüne fordern Abschaltung des Reaktors

Kritiker werfen der TU vor, den Reaktor entgegen den Vorgaben aus der Betriebsgenehmigung mit hoch angereichertem Uran zu fahren und noch immer nicht auf niedrig angereicherten Brennstoff umgestellt zu haben. Momentan steht der FRM II still (siehe unten), geht es nach dem Grünen Landtagsabgeordneten Markus Büchler aus Oberschleißheim, dürfte der Reaktor gar nicht mehr in Betrieb gehen.

Die TU-Sprecherin räumt ein, trotz Kooperation mit europäischen Reaktorbetreibern (Projekt Herakles) keine Lösung gefunden zu haben. Demnächst sollen aber drei geeigneter Kandidaten erprobt werden. Bürokratische Hemmnisse würden Testläufe in die Länge ziehen.

Ohne radioaktives Material sind Forschung und Medizin laut Voit heute nicht denkbar. Von der Entwicklung leistungsfähiger Batterien für alternative Energien bis zur Bekämpfung von Prostata- und Bauchspeicheldrüsentumoren mit strahlenden Isotopen – „dafür braucht es die Neutronen-Forschung“.

Radioaktives Abwasser: „Unsere Isar ist nicht das Atomklo der TU“

Kritiker hingegen stört, dass die TU Alternativen zur Einleitung radioaktiven Abwässer ignoriert. Auch während der seit Dienstag in Ismaning laufenden Erörterung ihres wasserrechtlichen Antrags habe die TU nicht begründen können, weshalb die Abwässer nicht längst anderweitig entsorgt würden, beklagte Büchler: „Technisch wäre das kein Problem.“

Die Abordnung der Landtagsfraktion der Grünen hat die Anhörung nach dem ersten von zwei Tagen verlassen. Die für gestern anberaumte verfahrensrechtliche Debatte mit den Reaktorbetreibern werten die Grünen als „fruchtlos“. Büchler sorgt sich, dass das Landratsamt als Ausrichter der Veranstaltung und letztlich entscheidende Behörde dem Druck der TU nicht standhalten wird. „Wir werden das Verfahren auf alle Fälle weiter beobachten“, versichert Büchler. „Unsere Isar ist nicht das Atomklo der TU und der Staatsregierung.“

Reaktor steht weiter  still

Der Forschungsreaktor FRM II in Garching steht seit März still. Der Nachschub an Uran stockt. Es scheitert am Transport der Brennelemente aus Frankreich, wo es produziert wird. „Die teuren Anlagen stehen still, die Forschungfortschritte verzögern sich“, moniert Astrid Schneidewind, gewählte Vorsitzende des Komitees für Forschung mit Neutronen (KFN). Für die wissenschaftliche Nutzung seien solche langen unvorhergesehenen Verzögerungen höchst kritisch. Experimente, die lange geplant wurden, müssten auf unbestimmte Zeit verschoben werden. „Wir bitten daher dringend darum“, schreibt Schneidewind in einer Pressemitteilung, „schnell eine Lösung dieses Transportproblems – selbstverständlich unter Beachtung aller erforderlichen Sicherheitsaspekte – zu finden, um die wissenschaftlich und wirtschaftlich effizienteste Nutzung der zukünftig einzigen Neutronenquelle in Deutschland in den kommenden Jahren zu ermöglichen.“

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