+
Mit dem belgischen Schäferhund Haroun geben Helga Poschenrieder und Lu Miao einen stimmigen Vorort-Haushalt ab.

Ein Besuch

Oberbayerin (81) wohnt mit Fernost (29): Garchings ungewöhnliche WG

  • schließen

52 Jahre trennen zwei Mitbewohner einer Wohngemeinschaft in Garching: Doch obwohl hier Bayern auf Fernost treffen, funktioniert die WG. Ein Besuch.

Es ist warm auf der Terrasse des kleinen Häuschens in Garching, angenehm warm. Hier, vor den Toren Münchens, wo es ruhig ist und die Welt noch in Ordnung scheint, sitzen Helga Poschenrieder und Lu Miao. Sie, 81 Jahre alt, relativ klein, weißes Haar, Brille. Er, 29 Jahre alt, schlank und durchtrainiert, dunkler Teint. Zwei Menschen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Und doch vereint die beiden eines: Sie leben gemeinsam unter einem Dach.

Helga Poschenrieder ist 81 Jahre alt, pensionierte Diplom-Psychologin. Lu Miao ist 29 und Doktorand an der Technischen Universität München. Vor drei Jahren verschlug es ihn nach München, ursprünglich stammt er aus Liaoning, einer Provinz im Nordosten Chinas. Eine 81-jährige deutsche Rentnerin und ein 29-jähriger chinesischer Doktorand in einer WG? Jung und Alt unter einem Dach? Kann das überhaupt funktionieren? „Sieht man doch“, sagt Poschenrieder und lacht herzlich, und Miao stimmt ein. Es ist ein echtes Lachen, kein gezwungenes. Das ungleiche Duo versteht sich ausgezeichnet.

Möglich macht die ungewohnte Wohnkonstellation die Initiative „Wohnen für Hilfe“. Die Organisation bringt Senioren mit jungen Menschen unter ein Dach – auf neudeutsch nennt sich die Idee dahinter, „Synergien zu schaffen“. Der junge Partner bekommt eine kostengünstige Wohnmöglichkeit. Keine Miete, lediglich die anfallenden Nebenkosten sind zu bezahlen. Miao zahlt 60 Euro im Monat. 60 Euro für ein Zimmer mit eigenem Bad und der Möglichkeit, Wohnräume und Küche, Garten und Terrasse zu nutzen. 60 Euro für eine Unterkunft, von der aus er keine zehn Minuten mit dem Rad in die Uni braucht.

Für eine „Synergie“ braucht es immer zwei Profiteure. Poschenrieder bekommt daher nicht nur 60 Euro, um den Verbrauch zu decken. Miao geht ihr als Gegenleistung im Haushalt zur Hand. „Er arbeitet im Garten, schippt Schnee, trägt mir schwere Sachen oder passt auf Haroun, meinen Hund, auf“, sagt sie. Und zwar 15 Stunden wöchentlich, wegen seines 15 Quadratmeter großen Zimmers. Das ist der Deal.

Lu Miao wohnt, Lu Miao hilft.

Für beide Wohnungspartner war das Zusammentreffen ein Glücksfall. Nachdem Helga Poschenrieders Ehemann vor drei Jahren verstorben war, fühlte sie sich einsam in ihrem Haus. Aus der Zeitung erfuhr sie von Wohnen für Hilfe. Mindestens drei Interessenten werden den Senioren normalerweise vorgestellt, um eine gewisse Auswahl zu schaffen. „Nach dem zweiten habe ich gesagt: ,Den dritten brauchen Sie nicht mehr zu schicken‘“, erzählt die 81-Jährige. Der zweite Interessent war Lu Miao. Er hatte bei einer Textverständnis-Übung in seinem Deutsch-Kurs vom Projekt erfahren, sich informiert und bei Poschenrieder vorgestellt. „Es hat gleich gepasst“, sagt er. Seine Mitbewohnerin stimmt ihm zu. „Mein Sohn und meine Schwiegertochter haben auch gesagt: ,Nimm den.‘“

Inzwischen sind die beiden mehr als nur Freunde. Miao gehört schon zur Familie, ist regelmäßig bei Verwandtschaftstreffen dabei. „Zweimal habe ich schon Weihnachten hier verbracht“, erzählt er. Und doch ist es nicht wie in einer Familie, denn Streit haben die beiden nie. „Bis jetzt gab es gar keine Probleme“, meint Poschenrieder. „Natürlich darf man nicht zu kleinlich sein – beidseitig. Sonst funktioniert es wahrscheinlich nicht so gut.“

Das sonnige Plätzchen auf ihrer Terrasse genießen Helga Poschenrieder und Lu Miao gerne. Hier fühlen sie sich wohl, hier sind sie zu Hause – beide.

