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Zwischenstation: Auf einem Feld im Osten von Ismaning hatte Christine Scherr eine Zeit lang 35 Bullen untergebracht. Von dort siedelte sie die Tiere in einen Stall nach Dorfen (Landkreis Erding) um.

Verhandlung am Verwaltungsgericht

Weniger Rinder könnten die Rettung sein

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Garching - Leben die Zeburinder von Christine Scherr in Garching unter tierunwürdigen Verhältnissen oder ist die 56-Jährige ein Behörden-Opfer? Um diese Frage ging es gestern am Verwaltungsgericht. Ein Urteil, ob die Herde aufgelöst wird, steht aus.

Es sind ordnerweise Akten und Fotos, die Marie-Sophie Scherr in einer großen Tasche in den Gerichtssaal schleppt – und neben all dem Papier hat die Tochter von Christine Scherr auch ihr Gespür für die Inszenierung nicht vergessen. Die 24-Jährige trägt zur Lederhose ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Landwirte wurden erschaffen, weil die Menschheit noch Helden braucht.“ Und dann ist da noch ein zweiter, kleinerer Beutel. Aus ihm wird Marie-Sophie Scherr im Laufe dieser Verhandlung je ein Büschel Heu und frisches Gras hervorziehen, verbunden mit der Frage an den Vorsitzenden Richter Dietmar Wolff, was Zeburindern wohl besser schmecke. Outfit wie Futter sollen vor allem eines unterstreichen: Hier ist eine junge Frau, die sich um Tiere sorgt. Genau das jedoch stellt das Veterinäramt am Landratsamt München infrage. Die Behörde hat verfügt, dass die Herde von Marie-Sophies Mutter Christine Scherr aufgelöst wird und dass Letztere keine Rinder mehr halten darf. Der Grund: Nach Ansicht der Experten leben die 115 Rinder und 20 Kälber auf dem Gelände in Garching-Hochbrück unter tierschutzwidrigen Bedingungen. Der Sachverhalt ist kompliziert, und während des Prozesses ist viel die Rede von Bescheinigungen, Unterständen, Blutproben und verschiedenen Ansichten zur Robustheit von Zwergzebus. Und natürlich von der Vorgeschichte, denn die ist lang und komplex: Im Jahr 2014 hat Christine Scherr infolge eines Familienstreits einen Bauernhof in Ismaning verloren, auf dem sie ihre Zebuherde gehalten hat. In der Folge musste sie eine neue Heimat für die Tiere finden. Der größere Teil – die Mutterkuh-Herde – kam auf einem neun Hektar großen Areal im Südwesten von Hochbrück unter, auf dem früheren Bundeswehrgelände. Die Bullen hingegen hielt Scherr anfangs weiter in Ismaning, auf einem Feld unweit ihres früheren Hofs an der Goldach – bis das Veterinäramt intervenierte. Wegen der dortigen Zustände drohte es mit der Zwangsschlachtung der Tiere, die ohnehin für den Verzehr gezüchtet werden. Erst in letzter Minute fand Scherr ein neues Zuhause für die Bullen – in einem Stall in Dorfen (Landkreis Erding). Derweil erachtete das Veterinäramt auch das Gelände in Hochbrück als ungeeignet für die Rinderhaltung. Im Januar 2015 ordnete es dort den Bau eines Not-Unterstands an, der vom Technischen Hilfswerk errichtet wurde. Die Kosten hierfür, rund 8000 Euro, stellte die Behörde Christine Scherr in Rechnung – auch dagegen hat sie geklagt. Gut ein Jahr später erließ das Landratsamt dann jenen Bescheid, wonach Scherr die Rinderhaltung in Hochbrück untersagt wird, und dessen Anfechtung zum Prozess vor dem Münchner Verwaltungsgericht geführt hat. Seit nunmehr zehn Jahren ärgere man sich mit der Klägerin herum, berichteten die Vertreterinnen des Veterinäramts. In Hochbrück habe man bei Kontrollen unterernährte Rinder angetroffen; dazu seien etliche Tiere im Winter gestorben, der dortige Unterstand sei ungenügend und das Gelände für so eine Herde viel zu klein. Diesem letzten Punkt stimmte Scherr zu, jedoch machte sie hierfür das Veterinäramt verantwortlich. Die Behörde verweigere ihr die nötige Bescheinigung, damit sie die Tiere verkaufen könne. „Ich würde die Herde ja gerne um die Hälfte verringern“, sagte Christine Scherr. Ausgehend von einer Reduzierung des Tierbestands hätte Richter Wolff gerne beide Seiten zu einem Kompromiss bewogen. Denn: „Ein zweifelsfrei eindeutiger Fall ist es nicht“, betonte er und fügte hinzu: „Das Gericht hält es für vertretbar, dass die Klägerin mit einer deutlichen Bestandsverringerung noch mal eine Chance erhält.“ Der Verteidiger von Christine Scherr, der aus diversen Fernsehshows bekannte Anwalt Sewarion Kirkitadse, bot einen entsprechenden Vergleich an. Doch die Vertreter des Landratsamts lehnten dies kategorisch ab. Nun wird das Verwaltungsgericht ein Urteil in der Sache fällen; am heutigen Donnerstag soll es bekannt gegeben werden.

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