Damit es nicht doch zu Problemen kommt, ist die Initiative Wohnen für Hilfe stets über den Stand der Dinge informiert. „Es ist sehr wichtig, dass es für beide Parteien passt“, sagt Ursula Schneider-Savage. Sie ist die Ansprechpartnerin des Projekts im Landkreis München. Daher steht sie in regem Kontakt mit beiden Wohnpartnern. „Die Träger des Projekts fragen regelmäßig bei uns nach, ob alles in Ordnung ist“, erzählt Poschenrieder. „Und zwar separat. Durch die beidseitige Kündigungsmöglichkeit und die Probezeit am Anfang hat man außerdem immer eine Sicherheit.“ Angst vor einer Partnerschaft, die nicht passt, müsse man also keinesfalls haben, meint sie. „Es funktioniert, wenn man sich darauf einlässt.“ Ihr Blick fällt auf die schwere Abdeckung für den Gartenteich. Sie muss noch aufgeräumt werden. „Würdest du das bitte machen?“, fragt sie Miao. Der Doktorand steht auf und macht sich daran. Er widerspricht nicht. Natürlich nicht, es ist eine Sache der Höflichkeit – und eine Selbstverständlichkeit.

Wohnen für Hilfe. Ganz einfach.

Gleichermaßen versteht es sich für Helga Poschenrieder von selbst, ihren Mitbewohner bei sprachlichen Barrieren zu unterstützen. Insbesondere, wenn es um die berüchtigte deutsche Bürokratie geht. „Wir helfen uns gegenseitig“, so die Seniorin. Hier und da gibt sie ihm persönlichen Deutschunterricht für Sprichwörter. „Ich verstehe nur Bahnhof“, gibt Miao das Gelernte wieder und lacht. Er und Poschenrieder unterhalten sich oft bis spät in die Nacht. Dann reden sie vor allem über Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer beider Kulturen – und entdecken so manchmal interessante Zufälle. „Wir sind darauf gekommen, dass in der Provinz Liaoning Sauerkraut mit Blutwurst eine Spezialität ist“, sagt Poschenrieder. „Ich habe mir vorher oft gedacht, dass ich ihm das nicht zumuten kann.“ Letztlich auch für Miao eine Überraschung: „Ich dachte, das gibt es nur bei uns in China“, meint er und schmunzelt.

Der 29-Jährige ist wissbegierig, möchte alles über die deutsche Kultur lernen. „Sport im Verein zu treiben und Menschen über den Sportverein kennenzulernen, das gibt es nur in Deutschland“, sagt er. „Das finde ich sehr schön.“ Er spielt selbst mehrmals in der Woche Volleyball im Verein – und hat dort Freunde gefunden. Einige beneiden ihn um seine ungewöhnliche, aber komfortable Wohnsituation. Poschenrieder freut sich, dass sich ihr Wohnpartner hierzulande so gut eingelebt hat: „Es ist eine tolle Einstellung, sich mit dem Land, in dem man lebt, zu beschäftigen“, sagt sie, während sie Haroun den Kopf streichelt. Der Belgische Schäferhund ist immer dabei. Er komplettiert den stimmigen Vorort-Haushalt.

Wie lange die beiden noch zusammen wohnen werden, ist ungewiss. Lu Miao wird diesen Sommer wohl seine Doktorarbeit fertigstellen, möchte aber gerne in München bleiben: „Es ist eine schöne Stadt.“ Er ist auf der Suche nach einem passenden Arbeitgeber. Wie es dann weitergeht? „Das müssen wir sehen“, sagt Poschenrieder. Derzeit profitieren sie und Miao jedenfalls von ihrer ungewöhnlichen WG. Sie helfen sich und verbringen Zeit miteinander. Synergien wurden geschaffen, Projekt geglückt.

Der Autor wohnt selber in einer WG und ist überrascht: Es geht anscheinend ohne Ärger. Er würde gern mit Lu tauschen..

Michael Grözinger, 24, Volontär beim Münchner Merkur Würmtal

Alter, die Jugend! Eine Volontärs-Beilage

Dieser Text ist Teil der Beilage Alter, die Jugend!“. Die Volontäre von Münchner Merkur, tz und Merkur.de haben sich auf die Suche nach Geschichten gemacht, die das Verhältnis der jungen Leute zum Alter und anders herum erzählen. Hier geht es zum Überblick über alle Artikel.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Nach Unfall: Betrunkener (23) bespuckt Polizisten
Einen Sachschaden von 50 000 Euro hat ein Betrunkener am Sonntag gegen 2.40 Uhr bei einem Unfall in Markt Schwaben angerichtet. Und noch anderes mehr, berichtet die …
Nach Unfall: Betrunkener (23) bespuckt Polizisten
Mit 0,9 Promille in Oberschleißheim von der Polizei gestoppt
Nachdem er Glühwein getrunken hatte, ist ein Autofahrer bei einer Verkehrskontrolle in Oberschleißheim von der Polizei gestoppt worden.
Mit 0,9 Promille in Oberschleißheim von der Polizei gestoppt
Schüler-Prognose schockt Garching
Eine Prognose, die den Stadtrat Garching schockt: Sie sagt einen unerwartet rasanten Anstieg der Schülerzahlen vorher. Dann reichen die Schulen vorne und hinten nicht.
Schüler-Prognose schockt Garching
„Hier darf jeder so sein, wie er ist“
Vor 40 Jahren wurde die Kolpingsfamilie Schäftlarn gegründet. Dieses Jubiläum soll nun mit einem Festakt in St Benedikt gebührend gefeiert werden.
„Hier darf jeder so sein, wie er ist“

Kommentare